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nachDRUCK # 2

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Krimi

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Lustmorde

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Der 567 Seiten starke Kriminalroman beginnt reißerisch blutrünstig. Ein junger Mann rennt nachts schutzsuchend durch den Berliner Tiergarten. Andreas Daume, genannt „Bambi“, flieht vor seinem Mörder. Doch das fällt dem Flüchtenden alsbald schwer, ein Messer steckt in seinem Unterschenkel.

Mit viel Berliner Lokalkolorit zeichnet Roland Gramling in seinem Krimidebüt Tote foltern nicht leidenschaftlich einen Sumpf brenzliger Machenschaften. Lustvoll entspinnt sich eine Geschichte um zwielichtige Politiker, überforderte Polizisten und eine schwul-sadomasochistische Subkultur. Im Zentrum steht eine undurchsichtige Anwältin, die prominenten Politikern bei der Lösung heikler Probleme hilft: Constanze Stark. Sie wird von einem konservativen Spitzenpolitiker beauftragt, dessen jungen Liebhaber ausfindig zu machen: eben jener eingangs geflohene Andreas Daume. Daume ist zugleich auch der Sohn einer prominenten Grünenpolitikerin. Bald hilft Stark über Umwege auch dieser Grünenpolitikerin. Doch eigentlicher Antiheld des Krimis ist der taffe Privatdetektiv Sören Petersen. Stark setzt ihn darauf an, Daume zu finden, ohne ihren Auftraggeber der konservativen Partei zu verraten. Petersen, der früher Polizist war, gerät schnell an seine Grenzen und in Gefahr:


„Er beschattete irgendwelche Menschen auf Anordnung einer ominösen Anwältin, brach in Wohnungen und Datschen ein, verheimlichte Informationen vor der Polizei. Die Liste seiner Verfehlungen wurde länger und länger.“ (S. 362)


Sören Petersen ist abgehalftert, trunksüchtig, schwul und ein Einzelgänger. Er agiert mitunter unüberlegt und hat seine eigenen moralischen Grundsätze. Er begibt sich alleine und ohne sich mit jemand abzustimmen an Tatorte und in Gefahrenzonen. Er agiert hier mitunter wie betäubt, unberechenbar und nahezu furchtlos. Dabei ist er in der eigenen Detektei sogar mit den einfachsten häuslichen Ritualen überfordert, wenn er es sich am Vorabend in seiner Stammkneipe mal wieder gut gehen hat lassen:


„Seine Kehle war trocken und ranzig und sein Schädel fühlte sich an wie ein zusammengeschrumpelter, langsam verfaulender Pfirsich. Benommen vom Alkohol und seinem schlechten, viel zu kurzen Schlaf stolperte Sören unbeholfen zur Kaffeemaschine.“ (S. 277)


In Tote foltern nicht konfrontiert Roland Gramling zwei gegensätzliche Charaktere miteinander. Über den Kriminalroman hinweg entspinnt sich zwischen dem undisziplinierten Petersen und der besonnenen Stark ein grundlegender Konflikt um das geeignete Vorgehen in diesem Fall:


„Sie hatte ihn hintergangen und benutzt! Allein dieser Gedanke brachte Sören zum Kochen. Doch wesentlich schwerer wog das Gefühl, Teil eines undurchschaubaren, abgekarteten Spiels zu sein. Das machte ihn rasend. Er kam sich vor wie eine Marionette, die an unsichtbaren Fäden durch die Szenerie gelenkt wurde, ohne zu wissen, welche Rolle ihm in diesem Stück zugedacht wurde.“ (S. 143)


Tatsächlich changieren im Roman die Verdachtsmomente. Auch Politiker und Polizisten erscheinen mitunter höchst zwielichtig. Später erfahren die Leser, dass der Mörder seine Opfer bewusst nach einem Prinzip auswählt. In der Vergangenheit gab es schon einmal junge Mordopfer, zu denen auch Stricher zählten, die Petersen kannte. Es gibt bald mehrere Verdächtige. Wurden Foltermorde gar in trauter Gemeinschaft durchgeführt?

Der voluminöse Krimi des Autors, der eigentlich Pressesprecher beim WWF ist, überrascht durch ungewöhnlichen Phantasiereichtum. So gibt es mal einen Sprung in die Vergangenheit Petersens, als dieser noch ein Jugendlicher war. Dann begegnet Petersen im Alkoholrausch plötzlich Geistern aus seiner Vergangenheit. Schließlich gibt es Perspektivwechsel, wenn die Geschichte plötzlich aus der Sicht des Mörders erzählt wird. Am Ende wird sogar das „new normal“ (S. 563) der Coronazeit thematisiert.

Doch insbesondere das Geschehen um etablierte Politiker mit Leichen im Keller gerät zum Ende hin etwas unglaubwürdig. Auch bei der Verbindung von Mord und Lust hätte ich mir mehr psychologisches Feingespür gewünscht. Interessante Nebenschauplätze wie das Taktieren der Anwältin Stark oder Petersens Konflikt mit der Polizei hätten gewiss ein bisschen pointierter erzählt werden können. Viele Tote säumen zum Ende hin den Plot; der Leser erscheint schlussendlich ähnlich fassungslos wie die Hauptfigur Petersen. Da ist es eine willkommene Ablenkung, wenn man in Tote foltern nicht auch selbst detektivisch tätig wird und kleine Tippfehler verfolgt: S. 158 unten „zu[sic]m ihm standen“, S. 415 „Bratt[sic]fett“, S. 462 „mitten in der Nach[sic]“. Einen Pluspunkt gibt es für das Personenregister auf den letzten Seiten, das wirklich hilfreich ist. Ein solches würde man sich bei mehr Krimis wünschen.

Ansgar Skoda - 24. Januar 2022
ID 13418
Verlagslink zum Krimi Tote foltern nicht


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