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nachDRUCK # 2

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Studie

Im Fall

des Falles





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Dieses Buch ist ein im Wortsinn schwerer Brocken. 769 Seiten, von denen viele zu einem Drittel mit Fußnoten gefüllt sind – da muss man schon Geduld haben und sich Zeit nehmen. Dabei hat sich der Autor Ulrich Breuer, Germanist an der Universität Mainz, nicht etwa einen Rundumschlag über ein umfassendes Gebiet vorgenommen, sondern einen auf den ersten Blick engen Ausschnitt. Ungeschickt. Eine Fallgeschichte der deutschen Literatur lautet der kalauernde Titel, der mit der Doppelbedeutung des Wortes „Fall“ spielt, und genau darum geht es: um Ungeschicklichkeit. Der Untertitel grenzt das Vorhaben ab gegenüber anderen Kunstgattungen – das Theater fiele einem sofort ein und der Film (Seitenblicke zur bildenden Kunst am Anfang der einzelnen Kapitel leistet sich Breuer dankenswerterweise immerhin) – und gegenüber Literaturen anderer als der deutschen Sprache und Herkunft. Don Quijote kommt da ebenso wenig in Betracht wie Dostojewskis Idiot oder Tschechows Jepichodow aus dem Kirschgarten. Als Begründung mag jenseits pragmatischer Zwänge und der an deutschen Universitäten zunehmenden, immer schmäler werdenden Spezialisierung, welche die Einrichtung neuer Lehrstühle und neuer Einkommensmöglichkeiten begünstigt, die folgende Feststellung über den Gegenstand der Arbeit dienen: „Ähnlich wie schon der Sonderling ist auch der Ungeschickte eine literarische Variante des deutschen Michel.“ Zumindest was den Sonderling betrifft, könnten Anglisten Widerspruch zu dieser an Herman Meyer anschließenden These anmelden.

Breuer unterscheidet zunächst zwischen sozialer und motorischer Ungeschicklichkeit – weitere Kategorien, namentlich die „idiotisch-poetische Ungeschicklichkeit“, kommen hinzu – und definiert sie unter Rückgriff auf Wittgenstein „als Ausführungs- oder Performanzfehler“. „Im Unterschied zum Unfall oder zur Katastrophe, denen schwere Ausführungsfehler zugrunde liegen können, handelt es sich bei der Ungeschicklichkeit um einen leichten Fehler, gewissermaßen um einen Clinch ‚mit dem Bagatell‘“.

Nach der ein Zehntel des Buchs einnehmenden Einleitung, die die erforderlichen Begriffsbestimmungen, die Überlegungen zur Methode und einen Überblick über den Forschungsstand enthält, geht Breuer chronologisch vor und schreitet in acht Kapiteln behänd durch ein halbes Jahrtausend, von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart.

Die Konzentration auf das eigentliche Thema der Arbeit, die Ungeschicklichkeitsszene, lässt Breuer auch wenig vertraute Werke als Beleg herbeizitieren oder sich auf 17 Seiten, im größeren Kontext des Tanzbär-Motivs, mit Goethes Gedicht Lilis Park beschäftigen. Zu den im einzelnen untersuchten etwas bekannteren Werken zählen unter anderem Eyn gesprech eynes Euangelischne Christen/ mit einem Lutherischen/ darin der Ergerlich wandel etlicher/ die sich Lutherisch nennen/ angezaigt/ vñ bruederlich gestrafft wirt von Hans Sachs, Jörg Wickrams Rollwagenbüchlin oder Friedrich Schlegels Lucinde.

Für die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts, die in Breuers Abhandlung breiten Raum einnimmt, stellt der Autor fest: „Zunächst erscheint der Ungeschickte, im engen Anschluss an die Romantik, als ambivalenter, mehr oder weniger liebenswürdiger, teils aber auch ironisch belächelter sozialer Außenseiter, sodann als Tollpatsch, der nun mal nicht anders kann und dem man daher einfach gut sein muss, und schließlich als ‚cynischer‘ Sonderling, der sein Ungeschick strategisch einsetzt.“

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird Ulrich Breuer, wie fast zu erwarten, vor allem bei Franz Kafka fündig. In diesem Zusammenhang erwähnt der Autor auch en passant eine filmische Gattung, für die die Problematik der Ungeschicklichkeit grundlegend ist: den Slapstick. Der spätere tschechische Präsident Václav Havel hat einst in einem genialen Essay über die Anatomie des Gag dessen Mechanismen mit dem Instrumentarium von Henri Bergson analysiert.

Für die Nachkriegszeit nimmt sich Breuer Wolfgang Koeppens Tauben im Gras vor. Dabei könnte man sich vorstellen, dass die Figur des Felix Keetenheuve aus dem Treibhaus als Verkörperung der Ungeschicklichkeit noch ergiebiger wäre. Wenn die Literaturkritik Koeppens drei Romane der frühen fünfziger Jahre als eine „Trilogie des Scheiterns“ bezeichnet hat, weist das in das Bedeutungsumfeld von Ungeschicklichkeit. Koeppen selbst hat nur Das Treibhaus einen „Roman des Scheiterns“ genannt.

Eine besondere Wertschätzung durch Breuer erfährt Michael Rutschky. Nach ihm scheint kein Protagonist der deutschsprachigen Literatur mehr, außer vielleicht Rainald Goetz, Breuers besondere Beachtung zu verdienen. Dass der Name Elfriede Jelinek nur beiläufig, im Zusammenhang mit Rainald Goetz, vorkommt und Thomas Bernhard gerade zwei Mal genannt, aber nicht gewürdigt wird, mag überraschen. Dass aber der Autor der Blechtrommel nichts mit Ungeschicklichkeit zu tun haben soll, erscheint doch einigermaßen frivol. Günter Grass ist bei Ulrich Breuer, wie übrigens Martin Walser, nicht vorhanden.

Die DDR hakt Breuer mit einer nüchternen Bemerkung ab: „In der DDR dagegen war die literarische Darstellung negativer oder pessimistischer Helden, zu denen auch Außenseiter, Einzelgänger und Ungeschickte gehörten, lange verboten.“ Christa Wolfs Der geteilte Himmel oder Uwe Johnsons noch in der DDR entstandene Mutmaßungen über Jakob hätten wohl für Breuers Thema durchaus Erkenntnisse produziert, wenn er dafür die gleiche Empathie aufgebracht hätte wie für Rutschky oder Goetz.

Eigentlich schade: Das Thema dieses Buchs könnte für den nicht-akademischen literaturaffinen Leser durchaus interessant sein. Das Auseinanderklaffen von wissenschaftlichen und (bisweilen allzu) populären Veröffentlichungen verhindert den Zugang. In jüngster Zeit hat Michael Maar mit Die Schlange im Wolfspelz demonstriert, dass es auch anders geht. Die Zwänge des deutschen Universitätsbetriebs mögen heftig sein. Dass man ihnen folgt, ist, wenn man gelesen werden will – nun ja: ungeschickt.


Thomas Rothschild – 16. März 2021
ID 12815
Verlagsliunk zu Ulrich Breuers Ungeschickt


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