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nachDRUCK # 2

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Doppel-Besprechung

Flucht und Reise

quer durch

Afrika





Bewertung für beide Bücher:    



Reisen in ferne Länder und Kulturen ist tabu in Zeiten der Pandemie. Die Corona-Krise könnte jedoch dazu inspirieren, über eigene Reiseerfahrungen und -sehnsüchte nachzudenken. Geht mit dem Aufenthalt in der Fremde möglicherweise eine spirituelle Selbstsuche einher? Wie unterscheidet sich das Reisen als Tourist oder als Flüchtling? Zwei aktuelle Romane erzählen vom Reisen und Einsamkeit im fernen Afrika. In Lutz van Dijks Kampala –Hamburg (2020) flüchtet ein 16jähriger Ugander aus seiner Heimat, da er mit starken Repressionen aufgrund seiner Homosexualität rechnen muss. In Benzin (2019) von Gunther Geltinger bereist ein deutscher Tourist Mitte vierzig mit seinem Mann in einer abenteuerlichen Roadtour Südafrika. Für beide Hauptfiguren der Romane entwickelt sich das Geschehen zum Survival-Trip. Sie bewegen sich als Homosexuelle in einer zutiefst homophoben Gesellschaft. Weltweit werden in der Mehrheit aller Länder sexuelle Minderheiten ausgegrenzt, benachteiligt und oft gewalttätig verfolgt, ohne dass es Gesetze dagegen gibt. Oft beteiligt sich die Polizei sogar an diesen Übergriffen.

Ein Gesetz zur Einführung der Todesstrafe für Homosexuelle zeitigte 2009 im afrikanischen Uganda verheerende Auswirkungen. Zeitungen forderten 2010 in Schlagzeilen dazu auf, bekannte Homosexuelle zu ermorden und veröffentlichten Anschriften. Aktivisten landesweiter Organisationen für sexuelle Minderheiten wurden vor Ort ermordet. Lutz van Dijk lebt selbst in Kapstadt, Südafrika. Er erinnert in einem Nachwort in Kampala – Hamburg an David Kato, der sich als Lehrer und Kämpfer für Menschenrechte für sexuelle Minderheiten engagierte. Kato wurde 2011 im Alter von 47 Jahren ermordet. Der Roman ist diesem prominenten Schwulenaktivisten gewidmet. Auch die beiden Hauptfiguren tragen den Vornamen David.


* *

Heimlich treffen sich LGBTQI-Jugendliche in einer Kneipe in Kampala, der Hauptstadt Ugandas. Sie tauschen sich aus, feiern gemeinsam und engagieren sich anonym auf Social Media-Kanälen für einen ersten Gay Pride in ihrer Heimat. Der 16-jährige David ist als einer der jüngsten mit von der Partie. Er wächst ohne Geschwister bei seiner alleinerziehenden Mutter, einer Krankenschwester, auf. David genießt die Gemeinschaft mit den Gleichgesinnten und Gefährten. Zeitgleich sammelt in einer Parallelebene auch ein 18-jähriger Namensvetter in Hamburg erste (homo)-sexuelle Erfahrungen. Letzterer freundet sich mit Mitgliedern einer multikulturellen Gruppe in einem LGBTQI-Zentrum an. Bald engagiert er sich für homosexuelle Flüchtlinge aus dem Ausland.

Mit Schrecken erfahren die ugandischen Jugendlichen, dass fundamentalistische christliche Kirchen mit ihrer Hetze gegen sexuelle Minderheiten an Einfluss gewinnen. Als David aus Kampala im Bett mit dem Sohn eines einflussreichen Ugander erwischt wird, muss er auf dringenden Rat seiner Mutter und Freunde aus seiner Heimat fliehen. Er macht seiner Verzweiflung in einem spontanen Chat auf GayRomeo mit dem deutschen David Luft. Schüchtern, formelhaft und vorsichtig nähern sie sich dabei einander an, bis der Hamburger dem Ugander Wohnung und Schlafplatz anbietet. Eine abenteuerliche Flucht beginnt. Es gibt wichtige Vertraute, die in Uganda ihr Leben riskieren, um David etwa mit einem gefälschten Pass zu helfen.

Doch als der 16-Jährige im nigerianischen Lagos Zwischenstation machen muss, wird er ausgeraubt und schwer verletzt. Der Deutsche hört wochenlang nichts mehr vom Ugander. Lutz van Dijk macht keinen Hehl daraus, dass viele Homosexuelle ihre Flucht nicht überleben. Die Hamburger Jugendlichen erfahren so von einem 18j-ährigen Homosexuellen, der als Flüchtling an der iranisch-türkischen Grenze ermordet wurde.

