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Roman

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„Offiziell sind Bücher in meinem Land seit jeher unerwünscht. Wer Bücher bei sich hatte, gab damit, nach offizieller Lesart, zu erkennen, dass er fand, etwas sei faul im Staate. Und wer Bücher besaß oder sich auch nur als Bücherfreund erwies, machte sich verdächtig, vor allem, wenn gesellschaftskundliche Werke oder Romane im Spiel waren.“ (Amir Hassan Cheheltan, Der Zirkel der Literaturliebhaber, S. 142)

*

Der Werdegang der Weltgeschichte wird vom Weitergeben geprägt – vom Wert, Willen und Wirbel um Worte, die Wahrheit wagen. Doch zwischen den Zeilen ist Literatur oft Deutungs- und Auslegungssache. Literatur droht so vielerorts fehlgedeutet und verfälscht zu werden, insbesondere wenn sie nach Jahrhunderten den Klassikern zugeordnet wird:


„Die Form eines literarischen Textes hat immer auch Einfluss darauf, wie wir ihn wahrnehmen. Mit seiner Form verändert sich auch sein Inhalt.“ (S. 167)


Der Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan wurde 1956 in Teheran geboren, wo er heute noch lebt. Im Teheran ist er Ingenieur und Elektriker. Hierzulande wurden fünf seiner schriftstellerischen Werke veröffentlicht. Cheheltan gilt in Deutschland als eine der wichtigsten Stimmen zu den sozialen Umbrüchen im Iran. Sein Werk Der Zirkel der Literaturliebhaber (2020) lässt sich der Tradition des Bildungs- oder Coming-of-Age-Romans zuordnen. Es liest sich über weite Strecken aber auch wie ein essayistisches Sachbuch einer alternativen persischen Literaturgeschichte. Oftmals werden übersetzte Fremdtexte –manchmal kursiv – eingebunden. Im Iran hätte das doppelbödige Werk keine Chance auf eine Veröffentlichung gehabt. Es behandelt einige Tabuthemen, wie den Wandel der Rolle der Frau und den veränderten Umgang mit männlicher Homosexualität.

Der Autor schreibt aber vor allem auch autofiktional über persönliche Jugenderinnerungen. Er erzählt, wie seine Eltern im Zentrum von Teheran Eingeweihte im Gästezimmer ihres Hauses zu einem literarischen Salon einluden. Der wöchentliche Literaturzirkel – die Donnerstagsrunde – beherbergte acht Freunde, darunter auch eine Frau. Gelesen wurde klassische, persische Literatur, wie Rumi, Saadi, Hafis oder Ferdowski. Verse wurden leidenschaftlich rezitiert. Der Erzähler war oftmals zugegen und beteiligte sich an den über drei Jahrzehnte donnerstags währenden Diskussionsrunden.

Der Roman thematisiert die erwachende Sexualität des Jünglings Amir. Ihn interessiert weniger die belehrende Seite der klassischen persischen Literatur, die ihm düster und einseitig erscheint: „Mich interessiert die lockere, humorvolle, sehr irdische Seite dieser Dichter. Ich spüre keine Distanz zu ihnen.“ (S. 189) Er richtet die Aufmerksamkeit auch auf subversive und homoerotische Aspekte der Erzählungen und Verse:


„Literatur, die wiederholt sehr offen und in den Worten vieler bedeutender, hochverehrter Lyriker und Oratoren Homosexualität so unverblümt zur Sprache bringt, dass sie sich nicht leugnen lässt.“ (S. 79)


Amir erkennt, dass altpersische Literatur mit sämtlichen moralischen Tabus des islamischen Regimes bricht (S. 79). Nach der Nacherzählung einiger freizügiger, homoerotischer Passagen aus dem Werk des persischen Lyrikers Sanai aus Ghazni, der im mittelalterlichen Khorasan (heute in Afghanistan) lebte, heißt es:


„In jener Epoche ist der Geliebte demnach schön und kampfbereit zugleich. Damals war homoerotische Liebe keine Schande. Und man kann das elfte Jahrhundert christlicher Zeitrechnung ohne Übertreibung als Epoche homophiler iranischer Dichter bezeichnen.“ (S. 213)


Was früher selbstverständliche Normalität war, wird heute lustfeindlich und sittenstreng tabuisiert. In der islamischen Welt werden Homosexuelle sogar kriminalisiert und bis heute vielerorts hingerichtet. Lebensfeindliche Ideologien führen zu erschreckenden Machtmissbrauch.


„Ja, da war die eine, die reale Welt. Das Problem bestand darin, dass diese Welt ständig mit jener Welt in Berührung kam, die uns die Literatur eröffnete. Wodurch die reale Welt mitunter ihre Kontur verlor, unscharf wurde, rätselhaft, kompliziert. Oder die Literatur erweiterte sie, leuchtete sie mit grellem Scheinwerferlicht bis in jeden Winkel aus und verlieh ihr überdimensionale Bedeutung.“ (S. 27)


Auch in den Achtziger Jahren wandeln sich Politik und Gesellschaft. Der Kreis im familiären Gästezimmer wird von der brutalen Realität der Gegenwart heimgesucht. Der Schah Reza Pahlavi wird gestürzt. Protestmärsche und Demonstrationen beherrschen die Straßen. Es gibt Anschläge auf landesweit bedeutende Schriftsteller und Schriftstellerverbände. Der Name eines Anwesenden vom literarischen Zirkel taucht während der Unruhen auf einer Liste von Spitzeln des Geheimdienstes SAVAK auf. Cheheltan skizziert neben den unterhaltsamen Fremdtexten stets die Gegenwart des Zirkels. Bald kommt es zum letzten Treffen der Donnerstagsrunde. Der fundamentalistische Ajatollah Chomeini wird iranisches Staatsoberhaupt. Amir wird eingezogen zu zwei Jahren Wehrdienst als junger Offizier im Krieg gegen den Irak.

Amir Hassan Cheheltan bebildert in Der Zirkel der Literaturliebhaber eindrücklich die eigene Herkunft und die literarisch-kulturell reichhaltige Historie seines Landes. Oft sind es ungewöhnliche Details, die er in ein erfrischendes neues Licht setzt. Der Autor und seine Übersetzerin aus dem Persischen, Jutta Himmelreich, erhielten für das Werk 2020 den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt.


Ansgar Skoda - 30. März 2021 (2)
ID 12844
C. H. Beck-Verlag zu Der Zirkel der Literaturliebhaber


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