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Im Schatten

des Burg-

theaters





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Das Burgtheater kennt, zumindest dem Namen nach, auch wer noch nie in Wien war. Ein Theater mit einer ebenso ehrenwerten Tradition liegt, von den angrenzenden Häusern nahezu versteckt, im 8. Wiener Gemeindebezirk, der Josefstadt, bis zum Abriss der Stadtmauer ab 1858 eine Vorstadt, und heißt auch so: Theater in der Josefstadt. Über lange Zeit hinweg galt die Burg als „deutsches Nationaltheater“ und als Heimat der Klassik, während das Theater in der Josefstadt ein Schwergewicht auf die österreichische Dramatik legte, auch auf die Komödie und den gehobenen Boulevard, dafür eine ganz eigene, am Tonfall der Aristokratie und des diese nachahmenden Großbürgertums orientierte Sprechweise pflegte. Zwar strebten die meisten bekannten Schauspielerinnen und Schauspieler, wenn sich ihnen die Möglichkeit anbot, zur Burg, aber auch die Josefstadt hatte immer wieder Stars und Publikumslieblinge von Ernst Deutsch bis Oskar Werner, von Leopold Rudolf bis Helmuth Lohner, von Aglaja Schmid bis Vilma Degischer, von Adrienne Gessner bis Maria Emo, von Hans Moser bis Fritz Muliar und Otto Schenk, von Erni Mangold bis Andrea Jonasson aufzubieten, auch prominente Burgschauspieler wie Karlheinz Hackl oder Gert Voss gastierten in der Josefstadt oder wechselten hierher, wenn sie an der Burg mit den jeweiligen Direktoren in Konflikt gerieten. Das Klischee von der Josefstadt als Plüschtheater für Pensionisten hatte nur bedingt und unter manchen Direktionen mehr als unter anderen Berechtigung. Und dass Claus Peymann, der die Josefstadt einst als „die beste Schnarchstätte Wiens“ verspottet hat, heute, von seinem Nachfolger Martin Kušej verschmäht, bei der Konkurrenz inszeniert, dürfte dort zu einer nicht unbegründeten Befriedigung Anlass geben.

Jetzt ist – kurioserweise in einem deutschen Verlag – in zwei großformatigen und schwergewichtigen Bänden ein Prachtwerk erschienen, das die Geschichte des Theaters in der Josefstadt, mutig voraus greifend bis ins Jahr 2030, beschreibt und abbildet. Ungewöhnlich an diesem Wälzer ist der Umstand, dass sein Autor Robert Stalla nicht Theaterwissenschaftler ist, sondern Kunsthistoriker. Entsprechend legt Theater in der Josefstadt 1788-2030 den Schwerpunkt auf die Architekturgeschichte. Das ist insofern in der Sache begründet, als das Haus mehr als viele andere Theater architektonisch bemerkenswert war und bis heute geblieben ist. Die Sträußelsäle, einst ein berühmter Ballsaal, in dem – wer hätte das gedacht? – Karl Marx 1848 Reden vor dem Ersten Allgemeinen Arbeiterverein gehalten hat, zählen immer noch zu den schönsten Theaterfoyers in Europa. Gerade für die Aspekte der Bauten und Räume, die anders als Szenen aus Aufführungen nicht den Einschränkungen durch die zeitliche Dimension unterliegen, sind die zahlreichen Illustrationen hilfreich und für sich von ästhetischer Qualität. Freilich liefern auch die Kupferstiche, Lithographien, Aquarelle und Fotos von Schauspielerinnen und Schauspielern und von Szenen lehrreiche und oft witzige Informationen – etwa über Ferdinand Raimund als Geiger, über dessen Zauberspiele Der Alpenkönig und der Menschenfeind oder Der Verschwender, über die legendären Volksschauspieler Hansi Niese und Alexander Girardi in eben diesem Verschwender, über Wenzel Scholz, das langjährige Gegenüber von Johann Nepomuk Nestroy, über Helene und Hugo Thimig 1924 in Kabale und Liebe, über Max Reinhardt bei einer Probe zu König Lear.

Das Buch ist flüssig und trotz der Ausführlichkeit gut lesbar geschrieben. Die Perspektive hat zur Folge, dass die Zeitgeschichte eher kurz kommt und der Autor mehr zur Apologetik als zur Kritik neigt. Auch die – nicht nur am Theater in der Josefstadt – oktroyierte Arisierung nach dem Anschluss im Jahr 1938 wird vergleichsweise beiläufig erwähnt, und der Einfluss ehemaliger Nazis nach 1945, den selbst die wenigen heimgekehrten Emigranten verschwiegen oder heruntergespielt haben, ist kein Thema dieser Darstellung. Damit freilich folgt der Autor einer Tendenz, die in Österreich nach wie vor den Ton angibt. Warum sollte man ausgerechnet am Theater im Schmutz wühlen? Wenn der Kronleuchter im Zuschauerraum hochgezogen wird, ist die Welt in Ordnung. Dann wird es – mit Peymann nicht anders als mit Franz Stoß – feierlich. Ein Schuft, wer einem die Stimmung verderben will.


Thomas Rothschild – 3. Oktober 2021
ID 13182
Verlagslink zu Theater in der Josefstadt 1788-2030


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