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nachDRUCK # 2

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Roman

Das Paradies

wird in der

Kunst

verteidigt



Bewertung:    



Nennen Sie ein altes deutsches Volkslied. Ihnen fällt keines ein? Dann wählen Sie unter diesen dreien:


A. „Am Brunnen vor dem Tore“

B. „Ich war noch niemals in New York"

C. „99 Luftballons"



Alles relativ, sagen Sie? Was alt ist, bestimmt Gott Chronos, was ein Volkslied ist, der Volksgeschmack, und was deutsch ist… ja, wer bestimmt das eigentlich? Die Sprache, das Land, die Eltern, die Haltung zur Welt? Oder ist es gar die Erbausstattung? 

In Thomas von Steinaeckers neuem Roman Die Verteidigung des Paradieses, dessen Erzähler die genannten Lieder unterschiedslos zur Kategorie „Altes deutsches Volkslied“ zählt, sehen wir einem Menschen bei den Schwierigkeiten zu, sich daran zu erinnern, was es einmal geheißen haben mag, deutsch zu sein.

Denn die Welt, wie wir sie kennen, ist untergegangen, und die Welt, wie wir sie uns für die Zeit danach vorstellen, gleich mit. EIN Weltuntergang reicht diesem Roman nicht, es kommt gleich zweifach hart für die Figuren. Ein doppelter Untergang muss also erst stattfinden, damit erzählt werden kann - frisch, fromm, fröhlich, frei, wie man in Deutschland einst sagte. Später wird es dann nicht mehr ganz so fröhlich und frei, dafür ein wenig frommer. Es ist eine Post-Post-Apokalypse, doch offenbart wird, soviel kann man verraten, den letzten Menschen fürs Erste nicht viel.

Wenn wir in die Zukunft blicken, stellen wir uns ja immer die Frage, ob das Ende über uns hereinbrechen wird wie durch höhere Gewalt, oder ob es selbstgemacht sein wird durch eigenes Verschulden, durch menschliche Hybris, absehbar und trotzdem irgendwie unvermeidlich. Bei von Steinaecker befinden wir uns in einer Welt, in der gleich beides zutrifft - erst werden die Menschen die Umwelt verseucht haben, dann werden sie ihren Vorsprung durch Technik so weitgetrieben haben, dass sie sich angreifbar und verletzbar gemacht haben werden sogar von einem Sonnensturm – der sie dann wieder zurückgeworfen haben wird auf ein vorindustrielles, ja vorzivilisatorisches Niveau. Man merkt: eine Welt im Futur II.

Auf diesem Niveau nun beginnt der Roman, nämlich auf einer idyllisch gelegenen Alm bei Berchtesgaden. Sie trägt den idyllischen Namen Rosenalm; es gibt dort glückliche Kühe und eine Herde Paviane. Das Paradies, möchte man meinen, ist, wenn die meisten anderen weg sind. Der Stress der Zivilisation ist längst vergessen, keine Handys, kein Internet, das einzige Soziale Netzwerk ist die kleine Gruppe, mit der man von Tag zu Tag die Selbstversorgung gestalten muss.

Aber dieses Paradies, in dem der Erzähler, ein fünfzehnjähriger Junge namens Heinz, aufwächst, ist freilich erstens ein eingebildetes, zweitens ein künstliches, und drittens ein gefährdetes. Denn es besteht nur aus den Überresten der zuvor von geschickten Ingenieuren eingerichteten Idylle, von einer Pseudo-Natur, die den zwischenapokalyptischen Menschen ein biologisch nachhaltiges Leben vorgaukeln sollte, während sie eigentlich in Resorts mit den wiederum idyllischen Namen Waldeinsamkeit oder Schönau lebten, in denen sogar der Wechsel der Jahreszeiten einprogrammiert war. Zudem kommt nun, nach dem Untergang dieser Center-Parcs-Zivilisation, der Stress hinzu, sich mit der Natur auseinandersetzen zu müssen. Buchstäblich ums Überleben müssen sie kämpfen, vertrieben werden sie, Flüchtlinge sind sie, auf der Suche nach Schutz und Zivilisation im Großen Lager in der Ebene, von dem man sich erzählt. Da hilft es, dass der Anführer der Gruppe ein patenter Leader („Führer", wie man in Deutschland einst sagte) ist, ein anderer ein echter Kämpfer und erprobter Söldner, dann gibt es da eine Seele von Großmutter und ein Liebespaar, das schließlich mit einem Neugeborenen auf dem Arm um Herberge ersucht. Heinz hingegen muss seine Rolle erst finden, und sie scheint im Aufschreiben all dessen zu liegen, was diese Urgemeinschaft erlebt.

