Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 2

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Etymologie

Jiddisch in Corona-Zeiten



Die Zahl heutiger Jiddisch-Sprecher ist – so konstatiert die Abteilung für Jiddische Kultur, Sprache und Literatur der Universität Düsseldorf – nicht bezifferbar: Schätzungen bewegen sich weltweit zwischen 100.000 und einer Million, vor dem Zweiten Weltkrieg waren es rund 11 Millionen. Derzeit produziert das Jiddische bedrückende Corona-Neologismen wie "farschparung" (Ausgangssperre), "opgesundert" (isoliert) und "oisplatschikn die krume" (die Kurve abflachen), aber auch positive Hinweise.

In einem Projekt des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien legte die Sozialwissenschaftlerin Elke-Vera Kotowski einen grandiosen Band vor: "… a thejl fun jener kraft"/"…ein Teil von jener Kraft": Jiddische Übersetzungen deutsch-sprachiger Literatur in der Zwischenkriegszeit (1919-1939) (Leipzig 2020).

Der Journalist und Buchautor Ronen Steinke präsentierte mit dem »Debattenbuch« Antisemitismus in der Sprache. Warum es auf die Wortwahl ankommt (Berlin 2020) subtile semantische Analysen zu jiddisch-stämmigen Lexemen – u.a. zum Verb "mauscheln": "es ist abgeleitet von Mauschel, der jiddischen Form des Vornamen Moses (auf Hebräisch Mosche), der als Spottname für jüdische Händler oder auch allgemein für arme Juden hergenommen wurde… Mauscheln bedeutet 'reden wie ein Jude'." Steinke präzisierte: "Auch wenn die Herkunft des Verbs … vielen Menschen nicht bewusst ist, vor allem weil in der Folge des Völkermords an den europäischen Juden jiddische Namen heute weitgehend aus dem deutschen Sprachraum verschwunden sind, bleibt die eindeutige Bezugnahme auf Juden bestehen und bleibt vor allem auch die Abfälligkeit bestehen. Es sollte deshalb im Sprachgebrauch unbedingt vermieden werden."

Darauf, dass die Netflix-Erfolgsserie Unorthodox dem Jiddischen auf der Spur sei, deuteten Esteban Engel und Sara Lemel am 12.05.2020 in der Jüdischen Allgemeinen. Dass die Sprache vielen Einflüssen der jüdischen Diaspora ausgesetzt war, bezeugt im Film der Yinglish-Spruch: "S’iz geven der greste mistake in mayn leybn." Zu Recht verwies der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn in der FAZ schon am 25.03.2020 auf antijüdische Stereotype: "Da die meisten Zuschauer von Unorthodox wahrscheinlich das Judentum noch weniger kennen als Christentum und Islam, werden sie daraus fehlschließen‚ 'das Judentum' verdamme Fleischeslust. So wird 'Aufklärung' in Fehlinformation verwandelt und 'das' Judentum als frauenfeindlich stigmatisiert." Auch der britisch-deutsche Journalist Alan Posener sprach in der Welt (am 3.4.2020) vom "Feelgood-Movie für Berliner Hipster und solche, die es gerne wären".

YIVO, das New Yorker Institute for Jewish Research (Yidisher wisnshaftlekher institut) ist das bedeutendste Archiv für jiddisches Schriftgut mit über 23 Millionen Archivalien (u.a. Zeitungen, Plakaten, Briefen, Tonaufnahmen) und einer Bibliothek mit 385.000 Büchern. Für Andreas Nachama und Gereon Sievernich war die Institution im Ausstellungskatalog Jüdische Lebenswelten (1991) noch "eine der wichtigsten Quellen für Historiker, Volkskundler, Literatur- und Sprachwissenschaftler, die sich mit dem osteuropäischen Judentum befassen." Anfang 2020 traf die Einrichtung ein übler Schlag, als finanzbedingt alle Bibliothekare - versierte Jiddisch-Experten - entlassen wurden.

Auch das Kulturzentrum Yung Yiddish, das im Tel Aviver Busbahnhof u.a. einen Jiddisch-Bücherschatz von 65.000 Exemplaren beherbergt, ist durch Corona und einhergehende Veranstaltungsabsagen in Gefahr. Der Pianist David Serebrjanik rief daher in der Jüdischen Rundschau - "mit groysem Dank und groysem Shkoyach!" ̶ zu Spenden auf: "Wenn die Corona-Krise vorbei ist, soll dieser Ort, neben seiner Funktion als Bibliothek, wieder ein buntes Publikum zu Konzerten, Vorträgen, Performances, Theatervorstellungen und vielem mehr willkommen heißen."

Gab es einen Lichtblick während der Pandemie? Zweifellos: Der profilierte Komponist und Arrangeur Roman Grinberg, Intendant des European Jewish Choirs Festival und des Yiddish Culture Festival Vienna, sang in diesen schwierigen Zeiten den Corona-Song mit dem Titel "Lomir Zayn Gezint!" (Lass uns gesund bleiben!).


Christoph Gutknecht - 2. Februar 2021
ID 12727

Post an Prof. Dr. Christoph Gutknecht

https://www.slm.uni-hamburg.de/iaa/personen/ehemalige-emeriti/gutknecht-christoph.html

ETYMOLOGISCHES



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!



Vielen Dank.



  Anzeige:


LITERATUR Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

AUTORENLESUNGEN

BUCHKRITIKEN

DEBATTEN

ETYMOLOGISCHES
von Professor Gutknecht

INTERVIEWS

KURZGESCHICHTEN-
WETTBEWERB
[Archiv]

LESEN IM URLAUB

PORTRÄTS
Autoren, Bibliotheken, Verlage

UNSERE NEUE GESCHICHTE


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal





Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2021 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de