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Jahrhunderte



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„Es schien, als würde die weiße, alte Brücke, über die drei Jahrhunderte ohne Spuren und Narben hinweggegangen waren, auch »unter dem neuen Herrscher« unverändert bleiben und auch dieser Flut von Neuheiten und Veränderungen widerstehen, wie sie immer auch den höchsten Überschwemmungen widerstanden hatte und aus den wütenden, trüben Wassermassen, die sie überfluteten, unberührt und weiß, wie wiedergeboren, aufgetaucht war.“ (Ivo Andrić, Die Brücke über die Drina)

*

Etwas bleibt immer an diesem Ort - ein Wahrzeichen, ein Treffpunkt und ein Zeuge über die Jahrhunderte. Das eindrucksvolle Monument der über 180 Meter langen Drinabrücke inspiriert zu gedanklichen Höhenflügen. Ivo Andrić (1892-1975) schrieb über die nach ihren Bauherrn, dem Großwesir Mehmed Paša Sokolović benannte Bogenbrücke seinen wohl bedeutendsten historischen Roman Die Brücke über die Drina (1945). Die elfbögige Steinbrücke befindet sich in der nahe an der serbischen Grenze gelegenen bosnischen Stadt Višegrad. Hier verbrachte der Autor seine Kindheit. Andrićs historisches Panorama beleuchtet das Leben der Menschen an der Brücke vom jahrelangen Brückenbau im 16. Jahrhundert bis zu ihrer Zerstörung im 20. Jahrhundert. Der jugoslawische Schriftsteller und Politiker erhielt 1961 für sein Gesamtwerk den Literaturnobelpreis. Doch bereits 1953 wurde das vielschichtige Epos erstmals von Ernst E. Jonas aus dem Serbischen ins Deutsche übersetzt. Die alte Übersetzung wurde zuletzt von Katharina Wolf-Grießhaber überarbeitet.

Andrićs Chronik beschreibt episodenhaft das Schicksal von Generationen in Višegrad, ohne eine Figur besonders hervorzuheben. Prägnante Charaktere, wie Spieler, Alkoholiker, Verbrecher oder psychisch kranke und behinderte Menschen überqueren die Brücke. Auch im Textfluss auftauchenden, an der Bogenbrücke ansässigen Soldaten, Hoteliers oder Bürgermeistern ist das Glück nicht immer gewogen. Biographien werden geschildert und Fährten aufgenommen, um diese dann an einer Weggabelung wieder zu verlassen. Während die Anwohner mit gesellschaftlichen Umbrüchen leidvoll hadern, trotzt die stetig präsente Brücke auch Hochwassern und Kriegen. Doch 1914 werden drei Bögen der Brücke von der damaligen österreichisch-ungarischen Besatzung zerstört.

Man braucht einen langen Atem, wenn man Andrićs Roman liest. Überwiegend wird aus der übergeordneten Perspektive eines anonymen bleibenden Chronisten erzählt. Dieser nimmt die Erzählstränge zwischen den Jahren stets mit einer unübersichtlichen Figurenvielzahl neu auf, jedoch ohne dass eine Entwicklung individueller Charaktere nachvollzogen wird. Für diese meist mit sich und ihrem Schicksal hadernden Gestalten eröffnen sich selten positive, neue Perspektiven am Horizont. Veränderungen werden hier als schleichender Prozess für eine ganze Gruppe von Menschen anschaulich gemacht:


„Dieselben Menschen, die in ihren Häusern in allem die alte Ordnung beibehielten und nicht daran dachten, sie zu ändern, fanden sich meist leicht mit diesen Veränderungen in der Stadt ab und nahmen sie nach längerem oder kürzerem Murren hin. Natürlich bedeutete das neue Leben auch hier, wie überall und immer unter solchen Verhältnissen, in Wahrheit eine Mischung aus Altem und Neuem. Die alten Auffassungen und Werte kollidierten mit den neuen, vermischten sich oder lebten nebeneinander her, als warteten sie ab, wer wen überleben werde. Die Menschen rechneten in Forint und Kreuzern, aber ebenso in Groschen und Para, sie maßen in Arschin, in Okka und Dram, aber auch in Metern, Kilogramm und Gramm, sie legten ihre Zahlungs- und Liefertermine nach dem neuen Kalender fest, aber noch häufiger nach alten Gewohnheiten, auf den Georgstag oder den Demetriustag.“ (S. 198)


Der behäbige Erzählstil, der immer wieder gesamtgesellschaftliche Erfahrungen aufgreift, um an ihnen etwas Allgemeingültiges zu veranschaulichen, mutet manchmal etwas pathetisch-langatmig an. Hier glaubt man auch in der Sprache dem Werk angesetzten Altersstaub anzumerken. Spannung erzeugen hingegen genaue Detailbeobachtungen bei den Begegnungen der Charaktere oder in ihrer selten konfliktfreien zwischenmenschlichen Kommunikation. So betrachtet etwa die junge Lehrerin Zohra gegen Ende des 19. Jahrhunderts einen Brief von einem Geliebten mit gemischten Gefühlen:


„Der Brief, der von ihm eintraf, war vollendet formuliert, ein kleines Muster literarischer Kunst, aber abgewogen wie die Meinung eines Advokaten und klar und durchsichtig wie ein leeres Glasgefäß. In ihm war von lebendiger Liebe die Rede, aber so, als ruhten sie bereits seit hundert Jahren als berühmte Tote in ihren Gräbern.“ (S. 416)


Insgesamt entfacht das Werk in all seinen Schichten jedoch ein kraftvolles, detail- und pointenreiches, oft auch grausames Geschichtspanorama. Der Roman endet mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges und dem Entstehen Jugoslawiens. Doch es scheint weiterhin wichtig, Brücken zwischen den Bevölkerungsgruppen zu bauen. Unweit von Višegrad kam es im Jugoslawienkrieg Ende des 20. Jahrhunderts flussabwärts zu Massakern. Mehrmals rekonstruiert, repariert und erneuert besteht die Drinabrücke heute wieder. Seit 2007 gehört sie zum Weltkulturerbe der UNESCO. Vermutlich hat hierzu auch Ivo Andrićs eindrucksvolles Meisterwerk beigetragen.
Ansgar Skoda - 4. Juni 2017
ID 10062
Ivo Andrić | Die Brücke über die Drina
Taschenbuch, 496 Seiten
EUR 9,90
Deutscher Taschenbuch Verlag, 2013
ISBN 9783423142359


Weitere Infos siehe auch: https://www.dtv.de/buch/ivo-andric-die-bruecke-ueber-die-drina-14235/


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