Ausnahmslos in deutscher Sprache wiedergegebene Chatverläufe wirken bemüht jugendlich. Im letzten Kapitel sind die Unterüberschriften anfangs falsch gesetzt. Hier heißt es z.B. „David aus Hamburg zurück in Hamburg-Barmbek“, dabei befindet sich die Figur am Atatürk Flughafen im europäischen Teil von Istanbul. Insgesamt jedoch ein engagierter und spannender Roman. Ein Nachwort erklärt, dass immerhin drei afrikanische Länder die Strafverfolgung Homosexueller in den letzten Jahren beendeten: Mosambik (2016), Angola und Botswana (2019). Das lässt hoffen.



Ganz anders als das geradlinig für eher jüngeres Lesepublikum aus der Ich-Perspektive wiedergegebene Kampala – Hamburg, wird Benzin unzuverlässig und verschachtelt mit Rückblenden und sich überlagernden Storylines erzählt. Benzin handelt auch von einer Flucht in Afrika, jedoch von einer Flucht nach vorne, nämlich aus einer Schreibblockade. Der Schriftsteller Vinz fährt mit seinem Ehemann Alexander mit dem Auto quer durch Südafrika. Er möchte Eindrücke für einen neuen Roman sammeln, und gleichzeitig frönen beide Mittvierziger der Abenteuerlust.

Die Begegnung mit der südafrikanischen Kultur gleichen beide mit westlichen Werten und Vorstellungen ab. Der Hauptprotagonist Vinz ist eine unsichere Figur. Er ist kein Sympathieträger und erscheint bereits zu Beginn von Selbstzweifeln geprägt. Vinz widersprüchliche Gedankenwelten entdecken sogar in der Hitze des Tages eine diffuse Gefahr:


„Er schaut zum Himmel, der so grell ist, dass er die Sonne nicht sieht. Nicht die zumindest, der er stets eine metaphysische Rolle zugeschrieben hat, die Idee des Südens mit dem Beiklang von Licht, Wärme, Erneuerung, Hoffnung. Doch was ihm hier ins Gesicht beißt, die Augen zersticht und seine Würde auffrisst, ist ein Moloch.“ (S. 212)


Und tatsächlich fährt Alexander, der Mann des Erzählers, im Dunkeln einen Afrikaner Anfang zwanzig an. Der verletzte Unami begleitet auf eigenen Wunsch das Paar alsbald als Tourguide. Er möchte ihnen den "donnernden Rauch" der Victoriafälle zeigen. Sie erzählen ihm, sie seien Brüder. Genau beschriebene Momentaufnahmen wechseln mit Tagträumen und enervierenden Selbstbespiegelungen, in denen es auch darum geht, dass zwischen Vinz und Alexander nicht mehr viel läuft. Eine geregelte Untreue des Paares wird vielfach problematisiert. Vinz und Alexander wahren gegenüber Unami den Schein trauter Brüderlichkeit. Alexander schläft während der Tour jedoch mit anderen jungen Afrikanern und gibt ihnen Geld dafür. Vinz mag sich die eigene Eifersucht und Traurigkeit nicht eingestehen. Seiner Wut, dass ihre Ehe nicht mehr gelebt wird, macht er trotzdem in einer Konfrontation Alexander gegenüber Luft: „Du nimmst ihm den Druck?, wiederholte er in dem gleichen gekünstelten Tonfall, wenn er abspritzt stöhnt er »Thank you for helping Africa«?, dann schlug er den Blick zu Boden.“ (S. 334) Misstrauen und Enttäuschung werden laut: „Alexander hatte ihn bereits verlassen, irgendwo auf dem langen Weg zwischen damals und hier, und er, Vinz, hatte es nicht bemerkt.“ (S. 189) Dabei muss sich Vinz eingestehen, dass er selbst einem wesentlich jüngeren Mann in der Heimat hinterhertrauert, dem Studenten Manuel. Selbstkritik bis hin zum Selbsthass wird laut, wenn Vinz sich über die eigene „Altmännertraurigkeit und kindische Gier“ echauffiert (S. 255) und diese gleichzeitig mit einer grundlegenden Gekränktheit seiner schwulen Freunde abgleicht:


„In der ärmlichen Umgebung und mit dem Einheimischen an ihrer Seite sah Vinz, was ihm sonst an seinen Freunden nicht oder nicht mehr auffiel: einen irgendwie beleidigten Zug um Mund und Augen, die Elementarkränkung, die einem schwulen Mann durch das Eingeständnis seiner Neigung in der Jugend widerfährt, ein zickiges Gefältel, das sich im Laufe des nächsten Jahrzehnts zu einer Fratze verhärten wird, diesem Ausdruck sexueller Not, den er an den über Sechzigjährigen gleichermaßen verabscheut wie fürchtet, wenn sie sich im Halblicht einer Männersauna an ihm vorbei an die Jungen heranrücken.“ (S. 69)


Mitten in Afrika trennt sich das Ehepaar dann unverhofft. Vinz pilgert auf der Suche nach Benzin für das liegengebliebene Auto in ein abgelegenes Dorf. Alexander fährt währenddessen per Anhalter mit dem zusehends schwächeren Unami in ein Krankenhaus. Auf seiner nun über längere Passagen einsamen Reise wird Vinz mit grausamer Lynchjustiz, von Machthabern willkürlich bedrohten Dörfern und der Jagd auf Elefanten konfrontiert. Vinz gerät in Gefahr und lässt sich treiben.

