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In memoriam

Alfred

Kolleritsch

ist tot



Alfred Kolleritsch, 2014 | Foto: Dnalor 01; Bildquelle: Wikimedia Commons; Lizenz: CC-BY-SA 3.0


Er gehörte zu den Menschen, deren Tod man sich nicht vorstellen konnte. Er schien nicht zu altern. Man traute ihm nie mehr als allenfalls sechzig Jahre zu. Jetzt ist Alfred Kolleritsch gestorben. Er war 89 Jahre alt.

Solipsismus ist bei Schriftstellern mit Sicherheit eine verbreitetere Eigenschaft als Interesse für und Solidarität mit Kollegen. Der Autor, der zu einer Veranstaltung kommt, bei der mehrere Autoren lesen, seinen Text abliefert und gleich wieder geht, ist keine Ausnahme. Allenfalls eine paternalistische Empfehlung für einen begabten Nachwuchsautor beim eigenen Verlag lässt sich der eine oder andere abringen.

Doch es gibt sie auch, die Schriftsteller, die unter Vernachlässigung ihres eigenen Werks all ihre Energie und Liebe für Kollegen und für die Literatur selbst einsetzen und denen die Geförderten wie die literarisch interessierte Öffentlichkeit gar nicht genug danken können. Alfred Kolleritsch war einer von dieser raren Sorte.

Darob mag man vergessen, dass Alfred Kolleritsch ein bedeutender Schriftsteller war, der aus der österreichischen Gegenwartsliteratur nicht wegzudenken ist. Das unterscheidet ihn von jenen Kulturfunktionären, die aus der Politik oder neuerdings aus Studiengängen für Kulturmanagement kommen und zur Literatur ein eher buchhalterisches Verhältnis haben. Weil Kolleritsch die Literatur wirklich liebte, leidenschaftlich liebte, förderte er seit vielen Jahren und nicht immer bedankt jene, die Literatur überhaupt erst schaffen. Er förderte sie, indem er Öffentlichkeit herstellte, an ein Publikum brachte, was ansonsten im Verborgenen zu verkümmern drohte.

Alfred Kolleritsch gehörte zu den Begründern der Grazer Autorenversammlung, jener Schriftstellerorganisation, die 1973 als Alternative zum reaktionären österreichischen PEN ins Leben gerufen wurde. Kolleritsch hatte sich längst einen Namen gemacht – als Mitbegründer des Forums Stadtpark in Graz, das für viele Jahre ein Treffpunkt der Avantgarde war und in dem ein großer Teil jener Autoren ein und aus ging, denen sich der Ruhm der österreichischen Nachkriegsliteratur jenseits von Thomas Bernhard verdankt, und als Chefredakteur der Manuskripte, jener noblen Literaturzeitschrift, die seit 1960 einer im weiten Sinn experimentellen Literatur eine Plattform zur Verfügung stellte. In den Manuskripten veröffentlicht worden zu sein, galt in Kreisen, in denen Literatur nicht durch Bestsellerlisten definiert wird, als ein Ritterschlag. Viele heute berühmte Autoren haben hier ihre ersten Texte publiziert. Den Vorwurf der Bleiwüste ließ Kolleritsch nie gelten. Für süchtige Leser kann es nicht zu viel Text geben.

Alfred Kolleritsch war ein Überzeugungstäter. Die Manuskripte sind nur der sichtbarste Beweis. Gelegentlich trifft man ehemalige Schüler von Kolleritsch – denn sein Brot verdiente er sich als Deutschlehrer –, und die schwärmen heute noch von seinem Unterricht. Er war mit der gleichen Leidenschaft, mit der er seine Zeitschrift gestaltete, bemüht, die Kids von der Unverzichtbarkeit der Literatur zu überzeugen.

Dabei wirkte er in seiner Kontenance keineswegs wie ein Missionar. Als Intellektueller gehörte Alfred Kolleritsch einer Spezies an, die in Deutschland kaum bekannt ist. Er war ein moderner, entschieden antifaschistischer Denker, aber es wäre verfehlt, ihn der Linken zuzurechnen. Seine politische Haltung entsprang nicht einem (sozialistischen) Gesellschaftsentwurf, sondern am ehesten einer elementaren Anständigkeit und einer gelebten Toleranz. Toleranz heißt hier nicht Beliebigkeit, heißt nicht Gleichgültigkeit gegenüber dem Übel, das es zu bekämpfen gilt, sondern Offenheit für künstlerische und auch politische Haltungen unterschiedlicher Provenienz.

