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Lob des Fake





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In regelmäßigen Abständen bricht unter Redakteuren und ihren Lesern, die im allgemeinen zur Lüge ein intimeres Verhältnis haben als zur Wahrheit, Empörung aus über entdeckte Fakes, vulgo Fälschungen. Auf einmal wird den Lesern, die sich jeden Schmarren vorsetzen lassen, unterstellt, sie hätten eine unendliche Sehnsucht nach unbezweifelbaren Tatsachen. Die da so tun, als seien sie die edlen Ritter der Wahrheitsfindung, sind selbst Fake. Es geht nie um Wahrheit, sondern stets um Geld. Und die Produzenten von Fake könnte man als Verwandte der Whistle Blower interpretieren. Sie bringen verborgene Wahrheiten an den Tag.

Die Ambivalenz bei der Bewertung von Fälschungen hat ihre Ursache in den unterschiedlichen Funktionen, die ihnen zukommen. Wenn sich die Besitzer von Originalen und Kunsthändler mit allen ihnen zur Verfügung stehenden propagandistischen und juristischen Mitteln gegen Fälschungen zur Wehr setzen, dann verteidigen sie nicht die Kunst, sondern lediglich ihre ökonomischen Interessen. Die Objekte ihrer Geldanlage beziehungsweise des Warenangebots verlieren an Wert, wenn sie keine Unikate sind. Den toten Künstlern können Fälschungen egal sein. Van Gogh, der an seinen Bildern nichts verdient hat, profitiert nicht von den Umsätzen, die mit ihnen im Kunsthandel und bei Auktionen erzielt werden. Und der unbeteiligte Beobachter kann sich nur darüber freuen, wenn möglichst viele Menschen schöne Bilder an ihren Wänden hängen haben. Dass sie, erkennbar oder nicht, gefälscht sind: wen juckt’s? Der Besitzer des Originals ist ja keineswegs ästhetisch, sondern nur ökonomisch geschädigt, wenn er das Bild nicht betrachten, sondern verkaufen will. Er muss einem nicht leid tun.

Dass die Justiz sich in den Dienst der ökonomischen Interessen der Besitzenden stellt, ist ja nicht auf das Feld der Fälschungen beschränkt. Die Gerichtsentscheidungen, die Entlassungen wegen unterschlagener Leergutpfandbons und gestohlener Maultaschen rechtfertigen, deuten in die gleiche Richtung. Der Künstler und Karikaturist Ernst Volland geht in die Offensive. Er hat sich ein Leben lang (aktiv) mit Fakes beschäftigt und legt jetzt eine höchst amüsante und nur gelegentlich auch traurige Beispielsammlung für Die Kunst des Fake vor. Er unterscheidet zwar zwischen Fakes und Fälschungen, wenn man aber bedenkt, dass der einschlägige Film F for Fake von Orson Welles, einer der grandiosesten Essayfilme aller Zeiten, im Deutschen F wie Fälschung heißt, darf man behaupten, dass die beiden Begriffe nicht so sehr weit von einander entfernt sind.

Die Fakes, die Volland zeigt und erläutert und an deren Herstellung er zu einem guten Teil mitschuldig war, reichen von den bekannten retuschierten Politikerfotos aus der Sowjetunion über scheinbare Werbung bis hin zu getürkten Texten und Leserbriefen, und man goutiert die harmlosen Eulenspiegeleien mit der Schadenfreude des letzten Endes Wehrlosen. Sie erfüllen eine aufklärerische Funktion, aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie die realen Machtverhältnisse so gut wie nie verändern. Darin sind sie die Verwandten der politischen Satire, aber auch der selten gewordenen Zeitungsente. Volland schreibt, der Fake müsse eine Spur legen mit einer glaubwürdigen Legende. Ein beträchtlicher Teil seiner Herausforderung und seines Erfolgs liegt also in der Vorbereitung. Fakes sind das Ergebnis eines intellektuellen Spiels, und sein Reiz liegt in der Düpierung der Gelackmeierten.

Am schönsten ist es, wenn man den Fake in unmittelbarer Wirksamkeit beobachten kann. Aber auch die Rekapitulation gewährt Vergnügen. Zumal Ernst Volland lebhaft und unangestrengt erzählt. Ob man ihm uneingeschränkt glauben kann? Wer weiß, vielleicht hat er ja in dem Buch einen Fake über den Fake versteckt


Thomas Rothschild – 27. März 2021
ID 12835
Westend-Link zu Die Kunst des Fake von Ernst Volland


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