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„Falschaussagen waren keine Ausnahme, sondern die Norm. Unter dem schönen Schein aus Tugend und Anstand war Gilead verderbt bis ins Mark.“ (Margaret Atwood, Die Zeuginnen, S. 426)

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Margaret Atwood wird in den Medien gerne als eine Favoritin für den Literaturnobelpreis gehandelt. Die Kanadierin gewann letztes Jahr immerhin für Die Zeuginnen (2019) den renommierten britischen Man-Booker-Preis. Der Roman ist die lang erwartete Fortsetzung von Der Report der Magd (1985; damals auch auf der Shortlist für den Booker-Preis). Die düstere und grausame Dystopie The Handmaid’s Tale, so der Originaltitel, gilt heute auch aufgrund mehrerer erfolgreicher Verfilmungen als Klassiker. Sie handelt von einer totalitären, hierarchischen und christlich-fundamentalistischen Diktatur. Bürger stehen weitestgehend entrechtet einem puritanischen Terrorregime gegenüber. Die gesellschaftliche Ordnung im fiktiven Staat Gilead fußt auch auf der systematischen Unterdrückung von Frauen, denen bestimmte Rollen vorgegeben werden. Es gibt nur noch wenige gebärfähige Frauen. Diese müssen als Sklavinnen oder Mägde (im Orig. Handmaid’s) für unfruchtbare Frauen der Oberschicht Babys austragen. Der Report der Magd wird aus der Sicht einer solchen Magd erzählt. Sie hieß vor Gründung der Republik Gilead June, erhielt dann jedoch den Namen Desfred nach ihrem Hausherrn Fred, einem Kommandanten.

Auch Atwoods 34 Jahre später veröffentlichte Fortsetzung Die Zeuginnen (Orig.: The Testaments) konzentriert sich auf Frauenschicksale, wenngleich die Figur der Desfred nicht weiterverfolgt wurde und auch keine andere Magd zu Wort kommt. Die Handlung setzt fünfzehn Jahre nach Der Report der Magd ein. Aus den Ich-Perspektiven dreier Frauen wird in Parallelebenen und aufgezeichneten Berichten von Gilead erzählt. Zwei Mädchen im Teenageralter – Agnes und Daisy – werden auf unterschiedliche Weise mit Rollenbildern, Indoktrination und der Spionage von Gilead konfrontiert. Sie müssen eigenverantwortlich Position beziehen, ihr Leben einsetzen und sich behaupten. Die interessanteste Erzählerin ist jedoch die Figur der Lydia, die bereits im Report der Magd eine Nebenrolle spielte. Als sogenannte Tante ist sie Erzieherin und für die Betreuung und Ausbildung der Mägde zuständig. Im Report der Magd war sie eine der grausam strafendsten Wächterinnen und Vollstreckerinnen des tyrannischen Systems. Sie wird in Die Zeuginnen als ambivalente Figur aufgewertet, indem ihre Vorgeschichte beleuchtet wird: Wie kam es dazu, dass sie zur drakonischen Unterstützerin des Systems wurde? Im Sequel ist sie es, die die Machtstrukturen in Gilead sondiert, taxiert und notfalls geflissentlich intrigiert: „Zu gut, um wahr zu sein, werde ich denken. Zu gut für diese Welt. Das Gute sei mein Böses.“ (S. 293)

Die Zeuginnen beginnt in den, als sogenannte Zeugenaussagen gegliederten Kapiteln temporeich und pointiert. Der Roman hält über weite Strecken die Spannung. Im antifeministischen Terrorregime sind es doch immer Frauen, wie etwa die als „Marthas“ bezeichneten einfachen Haushilfen, die das Geschehen durch stillschweigende Allianzen vorantreiben:


„Woher wussten die Marthas, wer gerade wo war? Sie durften keinen CompuTalk haben und [sic!] oder Briefe empfangen. Sie mussten es von anderen Marthas erfahren haben, vielleicht aber auch von den Tanten und einigen Ehefrauen. Die Tanten, die Marthas, die Ehefrauen: obwohl sie oft neidisch und verbittert waren und sich vielleicht sogar gegenseitig hassten, bewegten sich Nachrichten zwischen ihnen wie über unsichtbare Fäden.“ (S. 321)


Ab Mitte des Romans wird die Storyline dann vorhersehbarer und gerät gar etwas seicht und konventionell. Plötzlich sind für Agnes in dem Frauenzurichtungszentrum Haus Ardua neun Jahre vergangen (S. 398). Agnes schlägt ungewöhnlich versöhnliche Töne an, wenn sie sich an die vergangene Zeit erinnert: „Bei allen gefühlten Stillstand hatte ich mich doch verändert. Ich war nicht dieselbe Person wie damals, als ich nach Haus Ardua kam. Jetzt war ich eine Frau, wenn auch eine unerfahrene; damals war ich ein Kind.“ (S. 400) Agnes Erzählstrang kongruiert nun nicht mehr mit der erzählten Zeit von Daisy, für die keine solch lange Zeitspanne vergangen ist. Auch in Atwoods Vorgänger-Roman-Vorgänger Hexensaat (2017) gab es einen unnatürlich anmutenden, plötzlichen Zeitsprung. In Die Zeuginnen wird ein Verständnis dieses Zeitsprungs auch dadurch erschwert, dass alle drei Erzählerinnen, für die innerhalb des Romans unterschiedliche erzählte Zeit verlaufen ist, gegen Ende über einen längeren Zeitraum aufeinander treffen.

Atwood schreibt die Szenen sehr visuell in bedrückenden Bildern. Bildmedien wie Überwachungs- oder Minikameras oder versteckte Kameras haben große Bedeutung. Ein wiederkehrendes Motiv sind auch Mikropunkte-Kameras, auf denen aus Gilead brisantes Beweismaterial herausgeschmuggelt wird.

Inspiriert zu ihrem Sequel wurde die Kanadierin nicht nur vom Frauenbild des IS oder durch den Amtsantritt eines chauvinistischen US-Präsidenten, der sagte, er könne Frauen stets zwischen die Beine greifen. Auch der große Erfolg der Golden Globe-gekrönten Hulu-Serie The Handmaid’s Tale (2017-2019) ermutigte sie sicherlich. Die US-amerikanische Seriendarstellerin Ann Dowd erhielt für ihre Nebenrolle der Tante Lydia den Emmy. Es ist wahrscheinlich, dass auch Die Zeuginnen mit prominenter Besetzung verfilmt wird. Ann Dowd spricht bereits in der Original-Hörbuchfassung von der Fortsetzung The Testaments die Tante Lydia.

Atwoods Die Zeuginnen bleibt hinter der Intensität vom Report der Magd, einem literarischen Meilenstein, zurück. Streckenweise liest sich das Werk wie ein unterhaltsamer Spionage-Thriller. Sichtweisen machthabender männlichen Protagonisten, die das patriarchale System etabliert haben, werden nicht wiedergegeben. Einhergehende Ideologien kommen etwas kurz. Zuweilen fehlender Tiefgang und auch kleinere Tippfehler (u.a. S. 415) schmälern ein bisschen das Vergnügen an der insgesamt trotzdem recht hellsichtigen Schreckensvision.


Ansgar Skoda - 11. April 2020
ID 12158
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