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Displaced

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„Meine Mutter lebte nicht nur ohne Zukunft, auch die Vergangenheit erscheint ihr so fern, als hätte sie sie irgendwo außerhalb der Welt zurückgelassen, auf einem anderen, unendlich weit entfernten Stern, auf den sie nie mehr zurückkehren wird.“ (Natascha Wodin, Sie kam aus Mariupol, S. 275)

*

Der Krieg fordert unmenschliche Opfer. Viele davon drohen in Vergessenheit zu geraten, gäbe es nicht immer wieder Autoren, die Einzelschicksale in bewegenden Berichten aufgreifen. Die deutschsprachige Schriftstellerin Natascha Wodin ist ukrainisch-russischer Abstammung. Ihr (auto)biographisches Werk Sie kam aus Mariupol (2017) behandelt das Schicksal ihrer Mutter: Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko wurde 1944 aus der ukrainischen Hafenstadt Mariupol von den Nazis nach Deutschland verschleppt. Erst ist sie Zwangsarbeiterin, auch später ist sie – heimatlos und entwurzelt – den schier unmenschlichen Umständen und Herausforderungen kaum gewachsen. Jüngst wurde Natascha Wodin für ihr Buch mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik bedacht. Eine Stärke ihres ergreifenden Textes ist der dicht gewobene historische Bezugsrahmen.

Während Delphine de Vigan in ihrem autobiographischen Werk Das Lächeln meiner Mutter (2013) konsequent verschiedene Lebensphasen ihrer Mutter beleuchtet, zeigt Natascha Wodin in Sie kam aus Mariupol ihre Mutter oft als eine von vielen, die in den Kriegswirren nach Halt suchen. Tatsächlich haben die Nationalsozialisten im Dritten Reich Millionen Menschen nach Deutschland deportiert. Zahlreichen Kapiteln sind kleinformatige Schwarz-Weiß-Fotografien vorangestellt, auf die die Autorin oft zu einem späteren Zeitpunkt Bezug nimmt. So begibt sich der Leser zusammen mit ihr auf die Suche:


„Stundenlang schaue ich mir Fotos von Durchgangslagern an, hoffe darauf, in den endlosen Menschenströmen endlich das Gesicht meiner vierundzwanzigjährigen Mutter zu entdecken. Junge Mädchen, Mädchen mit Kopftüchern, Pappkoffern und Stoffbündeln, manche von ihnen fast noch Kinder, gekleidet in Lumpen. Alle verschreckt, nicht begreifend, wohin man sie gebracht hat aus ihren Heimatstädten und –dörfern. Unendliche Massen namenloser Menschen, die es nur als Zahlen gibt. Jeder von ihnen ist meine Mutter.“ (S. 260)


Natascha Wodin weiß nur wenig über ihre Mutter, die 1956 im Alter von 36 Jahren für sich den Freitod wählte. Da war Wodin zehn Jahre alt. Ihre Spurensuche gliedert sich in vier Teile. Im ersten Teil beschreibt sie ihre Recherche für ihr Werk, bei der sie über das Internet unter anderem in Kontakt mit ihrem in Sibirien lebenden Cousin Igor kommt. Gefühlvoll-zärtlich wertschätzt die 71jährige Autorin den neuen Kontakt zum plötzlich entdeckten Familienangehörigen:


„Igor wartete immer ungeduldig auf meine Anrufe und machte sich Sorgen, wenn ich mich einmal drei oder vier Tage nicht meldete, und auch ich machte mir Sorgen, fürchtete immer, Igors dünner Lebensfaden könnte ausgerechnet jetzt, da ich ihn gefunden hatte, plötzlich reißen. In den Pausen zwischen unseren Telefonaten dachte ich an ihn, und ich spürte, dass es umgekehrt genauso war.“ (S. 152)


Im zweiten Teil wird der Tonfall nüchterner, wenn Wodin auf Aufzeichnungen ihrer Tante Lidia Iwaschtschenko zurückgreift. Sie erzählt, wie ihre Tante erst in Warschau, dann in Mariupol aufwuchs, in Odessa studierte und schließlich aus politischen Gründen verbannt wurde. Lidia ist regelmäßig auf der Flucht und Kriegseindrücke werden ungefiltert wiedergegeben:


„In Charkow geht es nicht mehr weiter, die Gleise sind zerbombt. Die Häuser in der Nähe des Bahnhofs brennen, auf der Straße liegen Menschen. Erst auf den zweiten Blick begreift Lidia, dass sie nicht schlafen, sondern tot sind.“ (S. 239)


