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Sachbuch-Kritik

Supergeil



Bewertung:    



Was geht Ihnen bei dieser Überschrift spontan durch den Kopf? Auf diese Frage wird es sicher sehr unterschiedliche Antworten geben, abhängig davon wie alt der oder die Befragte ist und inwieweit er oder sie bereit ist, den raschen Bedeutungswandel mancher Worte mitzumachen. Viele Worte benutzen wir tagtäglich, ohne groß darüber nachzudenken. Aber woher kommen eigentlich Worte wie „geil“, und wie hat sich ihre Verwendung in der deutschen Sprache verändert?

Die Karrieren von 100 deutschen Wörtern wie „Aktivist“, „Gutmensch“, „Kanake“, „Nazi“ oder „Tschüss“ zeichnet der Berliner Journalist Matthias Heine sachkundig und augenzwinkernd in seinem Buch nach. Dort erfährt man erstaunt, dass der Keks vom englischen „cakes“ kommt und einst vergeblich versucht wurde, die Einzahl „kek“ für das Wort einzuführen, das ja eigentlich ein Plural ist. Oder dass mit „Nullachtfünfzehn“ einst ein massenhaft produziertes Gewehr bezeichnet wurde, dass mit zunehmendem Alter und durch seine weite Verbreitung schließlich zum Inbegriff für Durchschnitt wurde. Auch neu in die deutsche Sprache eingewanderte Begriffe wie „Fuck“, „Nerd“ oder „Hipster“ werden erläutert. Dabei belässt es Heine nicht dabei, nur Belege aus dem Deutschen zu sammeln, sondern widmet sich bei Fremdworten auch ihrer Bedeutungsgeschichte in der Ursprungssprache.

Zurück zum spontanen Ausruf von Verzückung und Erregung. Ursprünglich geht „geil“ auf eine uralte indoeuropäische Wortwurzel "ghoilos" zurück, die für „heftig“, „übermütig“ aber auch „ausgelassen“ und „lustig“ verwendet wurde. Seit dem 15. Jahrhundert hat sich „geil“ immer mehr als Gegensatz zu „keusch“ etabliert. Es war ein Lieblingswort des Barock. Ursprünglich hatte das Wort aber eine viel größere Bedeutungsvielfalt. Im Althochdeutschen konnte es „übermütig“ oder „überheblich“ bedeuten, im Mittelhochdeutschen „mutwillig“ oder einfach „üppig“. Teilweise sind diese Bedeutungen bis heute erhalten geblieben, wie man an „geil wachsenden“ Pflanzen sehen kann. In diesem Fall werden rasch Triebe gebildet, die wild in die Höhe schießen, den Habitus und den Fruchtertrag schmälern und deshalb vom Gärtner entfernt werden – der Pflanzenliebhaber findet das deshalb eher ungeil. Dass es heute oft einfach im Sinne von „super“ oder „sehr gut“ verwendet wird, liegt an der gesunkenen Hemmschwelle im Sprachgebrauch und der Suche verschiedener Generationen nach neuen Bezeichnungen, die ihr Lebensgefühl widerspiegeln.

Heine schreibt informativ, ironisch und gegen jede Lesererwartung. Das verleiht der Wortbeschau eine persönliche Note. Von Heine lässt mich man sich wie von einem guten Freund gerne etwas erzählen, dabei kann es schon mal etwas später werden. Ohne belehrenden Ton und mit vielen spannenden Beispielen aus der deutschen Kulturgeschichte rekonstruiert er die Bedeutungsgeschichte vieler Worte aus unserem täglichen Sprachgebrauch. Wer hier nur einmal kurz reinlesen möchte, wird sich bestimmt länger in die Wortgeschichten vertiefen und mit hoher Wahrscheinlichkeit das ganze Buch lesen. Ein amüsantes und lehrreiches Stück deutscher Sprachgeschichte, clever kombiniert und für Jedermann lesbar.
August Werner - 7. März 2017
ID 9893
Matthias Heine | Seit wann hat "geil" nichts mehr mit Sex zu tun?
100 deutsche Wörter und ihre erstaunlichen Karrieren

368 Seiten
11,99 (D) | 11,99 (A) | 14,00 (CH)
Hoffmann und Campe, 2016
ISBN 978-3-455-85149-6


http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/seit-wann-hat-geil-nichts-mehr-mit-sex-zu-tun-ebook-8008/


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