Als Graz 2003 Kulturhauptstadt spielen sollte und der Intendant Wolfgang Lorenz, ein Funktionär des ORF, wenig Anstrengung bewies, die lokale Literaturszene in die Planung einzubinden, hat Alfred Kolleritsch aus seinem Missvergnügen kein Geheimnis gemacht. Man hat ihn dafür als Platzhirsch gescholten. Dabei spielte eine unheilvolle Koalition von selbstherrlicher Intendantenwillkür und generationenbedingtem Neid eine Rolle. Es ist aber jenseits der üblichen österreichischen Fahrlässigkeiten tatsächlich ein kulturpolitischer Skandal, wenn man just in Graz, das ohne Kolleritsch wahrscheinlich ein weißer Fleck auf der Landkarte der Literatur wäre, den Ermöglicher einfach übergeht. Während Wolfgang Lorenz durch die Lande reiste, um im Jargon eines Vorstadtstriezis zu erzählen, wie er Graz neu erfand, dabei auch gleich den Steirischen Herbst, Styriarte, die Diagonale und die Entdeckung der Mur für seine Hebammentätigkeit im Kulturhauptstadtjahr beanspruchend und all jenen, die es mangels Österreich-Kenntnis nicht besser wissen, den Bären aufbindend, man könne in diesem Land als „Unabhängiger“ Programmdirektor beim ORF werden, sowie jeden unwillig als Querulanten abqualifizierend, der gegen soviel Schmäh Einspruch anmeldete, verwies er Alfred Kolleritsch, aber auch andere Grazer wie Wolfgang Bauer, Gerhard Roth und Werner Schwab, ins Abseits. Das haben sie nicht verdient.

Und doch sollte hinter all seinen Verdiensten der Schriftsteller Alfred Kolleritsch nicht verschwinden. Gleich mit seinem Debüt, dem Roman Die Pfirsichtöter von 1972, erregte er Aufsehen. 1974 folgte Die grüne Seite. Die Erinnerung an Kellers Grünen Heinrich dürfte Absicht sein, und grün ist die Landesfarbe der Steiermark, die das Werk des an der südsteirischen Weinstraße geborenen und in Graz gestorbenen Kolleritsch geprägt hat.

Zu den Qualitäten von Kolleritschs Prosa gehören die Genauigkeit der Details, die unmittelbar einleuchtende Originalität der Vergleiche. Diese Prosa ist unaufgeregt und in einem fast altmodischen Sinne „schön“, auch und gerade dort, wo die Botschaft erschreckend ist. Musikalität der Sprache und lakonische Verknappung bilden eine dialektische Einheit.

Die grüne Seite ist durchsetzt von direkter Rede. Rede ist nicht zuletzt ein Instrument der Zurichtung, der Disziplinierung, der Herrschaftsausübung. Wo sie belehrt, fordert sie zugleich Gehorsam. An einer Stelle heißt es von Gottfried, dessen Vater bezeichnenderweise Oberlehrer ist: „Dass ich immer großen Reden ausgeliefert bin, dachte er, daß ich selber nicht handeln kann, ohne zu reden oder an Reden zu denken.“ Hier geht auch die Erfahrung einer Generation ein, die in ihrer Schulzeit nationalsozialistisch indoktriniert wurde. Das ist ein Thema, das für Kolleritsch von zentraler Bedeutung blieb.

Auf dem Weg zu dem zitierten Satz erlebt der Leser die Ausübung von Sprachterror, die Zerstörung von Sprache durch Sprache mit. Das klingt, so beschrieben, abstrakt. Aber die Performanz der Rede versinnlicht, was sie inhaltlich behauptet. Die Leistung von Kolleritsch besteht darin, dass er sprachtheoretische Erörterungen derart in die Figurenrede integriert, dass sich – in der Methode, wenn auch nicht im Stil Thomas Bernhards ungefähr zur gleichen Zeit entstandenem Kalkwerk vergleichbar – durchaus eine Fabel entwickelt.

Es ergibt sich die Frage: Kann man erkennen, dass dieser Roman 46 Jahre auf dem Buckel hat? Man kann es insofern, als es in der österreichischen Literatur der siebziger Jahre dafür ein Umfeld gab, stilistische und thematische Querbezüge; man kann es nicht im Vergleich mit der heutigen deutschsprachigen Literatur. Ein großer Teil davon wird durch Die grüne Seite an Modernität übertroffen.

Erst 15 Jahre nach der Grünen Seite erschien der dritte Roman von Alfred Kolleritsch, Allemann, eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus, in mancher Hinsicht ein Gegenentwurf zu Der Vater eines Mörders von Alfred Andersch. Allemann, aus der kindlichen Perspektive geschrieben, belegt einmal mehr Kolleritschs Abneigung gegen Pathos. Gelassenheit ist sein auffälligstes Merkmal, im Leben wie in seinen Werken.