Stille Wasser sind tief, fallende Gewässer münden jedoch nicht immer in einen Strom. Vor allem erscheint Benzin als Suche nach einem Strom. Denn die Hauptfigur ist immer auch Schriftsteller und möchte das Erlebte in Worte fassen:


„Tatsächlich war er über die eigenen biographischen Stromschnellen nie hinausgekommen. Seine zwei Bücher ein laues Plätschern, das im dritten, nachdem der Fluss die steilen Hochlagen der ersten Lebenshälfte hinter sich gelassen hatte, in der großen Tiefebene zu versickern drohte, und nicht nur der Verlag erwartete jetzt Fallhöhe.“ (S. 262)


Hier wird mit möglichen Parallelen zwischen dem Autor Geltinger und seinem möglichen Alter Ego Vinz offenkundig gespielt. Beide hadern scheinbar mit dem dritten Roman, der bei Geltinger mit Benzin nunmehr vorliegt. Wo beginnt die Erzählung in der Erzählung und wann hört fiktive Wirklichkeit auf: „Ähnlich stumm erschienen ihm seine Figuren; Alexander und Vinz, von denen er, als er leise die Namen vor sich hinsprach, nur die Zischlaute hörte.“ (S. 177) Der Reiz des autofiktionalen Schreibens wird stets mit den „Spuren der Fehlschläge aus zwei Jahrzehnten Liebes- und Schreibarbeit“ (S. 116) aufgegriffen. Neben der Lust an der schriftlichen Selbstverwirklichung steht also die Suche nach körperlicher Erfüllung:


„Seit er denken kann, kreist sein Leben um die eine Berührung, die ihn rettet, sie ist die Keimzelle seines Unglücks und Motor seines Schreibens, und die Menschen, die er sich dabei einverleibt, sind das Benzin, das er mit hoher Drehzahl verbrennt.“ (S. 275)


Es ist interessant, wie Vinz Unami um seine selbstgewisse Körperlichkeit beneidet. Während Vinz mit dem eigenen Sein hadert, hat Unami aufgrund der realen „Erfahrung existenzieller Bedrohung“ (S. 326) ganz andere Sorgen. Trotzdem erkennt Vinz nicht, dass seine Selbstzweifel auch von Unami als privilegiert wahrgenommen werden könnten.

Kalk- und Tonablagerungen fräsen sich in Spalten poröser Basaltschichten. (S. 306) In dem Roman ist als wiederkehrendes Motiv die afrikanische Legende des Schlangengottes Nyami Nyami eingewoben, der sich im Wasserfall des Zambezi-Flusses versteckt. Vinz denkt an diese mysteriöse Gottheit zunächst recht gefasst und desillusioniert:


„Überhaupt klang die Legende des Schlangenfisches wie eine dieser Geschichten, die Afrika-Touristen gerne hören, halb Landeskunde, halb Mythos, gespickt mit politischen Versatzstücken und einem moralischen Appell, ein Märchen für das schlechte Gewissen des Westens. Zu Hause erzählt man es bei der Diashow und zeigt sich betroffen.“ (S. 200)


Es ist insofern bezeichnend, dass schlussendlich alle Handlungsfäden in die Suche nach diesem Flussgott münden und der Autor uns mit einem ebenso dramatischen wie offenen Ende aus dem facettenreichen Lektüreerlebnis entlässt. Das starke Gefühl von Vinz schier unstillbarer Sehnsucht, in Afrika einen neuen Anfang zu setzen, bleibt zurück. Neben den bereits genannten Bezügen und Intertexten sei hier auch auf den Afrika-Reiseroman The Sheltering Sky (1949; 1990 mit US-Staraufgebot verfilmt) des Amerikaners Paul Bowles verwiesen, auf den Geltinger vielfach anspielt. Benzin ist ein mitunter sperriges Werk, das jedoch mit seinen ungewöhnlichen Beobachtungen, unkonventionellen Sichtweisen und der kompromisslosen Sprache in Erinnerung bleibt. Kürzlich wurde übrigens bekannt gegeben, das Benzin (Petrol) auf der European Union Prize for Literature-Shortlist für 2020 steht. Vielleicht ehrt die EU am 19. Mai ja diese höchst ungewöhnliche Geschichte von Aus- und Aufbrüchen und explosiven kulturellen Konfrontationen.


Ansgar Skoda - 3. Mai 2020
ID 12210
Kampala - Hamburg von Lutz van Dijk

Benzin von Gunther Geltinger


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