Der Journalist Oliver Jungen hat sie mit dem christlichen Figurenarsenal verglichen - Heinz, dem die Aufgabe zufällt, die Chronik des Überlebens zu schreiben, als Evangelist, der Leader als der Vater, die weise Oma als der Heilige Geist, dann der Soldat Gottes, das traute hochheilige Paar und schließlich das Kind, auf dem die Hoffnungen der Gruppe, ach was: der Menschheit! auf ein Weiterleben ruhen.

Tatsächlich ist das eine Analogie, die sich aufdrängt, wenn man die religiöse Ebene in Betracht zieht, die sich dem Leser, mit dem Titel beginnend, eröffnet. Überhaupt ist von Steinaecker ein Meister in der Anspielung, mal versteckt, mal offen, im Zitat und in der Collage, im Mischen und Adaptieren von Stilvorlagen wie Robinsonade, Abenteuer-, Reise- und Entwicklungsroman, im postmodern-intertextuellen Spiel mit Wörtern, Motiven und Konstellationen. Vieles von dem, was auf der Reise, die die Gruppe um Heinz schließlich unternimmt, geschieht, haben wir bereits irgendwo einmal gesehen oder gelesen – die verwüstete Welt, die Residuen der einstigen Zivilisation, die marodierenden Banden, Schleuser, Headhunter, das Recht des Stärkeren in Aktion, die aus der Grundkonstellation und dem Setting erwachsende Dynamik innerhalb der Gruppe etc.

Gipfel der romantischen Ironie ist jedoch: Auch der Erzähler weiß das! „Wir alle haben in Voruntergangszeiten genug Horrorgeschichten gehört und gesehen, um zu wissen, was da als nächstes folgen würde.“

Der Roman spielt in einer Welt, in der genau das eingetreten ist, was seine literarischen Vorbilder, McCarthys Die Straße und Haushofers Die Wand etwa, der Menschheit immer als Menetekel die Wand geschrieben haben. Und nun müssen sich die Menschen damit abfinden, dass sie selber nur Personal in einer solchen Geschichte sind, deren Genrezugehörigkeit ihnen vorgibt, was zu tun ist und was geschehen wird.

Die Verteidigung des Paradieses ist im also besten und herkömmlichen Sinne postmodern. Aber von Steinaecker widersteht der Versuchung, sich in diesem Spiel im Spiel zu erschöpfen. Seine Figuren sind uns nah, trotz allem Abstand, den die Singularität zwischen ihnen und uns geschaffen hat, ihr Handeln ist vielschichtig, trotz aller Vorhersehbarkeit, die das Genre vorgibt, und vor allem in Heinz, dessen Stimme uns über vierhundert Seiten begleitet, können wir uns einfühlen, sodass wir fiebernd fragen, wie es wohl mit ihm enden wird. Dieser Junge rührt in seiner Naivität, nervt in seiner Altklugheit und fasziniert in seiner Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.
Indem von Steinaecker sich des Genres der Postapokalypse bedient, wie es sich zwischen Mary Shelleys The Last Man bis hin zu The Walking Dead und weiter erstreckt, bedient er sich zugleich der Erwartungen des Lesers, ohne sie auf der Ebene der Geschichte allzu oft zu unterlaufen. Es ist eine eigene Welt, die da vor unseren Augen erscheint, aber doch vertraut. Es ist seltsam, sich in einer so fremden Umwelt so heimisch vorzukommen. Auch der Schrecken, den Heinz schildert, wenn die Gruppe ins Flüchtlingscamp kommt und gewärtigen muss, dass eben nicht die ganze Welt untergegangen ist, sondern nur Deutschland, und dass in der herbeigesehnten Zivilisation die Dinge nicht ganz so zivilisiert ablaufen wie gehofft, ist eigentlich ein Schrecken aus zweiter Hand.



