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Buchkritik

Eines

Menschen

Wort



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Am Leben sein ist nicht der Normalfall. Im Gegenteil: Vieles spricht dafür, dass lausige Zufälle damit zu tun haben. Das gilt vor allem für die Überlebenden von Unfällen und Katastrophen. Glaubt man der Autorin Brigitte Kronauer, so verändert diese Erfahrung unsere Liebesfähigkeit. Die Scham, Liebe nicht verdient zu haben, greift dann unerbittlich nach den Betreffenden. Das Leben der Geschlechter lässt ja ohnehin schon Wünsche offen. Die Gründe der Liebe sind bestenfalls Abgründe, über die man nicht mehr wissen sollte als dass es sie gibt.

Anita Jannemann, die Hauptperson des Romans Der Sheik von Aachen, weiß um diese Abgründe. Und doch zieht sie aus blinder Liebe in ihre Heimatstadt Aachen zurück. Sie kündigt ihre Forschungsstelle an der Züricher Universität, um sich in einem schäbigen Souvenirladen am Dom zu verdingen. Zwischen Nippes und Scherzartikeln und unter den gestrengen Blicken ihres Chefs Malzahn beginnt sie ein neues Leben. Eine Frau im Liebeswahn, die vor keiner Widrigkeit zurückschreckt. Zu ihrem Leidwesen aber ist Mario, ihr österreichischer Geliebter, ein windiger Geselle mit einer Vorliebe für halsbrecherische Outdoor-Touren. So unternimmt er nach Anitas Umzug eine hochgefährliche Bergbesteigung im kaukasischen Gebirgsmassiv, weshalb die Geliebte ihre Abende mit ihrer Tante Emmi und deren polnischer Haushälterin zu verbringen pflegt.

Statt emotionalem Furor also Kaffee und Kuchen. Dabei räsonieren die drei Damen im Salon auf entzückende Weise über Gott und die Welt. Mit Tante Emmi kann Anita bis auf eine Ausnahme tatsächlich über alles sprechen. Tabu ist allein ihr Sohn Wolfgang, der einstige Herzensfreund Anitas. Wolfgang kam bei einem Unfall im Garten des Großvaters in der Eifel ums Leben, wo der damals Elfjährige beim Versuch, Zweige abzuschneiden von einer Birke fiel und sich Anitas Fahrtenmesser ins Herz rammte. Seit diesem Tag verfolgt Anita, die Überlebende, ein knisterndes Schuldgefühl. Mit Emmi ist darüber natürlich nicht zu reden. Denn erhöbe sie die Stimme und spräche in Anwesenheit der Tante auch nur den Namen des verstorbenen Sohnes aus, so zöge sie sich den lebenslangen Groll der alten Dame zu. Kein Wort soll Emmi an diesen tragischen Tod erinnern.

Tatsächlich sind Menschenworte die wahren Akteure dieses sprachmächtigen Romans. In den doppelbödigen Dialogen mit Emmi läuft die Autorin zu wahrer Größe auf. Die Figuren glänzen durch delikaten Witz und eine außerordentliche Wortgewandtheit. Auch die gouvernantenhafte Erzählerstimme bildet hierbei keine Ausnahme. Die Macht der Sprache ist der allgegenwärtige Glutkern dieser Geschichte. Als Klatsch und Tratsch vermag sie Menschen auf einen Schlag zu vernichten oder zu erhöhen. Eine achtlose Floskel, eine dahergeredete Provokation, die den flatternden Lippen entgleitet, kann zu Tod und lebenslänglicher Reue führen. Doch Worte können auch befreien und von Schuld reinigen.

Der Romantitel Der Scheik von Aachen lässt sich als Variation auf Wilhelm Hauffs Märchen Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven verstehen, in dem sich ein Scheich aus Trauer um den Verlust seines Sohnes unermüdlich Geschichten erzählen lässt. Dasselbe Los ereilt nun Anita, als Mario auf dem Weg zum höchsten Berggipfel des Kaukasus zu Tode kommt. Auch sie lauscht den endlosen Anekdoten ihrer Umgebung, auf dass der Verlust erträglicher werde und ihr Vergebung widerfahre.

Brigitte Kronauer erzählt von dem kümmerlichen Schuldgefühl, am Leben zu sein und den bizarren Niederlagen der Liebe, die uns wie die Hiebe eines Lichtschwertes niederstrecken. So beleuchtet dieser wunderliche Roman auf vorzügliche Weise, wie unser Verstand durch die Sprache verhext wird, aus der wir die Legenden unseres Lebens stricken. Es ist der außergewöhnlichen Kompetenz dieser Autorin zu verdanken, dass man diesem literarischen Experiment bis zur letzten Seite mit angehaltenem Atem folgt.
Jo Balle - 1. Dezember 2016
ID 9719
Brigitte Kronauer | Der Scheik von Aachen
399 S., geb. m. Schutzumschlag
EUR 22,95
Klett-Cotta Verlag, 2016
ISBN 978-3-608-98314-2


Weitere Infos siehe auch: https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Der_Scheik_von_Aachen/74715


Post an Dr. Johannes Balle



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