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Etymologie

Yinglish und

Ameriddish


Jüdische Kultur im anglo-amerikanischen Kontext



Die Tradition des jüdischen Witzes lebt heute vor allem in den USA weiter - am ursprünglichsten im Jiddischen, so wie es dort - wenn auch in beklagenswert rückläufiger Entwicklung - gepflegt wird. Darüber hinaus beeinflusst das Jiddische jedoch bis heute das Englische. Man prägte daher in der Epoche zwischen 1950 und 1955 die Bezeichnung Yinglish; sie ist ein "blend", wie die Linguisten sagen, eine Zusammensetzung aus zwei Wortbestandteilen: "Yiddish" und "English" ergab Yinglish.


Yinglish und Ameriddish

Wichtig ist allerdings die Unterscheidung, die der amerikanische Autor Leo Rosten (1908-1997) in seinem Bestseller The Joys of Yiddish (1970) getroffen hat: Die Bezeichnung Yinglish verwendet man für Wörter, die umgangssprachlich innerhalb und außerhalb der USA gebraucht werden: "kibitzer", "mishmash", "bagel" usw. Daneben gibt es Wörter, die nur im amerikanisch-jüdischen Kontext verstanden werden: In den Catskill Mountains, dem El Dorado amerikanisch-jüdischer Sommerurlauber, nennt man z.B. Zimmer oder Bungalows mit Kochmöglichkeit "kochalayns" - hergeleitet aus den uns vertrauten Wörtern "kochen" und "allein". Und wer dort anderen in die Karten schaut, den nennt man einen "kibitzer". Für solche Ausdrücke prägte Rosten wiederum ein blend, diesmal aus "American" und "Yiddish" - nämlich Ameriddish.

Amerikanische Theaterstücke, Fernsehshows und Werbespots enthalten häufig Ausdrücke, die sich in ihrem hintergründigen Humor nur dem erschließen, der mit dem Yinglish und Ameriddish vertraut ist. So hört man New Yorker Discjockeys, wenn für Jugendliche die Sperrstunde beginnt, gelegentlich ins Mikrophon hauchen: "It's shpeter than you think, kids!"

Will man sich mit jüdisch-amerikanischem Humor vertraut machen, sollte man Leo Rostens Bücher lesen, z.B. The Joys of Yiddish (1968) oder Hooray for Yiddish (1982).


Echo- und Gegenfragen

Rosten ist ein witziger Kommentator, kein "alrightnik", sondern ein kritischer Beobachter. Sein Definitionsstil ist scharfzüngig und nicht "fancy-shmancy" (dt. Schickimicki). Es gibt kaum ein Wörterbuch, in das in vergleichbar amüsanter Weise Witze eingestreut wären, um Worterklärungen zu verdeutlichen: Ein "maven" ist z.B. ein Experte; das Wort wurde aus dem Hebräischen über das Jiddische ins Amerikanische übernommen und ist absolut geläufig. Ein "maven" für Yinglish und Ameriddish kennt neben den grammatischen auch rhetorische Eigenheiten dieser Varianten, z.B. die Echofrage, mit der man die Unsinnigkeit einer Ausgangsfrage betont: Er bleibt wie lange in Berlin? Schwierige Fragen pariert man mit einer Gegenfrage. Sagt also O'Neill zu seinem jüdischen Freund: "Pinsky, warum beantworten Juden jede Frage mit einer Gegenfrage?", so erwidert dieser: "Warum nicht?"

Doch Grammatik und rhetorische Tricks waren für die Integration amerikanischer Juden, wie es der Literaturwissenschaftler Irving Howe (1920-1993) in seinem Buch World of Our Fathers (1976) präzisierte, nicht das Entscheidende: "The difficulties were basically cultural." Dem "altehrwürdigen Verbot, sich mit nichtjüdischer Kultur einzulassen", entstammt, wie auch Jan Meyerowitz (1913-1998) in Der echte jüdische Witz (1971) betonte, eine reiche Quelle jüdischen Witzes, nicht nur in den USA.

Durch ein Beispiel unterstreicht Meyerowitz "mit einem ziemlichen Schuss gar nicht immer so lustiger Boseit", den Zweifel an der Wünschbarkeit und Möglichkeit der Assimilation: Ein Jude geht in die Götterdämmerung. Es dauert drei Stunden, vier Stunden, fünf Stunden, sechs Stunden!! Als er aus dem Theater kommt. fragen ihn die Freunde, wie es gewesen sei? "Oh, herrlich, wunderbar, nur der Schluss war ebbes überstirzt!"
Christoph Gutknecht - 24. Mai 2020
ID 12259


Post an Prof. Dr. Christoph Gutknecht

https://www.slm.uni-hamburg.de/iaa/personen/ehemalige-emeriti/gutknecht-christoph.html

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