Das ist Thomas von Steinaecker, der Autor des Romans Die Verteidigung des Paradieses | Foto (C) Dirk Skiba


Die eigentliche Überraschung hingegen liegt in der Sprache, mit der Heinz diese Geschichte von Hoffnung und Schrecken erzählt - oder sollte man sagen: die Sprache, die mit Heinz diese Geschichte erzählt? Denn was hier mit der Sprache vorgeht, ist von den Figuren und auch von dem, der schreibt, so abgelöst, dass sie uns wie ein heimlicher Protagonist vorkommen muss.

Anfangs irritiert der pseudo-jugendliche Slang, dessen Heinz sich bedient (oder der sich seiner bedient? Wer ist es, der da „foxy“ sagt und „deluxe“?), zumal er durchsetzt ist mit Einsprengseln aus einem Deutsch, wie man es heute schon kaum mehr hört: mit „Altwörtern“ wie „bestrickend“ oder „Würde“. Sogar „global“ ist in dieser Dystopie ein Altwort, ebenso wie eben Nena und Udo Jürgens Vertreter des alten deutschen Volkslieds sind. Dann wieder ist seine Sprache doch recht komplex für einen Fünfzehnjährigen, und alle paar Seiten bricht ungewollt und ungezügelt ein Satz aus ihm hervor, den wir irgendwo schon einmal gelesen haben oder wenigstens googlen können. Woher hat der Junge nur diese Wörter?

Heinz, so erfahren wir, ist eigentlich ein Klon, er hat das Schriftsteller-Gen, dazu ein Literaturimplantat unter der Haut, und all das lässt ihn all diese seltsamen Dinge schreiben: Versatzstücke aus einer sehr westlich geprägten Weltliteratur, zum größten Teil sogar deutscher Herkunft, aus dem Werk von Goethe, Thomas Mann, Kafka oder Günter Grass. So wie sein bester Freund, der Roboter-Fennek F-87, kein echtes Tier ist, ist auch Heinz im Grunde kein echter Mensch - zumindest nicht einer von denen, wie wir sie kannten. Auch er ist, genau wie die Welt, in der die Menschen lebten und wir leben (werden), nur ein künstliches Geschöpf.

Aber wie Pinocchio und Frankensteins Monster und den kleinen David aus dem Film A. I. die Frage umtreibt, wie sie zum echten, zum natürlichen Menschen werden können, fragt auch Heinz sich im Verlauf der Aufzeichnungen, was ihn eigentlich ausmache. Woher dieser Drang, alles aufzuschreiben? Woher diese Sprache? Und wohin mit all dem? Seine Suche nach sich selbst, sein Weg zum Eigentlichen, die Entdeckung der individuellen Aufgabe im Leben macht den stärksten Teil des Romans aus. Zum Glück geht der Wille des Autors zum postmodernen Erzählen nicht so weit, uns durch bemüht multiperspektivisches Erzählen auf fünf ineinander verschränkten Zeitebenen alle Lust an der Begleitung von Heinz’ sentimentaler Reise nach Innen zu vergällen (wie man in Deutschland einst sagte). Denn hier, in dieser Coming-of-Age-Geschichte, die die Entwicklung des Jungen zum Mann auch und gerade in seiner Sprache nachzeichnet, ermöglicht uns der Roman eigenes, echtes Nachempfinden. So paradox das klingt.

