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Autobiografie

Ganz alte Schule





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„Dass die FIFA den Regenbogen an ihre Postings hängt, ist zynisch.“ (Thomas Hitzlsperger, Mutproben, S. 182)

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2022 wurde die Fußball-Weltmeisterschaft im arabischen Golfstaat Katar ausgetragen. Auch 2034 wird die WM in Saudi-Arabien stattfinden. Die Rainbow-Laces-Kampagne, Diversity-Trikots oder Regenbogenfahnen können nicht wettmachen, dass in der arabischen Welt grundlegende Menschenrechte nicht beachtet werden und etwa Schwulsein „mit Peitschenhieben, Gefängnis, Hinrichtung“ (S. 174) bestraft wird.

Der ehemalige Profi-Fußballspieler Thomas Hitzlsperger kritisierte im TV, wie in der ARD-Dokumentation Katar - warum nur?, die FIFA. Nun veröffentlichte der heute 42-Jährige mit Mutproben (zusammen mit dem Journalisten Holger Gertz) seine Autobiografie. Neben biographischen Anekdoten stehen dabei insbesondere der Druck im Fußball und Haltungen „in der Fußballblase“ im Fokus. Hitzlsperger erreichte 2006 mit der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft den dritten Platz und wurde 2008 Vizeeuropameister.

Bekannt wurde er einer breiten Öffentlichkeit durch sein selbstbestimmtes Coming Out vor zehn Jahren. Dass sich nach ihm bis heute kein weiterer aktiver Fußballprofi in Deutschland als schwul outet, kommentiert Hitzlsperger, wie folgt:


„Im Fußball herrscht an vielen Stellen noch immer ein heteronormatives Denken. Wo Härte und Kraft glorifiziert werden, gilt Homosexualität vielen als Synonym für Schwäche.“ (S. 179)


Denkbar nüchtern betrachtet Hitzlsperger die langjährige Selbstverleugnung. Nicht kalkulierbare Fan-Reaktionen seien weniger das Problem für ein mögliches Outing gewesen. Als größte Belastung und größere Herausforderung sei die Situation in der Kabine entscheidender, so Hitzlsperger:


„Es ist nun einmal sehr intim in so einer Kabine, man duscht zusammen, man ist sich körperlich nah. Für manche Spieler ist die Vertraulichkeit in der Kabine eine Herausforderung, sogar eine Zumutung. Für einige strenggläubige muslimische Jungs zum Beispiel, manche von denen duschen mit Unterhose. Wenn ich mich damals, als aktiver Spieler, geoutet hätte, hätte ich mich danach gefragt: Bleiben die anderen jetzt länger draußen, weil ich noch etwas länger in der Dusche bin? Hauen die jetzt früher ab, weil jetzt ich unter die Dusche gehe? So etwas brauchst du nicht in der Gruppe, in der es um Leistungen geht, die die Gruppe gemeinsam erbringen soll.“ (S. 28f.)


Bevor 2014 eine ZEIT-Titelstory zu seinem Coming Out erschien, rang Hitzlsperger mehrere Jahre mit sich und führte mit den Journalisten Carolin Emcke und Moritz Müller-Wirth mehrere Vorgespräche. Als aktiver Spieler wollte er ein früheres Outing vermeiden:


„Jedes Spielergebnis wäre, von der Öffentlichkeit und sicher auch bei Teilen des Teams, mit dem Coming-out in Verbindung gebracht worden, natürlich in erster Linie jedes negative Ergebnis.“ (S. 33f)


Manchmal werde Homophobie von Fußballern durch gute Diversity PR der Clubs auch verdeckt, so der Ex-Nationalspieler. Es sind kurze Sätze, mit denen er den Gegenwartsfußball nie konfrontativ, aber immer mit Nachdruck, kritisiert. Das Business sei knallhart und auf Gewinnmaximierung ausgerichtet, weiß Hitzlsperger:


