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Erzählungen

Fließend,

und flüchtig





Bewertung:    



„Was Leute im Dampfbad redeten oder taten, oder in den Stunden am Abend, wenn sie wie besessen getriezt wurden, weil der Tanzlehrer in der Nacht zuvor in einer Bar eine Abfuhr hatte einstecken müssen. Jeder redete über jeden, gab weiter, was getratscht wurde über Hände, die einen Tick zu lange dort verharrt hatten, wo sie nicht hingehörten, nach oben oder unten gewandert waren und sich vorangetastet hatten. Alles nur Anspielungen, Hörensagen, Sagt-der-und-der. Wenn Klartext gefordert wurde, redete plötzlich keiner mehr, denn, hey, Empfehlungsschreiben, hey, anstehende neue Stücke, ausgesprochenes und vorenthaltenes Lob. Tausend Möglichkeiten, jemanden büßen zu lassen oder selbst für etwas zu büßen. Auf die eine oder andere Weise wollte jeder sein Pfund Fleisch.“ (Brandon Taylor, Vor dem Sprung, S. 67)

*

So desillusioniert, berechnend und kühl denkt der passionierte Tänzer Charles über kursierende Gerüchte von späten Trainingseinheiten, Privatstunden und Meisterklassen seines Lehrers Farnland, einem Choreographen im Greisenalter. Auch er möchte über Farnland ein Engagement bei einer renommierten Compagnie ergattern. Er schaut deshalb großzügig darüber hinweg, dass Farnland in Kursen, denen er beiwohnt, jüngeren Tänzern eindeutige Avancen macht.

Nach seinem vielbeachteten Romandebüt Real Life veröffentlichte Brandon Taylor mit Vor dem Sprung elf stimmungsvolle Kurzgeschichten. Elegant und präzise werden bedeutsame zwischenmenschliche Begegnungen eingefangen. Oft handeln die Momentaufnahmen von Lebenseinschnitten. Diese können motiviert sein durch eine überraschende Affäre, eine plötzliche neue Partnerwahl, Ortswechsel, Trennungen, Versöhnungen oder eine unvorhergesehene Krankheit. Drei wichtige Charaktere sind Tänzer:innen, sie und auch andere tauchen gleich in mehreren Erzählungen als mal mehr, mal weniger zentrale Figuren auf.

Die Titelgeschichte Vor dem Sprung handelt von einem besonderen Tag im Leben Miltons, der junge Erwachsene feiert Anfang November Geburtstag. Zusammen mit seinen Kumpels Nolan, Abe und Tate besucht er auf einer Anhöhe eine Party, bei der petroleumgetränkte Lumpen in Stahlfässern abgefackelt werden. Die anderen wissen noch nichts davon, dass er für einen längeren Aufenthalt in einen anderen Bundesstaat ziehen wird. Milton nimmt gedanklich Abschied von seinen Kumpels und lässt ihr Zusammensein mit gemischten Gefühlen Revue passieren, während er sie betrachtet:


„Nolan bleibt bei Abe und Tate. Er ist wild am gestikulieren, erzählt irgendeine Story. Abe blickt gelassen und sanft. Früher war Abe brav – nett sogar. Sie waren alle vier zusammen zur Sonntagsschule gegangen. Dann aber war in jedem von ihnen etwas schiefgelaufen, hatte sich verhärtet, war kalt und boshaft geworden. Eine Wildheit in ihnen, die nach einem langen Winterschlaf erwacht war. Milton hörte Nolans Stimme über die Musik hinweg, er imitierte das Geräusch eines Maschinengewehrs, bespuckt alle Umstehenden mit Kugeln.“ (S. 154)


Beim gemeinsam gerauchten Joint ist die Harmonie plötzlich arg gestört, wenn Abe durch Worte wie „Niggerschwuchteln“ die mögliche erotische Anziehung zwischen Milton und Nolan provokant offenlegt und aufreizend nachhakt. Nolan schlägt Abe daraufhin mit einem Stein in der Größe eines Apfels gefährlich auf den Hinterkopf. Nachdem der schwer verletzte Abe versorgt und abtransportiert wurde, überdenkt Milton seine ungute Freundschaft und die ambivalenten Empfindungen für Nolan. Auch in anderen Geschichten geht es darum, Nähe aber auch Schmerzen auszuhalten und auch ungute Gemütsregungen zuzulassen. Dem Mittzwanziger Lionel fällt es so schwer, sich der beherzten Kurzzeitbekanntschaft Sophie zu öffnen, als sie ihn fragt, warum er mit niemanden zusammen ist:


„Lionel dachte über die Frage nach. Dann knöpfte er den linken Ärmel seines Hemdes auf und krempelte ihn bis zum Ellbogen hoch. Sein Unterarm war von einem Netz aus Narben überzogen, das am Handgelenk in eine Reihe tiefer Kerben mündete. Seine Unterarme waren heller als sein restlicher Körper, mit Ausnahme der wulstigen, hellbraun bis rötlich gefärbten Narben. In den Wintermonaten wurden sie manchmal trocken und ledrig. Sophie nahm den Anblick in sich auf, und Lionel wartete auf die übliche Choreografie aus Mitleid und Abscheu. Sie strich ihm über den Arm und gab ein leises, kritisches Brummen von sich. Ihre Berührung spürte er kaum. Die Narben kannten nur ein Zuviel an Empfindung oder überhaupt keine. Manchmal brannten sie heftig, oder pochten so sehr, dass er nicht schlafen konnte. Seine Ärzte hatten gesagt, dass es ein echter Schmerz sei, aber auch kein echter Schmerz.“ (S. 131f.)


Es ist eine leise Bitterkeit, eine zaghafte Sinnsuche und das ungläubige Streben nach ein bisschen Glück, das alle Charaktere in Brandon Taylors kurzweiligen, nahezu beiläufig in die Tiefe gehenden, stets pointierten Erzählband gemein haben.


Ansgar Skoda - 20. August 2022
ID 13760
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