Erst im dritten Teil beleuchtet Wodin das Schicksal ihrer Eltern. Diese führt der beschwerliche Weg von Mariupol nach Odessa über Rumänien, bis sie schließlich 1944 in Leipzig als Zwangsarbeiter in einem Montagewerk für Kriegsflugzeuge des Flick-Konzerns eingesetzt werden. Ein Jahr später fliehen sie vor der Roten Armee nach Nürnberg. Auch nach Kriegsende droht ehemaligen Zwangsarbeitern in der Diktatur des Stalinismus ungewisses Unheil:


„Es beginnt der Rücktransport der Millionen Deportierten, Millionen, die Stalins Sanktionen entgegenfahren, einer elenden Existenz bis ans Ende ihres Lebens. Für Stalin sind die ehemaligen Zwangsarbeiter Vaterlandsverräter und Kollaborateure, die sich der Ausbeutung durch den Kriegsfeind nicht widersetzt, sondern gebeugt haben, während Millionen ihrer Landsleute für die Verteidigung des Vaterlandes ihr Leben ließen. Manche werden nach der Rückkehr in die Heimat erschossen, andere kommen aus dem deutschen Arbeitslager übergangslos in ein sowjetisches.“ (S. 287)


Der letzte Teil des Buches beginnt mit der Geburt Wodins und endet mit dem Selbstmord ihrer Mutter. Hier greift Wodin auf eigene Erinnerungen zurück, wenn sie ihre Kindheit in einem Lager für sogenannte Displaced Persons schildert. Der Begriff Displaced Person (DP) wurde im Zweiten Weltkrieg vom Hauptquartier der alliierten Streitkräfte für Menschen geprägt, die sich kriegsbedingt außerhalb ihres Heimatstaates aufhalten. Wodin hebt hervor, dass diese in amerikanischen Lagern wie Svalka (dt.: Müllhalde) direkt neben internierten hohen Funktionären der NSDAP angesiedelt wurden. Menschen werden hier weiterhin bloß wie eine Fracht oder wie Material betrachtet, ohne dass hinterfragt wird, wie hier Täter und Opfer Tür an Tür leben sollen. Manchmal liest man Wodins Werk wie eine beklemmende, persönlich gefärbte und vielschichtige Anklageschrift an die unhaltbaren Lebensumstände der damaligen Zeit. Insbesondere die Spurensuche im ersten und längsten Teil des Buches zieht sich ein bisschen zäh hin und man möchte am liebsten selbst zur besseren Orientierung einen Stammbaum und eine Übersichtskarte zur Autorin skizzieren. Leider erschweren auch kleine Tippfehler (u.a. S. 141) etwas den Lesefluss. Sprachlich dichte Detailbeobachtungen menschlicher Abgründe im zerstörten Nachkriegsdeutschland wirken nach der Lektüre noch lange nach:


„Aus dem grauen Nebelstrom meiner Erinnerungen an die »Häuser« tauchen einzelne, noch erkennbare Gestalten auf. Da war Marjanka, eine Polin, deren großer, vom Alkohol aufgeschwemmter Körper jedem in die Hände zu fließen schien, der sie berührte. Sie hatte offenbar keine eigene Bleibe in den »Häusern«, sondern wohnte mal da, mal dort, zog mit ihrer Kinderschar von Mann zu Mann. Jeder schwängerte sie, verprügelte sie und jagte sie wieder davon. Zuletzt wohnte sie bei unserem Nachbarn, einem Rumänen mit einem Glasauge. Als sie an einem Darmverschluss starb, stand er mit ihren Kindern allein da. Er wusste nicht, was er mit ihnen machen sollte, deshalb behielt er sie. Meistens war er draußen im Hof, trank Bier, verteidigte händelsüchtig seine Mannesehre und fahndete nach den Vätern der namenlosen Kinder, die er ernähren musste.“ (S. 326)
Ansgar Skoda - 19. Mai 2017
ID 10037
Natascha Wodin | Sie kam aus Mariupol
Hardcover, 366 Seiten
EUR 19,95
Rowohlt Verlag, 2017
ISBN 9783498073893

Lesungen der Autorin:
6. Juni | Buchhandlung Boysen & Mauke, Hamburg
11. Juli | Literaturhaus Stuttgart

Weitere Infos siehe auch: https://www.rowohlt.de/hardcover/natascha-wodin-sie-kam-aus-mariupol.html


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