Die Erzählersprache, dieser anfangs so verstörend-nervige Mix aus Kunst und Natur, wird nach und nach in ihre Einzelteile zerlegt. Heinz entledigt sich des Zitatballasts, weiß nicht mehr, wie der Baum mit der weißen Rinde hieß („Birke? Barke, Berke?"), und schließlich zerspringen ihm die Wörter in ihre Bestandteile. Wir sehen dieser Demontage nicht nur zu, wir werden geradezu gezwungen, sie selbst mitzumachen, bis hin zum äußersten Nicht-Verstehen. Parallel zur Wanderung der Flüchtlinge durch das zerstörte Deutschland, die erst von der Hoffnung auf ein besseres Leben angestoßen, bald aber enttäuscht wird, wird auch die Sprache immer basaler, immer nüchterner, immer sachlicher, man könnte sagen: echter. Im Moment der größten Gefahr und der äußersten Verzweiflung, als auch Heinz in einer leeren Zelle darauf wartet, in seine Einzelteile zerlegt und wiederverwertet zu werden, mahnt er sich selbst, weiterzuschreiben. In diesem Weiterschreiben findet er schließlich zu sich selbst. Es ist das, was dem Schriftsteller übrigbleibt, wenn nichts anderes mehr übrig bleibt. Die Distanz, die er mithilfe seiner Fantasie zu dem Schrecken, der ihn umgibt, einnehmen kann, zeigt ihm nicht nur den Ausweg, sondern zugleich den eigentlichen Zweck seiner Existenz. Das Schreiben, das Festhalten, das Imaginieren. In dieser Fähigkeit liegt der eigentliche Triumph des Menschen über die Fährnisse und Unbilden des Lebens, wie man in Deutschland einst sagte, in ihr ist das eigentliche Paradies zu finden, und dieses Paradies wird recht eigentlich in der Kunst verteidigt.

So allgemein-menschlich diese Selbstermächtigung angesichts eines feindlichen Schicksals ist, so verführerisch scheint es für die Deutschen zu sein, sich selbst mitsamt ihrem überkommenen Kulturerbe eine solche Fähigkeit zuzuschreiben. Die Erhabenheit über das Grauen mittels Schönheit, ist das nicht eine genuin deutsche Idee? So wird die Frage, was deutsch ist, im Roman mit der Frage nach der conditio humana in der Figur des Heinz quasi kurzgeschlossen. Er, schon genetisch der deutsche Michel, voller Selbstzweifel und selbstzugeschriebener Grandeur, wird später als Inkarnation der untergegangenen deutschen Kultur gelten, als „das deutsche Kind“, er wird den Schlüssel zur verlorenen deutschen Literatur in der Hand halten, die in ihm aufbewahrt ist. Nur – diese Frage muss offenbleiben – was wird das, was da aufbewahrt ist, in einer Welt, die Schubert und Nena nicht mehr zu unterscheiden weiß, überhaupt noch wert sein?

Die Verteidigung des Paradieses ist ein Wagnis. Es ist ein Roman, der mit hohem Einsatz spielt – und gewinnt. Eine Eroberung der Welt durch Sprache und Literatur, die Geschichte unserer Zukunft und die Bekenntnisse des letzten Deutschen, so vielschichtig wie spielerisch erzählt, oft tiefsinnig, bisweilen leicht bis zur Albernheit. Die Apokalypse zugleich als Reise zu sich selbst darzustellen, als Emanzipation, als Entwicklungsroman und als philosophisches Experiment, ist schon ein Abenteuer an sich, und ebenso ist es ein Abenteuer, sich mit dem Helden der Geschichte auf diese Reise zu begeben.
Gunnar Kaiser - 23. April 2016
ID 9270
Thomas von Steinaecker | Die Verteidigung des Paradieses
416 Seiten, Hardcover
Preis € (D) 24,99 | € (A) 25,70
S. Fischer Verlag, 2016
ISBN 978-3100014603


http://www.fischerverlage.de/buch/die_verteidigung_des_paradieses/9783100014603


Post an Gunnar Kaiser

http://www.gunnarkaiser.de



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