Alfred Kolleritsch war nicht nur Erzähler, sondern auch Dramatiker und Lyriker. Ein Vers, der als Maxime Kolleritschs verstanden werden kann, lautet: „Meinen Einfällen vertraue ich nicht.“ In einem anderen Gedicht heißt es: „Ich vertraue dem Schatten mehr,/ den ich geworfen habe, als mir.“ Kolleritschs Schreiben (und sein öffentliches Reden) war stets von Skrupeln gekennzeichnet. Vielleicht sind sie die Bedingung für die bereits erwähnte Genauigkeit. Kolleritschs Lyrik ist seiner Prosa verwandt, weil auch diese auf jeden Ansatz von Geschwätzigkeit verzichtet. Es handelt sich um Gedankenlyrik, die der Hermetik entsagt, aber auch nicht in den Alltagsjargon ausweicht wie bei einigen Zeitgenossen des Autors. Gelegentlich wird ein Du adressiert. Aber die Ansprache bleibt diskret. Kolleritsch weiß, dass andere zuhören. Eine offenbare Scheu vor dem Sentimentalen, auch wo er, gar nicht selten, zur Melancholie neigt, bewahrt ihn zugleich vor Klischees.

Ein langes Gedicht ist dem früh verstorbenen Grazer Dichterkollegen Gunter Falk, einer charismatischen Figur, gewidmet. Darin befinden sich die verzweifelten Verse, die die Grenzen der Dichtung markieren: „Etwas herbeizulügen und schöne Namen/ für seine Wunden, erklärt die Wunden nicht.“ Skepsis den schönen Namen gegenüber auch hier.

Bis in die Syntax hinein, in die zögernde Kürze der Verse, spürt man Kolleritschs Sinn für poetische Ökonomie. Er vermittelt den Eindruck, als würde er in allen Lebenslagen das Schweigen einem überflüssigen Wort vorziehen. Es gibt Wortfelder, die Kolleritsch stets aufs Neue einkreist, umgruppiert, semantisch ausreizt, nur um zu erfahren, dass ein Rest bleibt, der sich nicht ausreizen lässt. Kolleritsch kennt, das ist nicht zu übersehen, die lyrische Tradition, aber er bemüht sich keinen Augenblick um Virtuosität. Seine Haltung ist der Demut am nächsten und von nichts so weit entfernt wie von Eitelkeit.

1997 ist das Lust-Spiel Die geretteten Köche erschienen. Ort der Handlung ist ein Heilbad in jener südsteirischen Gegend, aus der Kolleritsch stammt. Dort stoßen zwei ältere Philosophen, ein Theologe und ein Maler auf einander. Das Motiv des Essens, das bei Kolleritsch stets eine Rolle spielt, rückt hier in den Vordergrund und wird – über den Mund – mit der Sprache in Verbindung gebracht. Als Selbstzitat aus der Grünen Seite heißt es da: „Was ist das für eine merkwürdige Regel, dass man mit vollem Mund nicht reden darf. Im Mund sei die Trennung aufgehoben.“

Die Philosophie des Essens und seiner Zubereitung wird durch eine Stimme verkündet, die der von den Nazis verschleppten Polin Maria Szmaragowska gehört, die einst für die Kriegsgefangenen gekocht hatte und die wir auch aus Allemann kennen. Von ihr sagt einer der Philosophen, sie habe Wittgenstein geliebt. Im Kochen und Essen kommen die vier Herren mit Hilfe von Urszula, Maria Szmaragowskas leibhaftiger Nichte – auch sie parodiert Wittgenstein –, buchstäblich und im übertragenen Sinne zusammen. Theologische, philosophische und künstlerische Nutzanwendung treffen sich im Genuss. Als wäre er mit Brechts Ziffel verwandt, erzählt der Theologe: „Mein Vater, ein geheimer Anarchist wie ich, sagte oft mit zynischem Unterton, wie armselig die Unterscheidung zwischen dem angeblich Wahren und den falschen Weltanschauungen sei. Ehrlicher hingegen ist die Differenz zwischen einer echten und falschen Rindsuppe.“ Auch Thomas Bernhard, von dem Elfriede Jelinek schrieb, „dass jeder andere Autor an ihm gemessen wird und auch in Zukunft gemessen werden wird“, wusste, dass nichts in Österreich besser sei als eine Rindsuppe.

Keine Rindsuppe mehr für Alfred Kolleritsch. Wie soll man das aushalten?
Thomas Rothschild – 29. Mai 2020
ID 12269


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