Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 2

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Rezension

Behutsam changieren in Aller Liebe Anfang Bilder der Einsamkeit und der Zweisamkeit



Bewertung:    



Judith Hermanns Romandebüt erzählt von einem jungen Mann, der eine Krankenpflegerin und ihre Familie in dem gerade bezogenen Heim regelmäßig belästigt. Stimmungsvoll und sinnlich moduliert Hermann die Beobachtungen des Stalking-Opfers Stella, die versucht, den ungeladenen Gast vor ihrer Haustür bewusst zu ignorieren.


Unheimliche Heimsuchungen


„Ein Haus aus Backstein mit einem moosigen Ziegeldach. Eine Haustür mit eingefassten Bleiglasscheiben, zur Linken eine Bank aus Holz, neben der Bank ein Olivenbäumchen in einem Tontopf, unter der Bank Avas Gummistiefel, Stella weiß gar nicht, wie die da hingekommen sind, seit wann sie da schon stehen.“ (Judith Hermann, Aller Liebe Anfang)

Anschaulich, detailreich und bedeutungsvoll erscheint die Außensicht des Hauses, des Wintergartens oder der direkten Umgebung von Stella, ihrem Mann Jason und ihrer fünfjährigen Tochter Ava. Der Leser wird zum Beobachter des Hauses und seiner Umgebung. Die Krankenpflegerin Stella versucht, sich in ihrem neuen Heim einzurichten. Dabei ist sie meist auf sich alleine angewiesen, da Jason oft längere Zeiträume verreist ist. Es plagen Stella Unsicherheiten und Ängste, etwa wenn sie ihre draußen spielende Tochter beobachtet:

„Wenn Ava im Sandkasten sitzt und Stella ihr vom Sofa aus zusieht – Ava backt Kuchen aus Sand, sie schmückt den Kuchen mit Muscheln und Kies, sie bietet jemanden, den Stella nicht sehen kann, Kuchen an, gleichmütig und direkt, nicht bittend-, muss sie manchmal den Impuls unterdrücken, aufzuspringen, Ava aus den Sandkasten zu reißen und mit ihr ins Haus zu flüchten; als käme ein Wirbelsturm über die Wiese, etwas Gestaltloses, Großes. Warum denkt sie das?“

Stellas diffuse Befürchtungen eines herannahenden Unheils erfahren bald eine Berechtigung, als ein Unbekannter an ihrer Haustür in der Siedlung am Stadtrand klingelt. Stella öffnet ihm nicht, da ihr der Mann keinen genauen Grund für sein Kommen nennen kann. Doch bald stapelt sich eigenartige Post in ihrem Briefkasten, und das Klingeln nimmt kein Ende. Zwanghaft sucht der ungeladene junge Mann den Kontakt zu der Mutter. Auch Stellas Freundin Clara und ihr Ehemann Jason wissen keinen Rat, halten jedoch den Unbekannten für harmlos.


Ungewollte Nähe


Tapfer ignoriert Stella weiterhin den stoischen Belästiger vor ihrer Tür, der sich in seinen Briefen an sie Mister Pfister nennt. Sie beginnt jedoch sich für ihn zu interessieren. Gleichzeitig ärgert sie sich über ihr erwachendes Interesse. Hermanns Romandebüt bebildert eindrucksvoll, wie Stella den ungebetenen Gast in ihre Gedanken einlässt und doch immer wieder versucht, seine Existenz bewusst zu verdrängen. Ihr Gewissenskonflikt wird deutlich, wenn sie über die eigene Einsamkeit nachdenkt, diese kurz mit der ihres ungebetenen Gastes vergleicht, im nächsten Moment jedoch gedanklich zu ihrem Mann überschweift:

„Die Stille am Küchentisch, die Bedeutung von Avas Schlaf, die Beschränkung der Begegnungen auf Jason, Paloma, Dermot, Walter und Esther ist auffällig. Verdächtig, als sollte sie etwas bedeuten. Aber ich bin ja gerne allein, sagt Stella in die Küche hinein. Ich bin ja gern alleine. Früher war ich nicht gerne alleine, heute bin ich’s eben. Sie sagt, Mister Pfister ist vermutlich auch gerne alleine. Mis-ter Pfis-ter. Was macht Jason jetzt, alleine auf der Baustelle, in dem Haus ohne Dach mit den Türen aus Wellblech und den Böden aus Alaskazedernholz. Was macht Jason? Mit wem möchte eigentlich Jason sprechen?“

Schon bald kommt es zu einer Konfrontation. Einen Ausgleich zur unerfüllten, einseitigen Beziehung von Mister Pfister und Stella versinnbildlichen die zeitgleichen, einfühlenden Begegnungen von Stella mit ihren Patienten. Über die mögliche Motivation und den persönlichen Hintergrund von Mister Pfister kann der Leser leider (genau wie Stella) nur mutmaßen. Es bleiben so einige Fragen offen, wenn der kurzweilige Roman nicht für alle Charaktere versöhnlich endet. Wie schon zuvor in ihren Erzählbänden schafft es Hermann meisterhaft, Stimmungen einzufangen, Bilder entstehen zu lassen und ihre Charaktere genau zu zeichnen.
Ansgar Skoda - 15. Oktober 2014
ID 8168
Judith Hermann | Aller Liebe Anfang
Hardcover
Preis € (D) 19,99 | € (A) 20,60 | SFR 28,90
S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-033183-0


Weitere Infos siehe auch: http://www.fischerverlage.de/buch/aller_liebe_anfang/9783100331830


Post an Ansgar Skoda

ansgarskoda.wordpress.com

Siehe auch:

Judith Hermann war in der Kultur Kirche Köln




  Anzeige:




LITERATUR Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

AUTORENLESUNGEN

BUCHKRITIKEN

DEBATTEN

ETYMOLOGISCHES
von Professor Gutknecht

INTERVIEWS

KURZGESCHICHTEN-
WETTBEWERB
[Archiv]

LESEN IM URLAUB

PORTRÄTS
Autoren, Bibliotheken, Verlage

UNSERE NEUE GESCHICHTE


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal





Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2024 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)