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Roman

Kunst für

Intellektuelle





Bewertung:    



Die Autorin ist Literaturwissenschaftlerin, ausgezeichnet mit diversen Preisen (wie dem Bayerischen Buchpreis), und sie kann mit Sprache umgehen. Das macht die Lektüre zu einem besonderen Erlebnis - ob im positiven Sinn, ist allerdings Geschmackssache. Bei dem biografischen Roman über den Dadaisten und Allroundkünstler Kurt Schwitters bleibt die Handlung manchmal an der künstlerisch gestalteten Sprache hängen. Jeder Satz ist eine Überraschung, kein Fortgang wird von mir erwartet, das macht die Lektüre ungewöhnlich und anstrengend.

Nachdem ich ein Drittel des Buches gelesen habe, offenbart sich für mich das Geheimnis des Schutzumschlages. Dieser ist nur deshalb so dick, da er doppellagig ist und biografische Daten inklusive eines Posters zu Schwitters enthält: Linksseitig Kurt pfeift das gute Leben, rechtsseitig Kurt pfeift die andere Seite des Lebens. Das ist übersichtlich und hilfreich, da auch die Jahre ab 1936, die im Buch Thema sind, hier in überschaubarer Form dargestellt sind. Schwitters Heimatstadt war Hannover, er floh mit seinem Sohn Ernst vor den Nazis zunächst nach Norwegen, später nach England, wo er 1948 starb.

Der Künstler Schwitters lebte vom direkten Umgang mit den Mitteln seiner Inspiration. Er sammelte in seiner Umgebung Hinterlassenschaften wie Papierschnipsel, Etiketten, Dokumente, Knöpfe, Stifte, um sie in seinen Kunstwerken unterzubringen oder sie damit zu schaffen; konkret und haptisch oder verbal, was zu seinen literarischen Werken führte. Anerkennung zollten ihm dafür längst nicht alle Künstlerkollegen seiner Zeit. Richard Huelsenbeck bezeichnete ihn despektierlich als „Genie im Bratenrock“.

Schwitters arbeitete siebzehn Jahre an einer von Innen begehbaren Skulptur, seinem Merzbau - "Merz" von Commerz, der "Merz" hat überlebt. Leider wurde der wahre Merzbau bei einem Luftangriff der Engländer auf Hannover zerstört. Da lebte Schwitters bereits im Exil. Schwitters zwischen den Frauen, daheim Ehefrau Helma, in London die Geliebte Wantee; und immer wieder Kunst, mit den einfachsten Mitteln, schon in Norwegen.

Hier tut sich ein Bruch im Buch auf, wenn sich eine Intellektuelle einem geradezu hemdsärmeligen Künstler nähert. Die Autorin zeichnet mit Sprache, ihr Bild bleibt lückenhaft, schildert die Situation Schwitters in Norwegen, peinlich darauf bedacht ihn nicht zu vereinnahmen:


"Es lag außerhalb aller Kategorien, dass man es erlebte, wenngleich nicht fasste. Hier oben, wenn Licht unter der Zunge schlief, wo das Meer nach einem griff, wo nichts mehr aufhörte und nichts begann, denn die Sonne war erstarrt und das Meer aufgewühlt, beides immer zugleich, hier oben begriff man, dass man nicht begriff." (S. 122)


Ulrike Draesner vermittelt ein Bild von Schwitters, bei dem ich mir vorstellen kann, dass ihm die Sprache in diesem Buch „auf den Geist“ ging. Wenn dies von der Autorin beabsichtigt war, dann erhält sie an dieser Stelle mein Kompliment, falls nicht, ist es eine deutliche Schwäche. Und noch einen Aspekt birgt die sprachliche Besonderheit: den Mangel an Emotionalität. Die Kriegsereignisse sind schrecklich, und diese Schrecknisse können subtil, platt oder gefühlvoll dargestellt werden. Ulrike Draesner bringt sie bildhaft, doch emotionslos rüber, was ich schon fast als respektlos empfinde.


"Ein Großteil der Decke war heruntergekommen, er hatte in eine Küche im ersten Stock geblickt. Ein meergrünes Kleid, der Rock mit einem leichten Voilestoff in hellerem Türkis besetzt, hing von einem unwahrscheinlichen Stahlhaken, der aus einer von Rissen durchgezogenen Wand ragte. (…) Es war nicht nur ein Kleid. Die Beine und der Kopf der Frau, die es getragen hatte, mussten von der Explosion weggerissen worden sein. Ihre Arme, jung und unverletzt, hingen an den Seiten herab. Zwei zarte weiße Stangen einer neuartigen Sorte Spargel, die in bloßer Luft wuchs." (S. 183)


Das Buch macht neugierig auf Kurt Schwitters, es zeigt einen Künstler, der durch seine Biografie zunächst bevorzugt, später katastrophal benachteiligt wurde. Draesner hält die Erinnerung an diesen Menschen, von dem viele Kunstwerke (wie der Merzbau) im Krieg zerstört wurden, lebendig - auf die ihr eigene Art.


Ellen Norten - 18. Februar 2021
ID 12756
Verlagslink zum Schwitters-Roman von Ulrike Draesner


Post an Dr. Ellen Norten

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