„Das Profifußball ist dekadent. Die Saudis machen die Dekadenz nur noch sichtbarer.“ (S. 170)


Hitzlsperger problematisiert den Erfolgsdruck, der die Spieler mitunter belastet:


„Im Fußball hängt vieles am Erfolg, vielleicht alles.“ (S. 142)


Der frühere Nationalspieler schreibt über plötzliche Schwitzanfälle (S. 113), die Angst vor Zurückweisung (S. 67) und streut bewusst auch pathetische Worte (S. 145), wenn es darum geht, im Fußball nicht empfindlich sein zu dürfen:


„Ein Fußballer hat bei jedem Spiel die Aussicht auf Triumph oder Katastrophe, jedenfalls wenn er so gut geworden ist, dass ihm Tausende und Abertausende zusehen. Er ist, nicht nur körperlich, permanent im Grenzbereich unterwegs. Das zehrt. Nicht nur körperlich.“ (S. 87)


Hitzlsperger beleuchtet kurz das Schicksal des Nationaltorhüters Robert Enke (1977-2009), der wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung war und sich mit 32 Jahren das Leben nahm. Es fallen im Sachbuch viele weitere Namen. So ist für den Exfußballer Hitzlsperger der American-Football-Spieler Colin Kaepernick ein Vorbild, weil dieser gegen Rassismus in der National Football League protestierte (S. 117). Auch ist Hitzlsperger stolz darauf, das Trikot mit dem Spanier Cesc Fàbregas getauscht zu haben. Hitzlsperger zählt eine Handvoll offen schwule Fußballer in den Top-5-Ligen auf; wie den tschechischen Nationalspieler Jakub Jankto, der 2023 nach dem Coming Out von Sparta Prag zu Cagliari Calcio wechselte; sowie Josh Cavallo, Profi beim Erstlegisten Adelaine United, den US-Amerikaner Collin Martin und den Briten Jake Daniels.

Der gebürtige Münchner Hitzlsperger berichtet, wie er als Funktionär im Vorstand beim VfB Stuttgart aufsteigt. Er analysiert Zusammenhänge, weiß über Anekdoten wie etwa über Schlägereien auf dem Spielfeld zu berichten und problematisiert das sogenannte Sportswashing, dass etwa Newcastle United vom saudischen Herrscher Mohammed bin Salman aufgekauft wurde.

Als Leser erfährt man etwas über das Leben als Profifußballer, so gehören neben Selbstdisziplin auch Glück, ein positiver Team-Spirit und die Abhängigkeit von Entscheidern und Traditionen dazu. Mutproben ist ein, aufgrund der politischen Botschaft wichtiges Buch, in dem Thomas Hitzlsperger das im Bucheinband beworbene Thema Coming-Out und Schwulenfeindlichkeit im Fußball jedoch oft zu beiläufig und ohne persönliche Erlebnisberichte abhandelt. So wird im Band mit keinem einzigen Wort Hitzlspergers Ex-Freundin Inga Totzauer erwähnt, mit der er acht Jahre liiert war und die er 2007 heiraten wollte. Die Selbstverleugnung und Alibibeziehungen eines schwulen Profifußballers problematisierte schon Marcel Gislers Schweizer Kino-Drama Mario (2018) als seelische Zerreißprobe. Hitzlsperger hält sich mit persönlichen Anekdoten weitestgehend bedeckt. Er zitiert in seinen kühlen Alltagsbeobachtungen und Reflexionen darüber hinaus oft Reaktionen auf Twitter, um Thesen zu begründen, oft ohne Accounts zu nennen. Bei aller begründeter Kritik am Profifußball macht sich der Autor, heute auch ehemaliger VfB-Vorstand und Träger des Bundesverdienstkreuzes, weiterhin als aktiver Fußballfunktionär um Diversity, Antirassismus und soziale Projekte verdient.


Ansgar Skoda - 1. Mai 2024
ID 14724
KiWi-Link zu Hitzlspergers Mutproben


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