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„Es war, als würde die Musik, die ich gespielt hatte, in der Luft zwischen uns weiterklingen; das Lied ohne Anfang und Ende, das Lied der Zeit.“ (Tan Twan Eng, Das Haus der Türen, S. 114)

*

Das Haus der Türen von Tan Twan Eng hat einen besonderen Ton. Es spielt 1921 in der britischen Kolonie Penang in Malaysia. Ruhig, melancholisch, mitunter auch heiter werden hier Spuren aus der Vergangenheit wiederbelebt. Zeitebenen fließen ineinander. Es entstehen Momentaufnahmen und Stimmungsbilder. Atmosphärisch gestaltet Eng Eindrücke von Vergänglichkeit, wenn der Erzähler verhalten auf dem Boden zerquetschte Frangipaniblüten betrachtet:


„Von der unerbittlichen Luft versengt, dachte er. Solange wir leben, erhält uns die Luft, aber kaum hören wir auf zu atmen, schlägt sie ihre Zähne in uns. Das, was uns am Leben erhält, verzehrt uns am Ende.“ (S. 223)


Tan Twan Eng, 1970 selbst in Malaysia geboren, studierte in England Jura, um lange als Anwalt zu arbeiten. Seine bisher erschienenen drei Romane waren stets für den wichtigsten britischen Literaturpreis, den Booker Prize, nominiert. The House of Doors stand so 2023 auf der Longlist. Der historische Roman erschien 2025 in einer deutschen Übersetzung von Michaela Grabinger.

Eng porträtiert als zentralen Protagonisten den englischen Erzähler und Dramatiker William Somerset Maugham (1874-1965), der bereits zu Lebzeiten ein vielgelesener Autor war. Maugham besucht mit seinem Liebhaber und Sekretär, dem Amerikaner Gerald Haxton, seinen alten Schulfreund, den Rechtsanwalt Robert Hamlyn und dessen Frau Lesley. Ästhetisch und narrativ ausgefeilt beleuchten mehrere Erzählstimmen ungewöhnliche Paarbeziehungen. Das Geschehen wird abwechselnd aus Lesleys Perspektive und aus der Sicht von William Maugham geschildert. Beide begegnen sich zaghaft, voller Empathie und Neugierde. Sie kommen einander im Verlauf der Handlung näher. Im Gespräch miteinander greifen Bedeutungs- und Empfindungsebenen ineinander, wenn beide dem unvermeidbaren Gewicht der Gegenwart nachspüren:


„Jeder Mensch wird einmal vergessen. Wie eine Welle im Meer, die keine Spuren davon hinterlässt, dass es sie einmal gegeben hat.“ Er schüttelte den Kopf. „Wir bleiben durch unsere Geschichten in Erinnerung. Wie heißt es noch in dem Gedicht an Ihrer Tür? Ein Vogel der Berge, der einen Namen über die Wolken hinausträgt. Nur eine Geschichte kann einen Namen über die Wolken und sogar über die Zeit hinaustragen.“ Sie nickte langsam, wie um sich von der Wahrheit seiner Worte zu überzeugen.“ (S. 92f.)


Lesley erzählt Maugham vertrauensvoll ihre Lebensgeschichte, in der ihrer Freundin Ethel Proudlock eine tragende Rolle zukommt. Proudlock musste sich 1911 wegen Mordes an ihrem Geliebten vor einem Gericht in Kuala Lumpur verantworten. In einem packenden Nebenstrang geht es hier um einen realen Mordfall. Diesen und den damit einhergehenden Gerichtsprozess verarbeitete Maugham selbst literarisch in seiner Kurzgeschichte The Letter (1926), die unter anderem 1940 mit Bette Davis verfilmt wurde.

In einem anderen Nebenstrang geht es um Sun Yat-sen (1866-1925, auch bekannt als Sun Wen), der 1912 erster Präsident der Republik China wurde. Robert und Lesley Hamlyn lernen Sun Wen als Exilanten in Penang kennen und unterstützen den damaligen Revolutionär finanziell. Lesley wirkt zudem, auch um einem gleichförmigen Alltag als Ehe- und Hausfrau zu entfliehen, als Übersetzerin von revolutionären Schriften Sun Wens mit. Sie lernt dabei den revolutionären Arzt Arthur Loh kennen, mit dem sie eine Affäre beginnt. Beide treffen sich in Arthurs titelgebendem Haus der Türen, das für Lesley bald auch ohne ihren Liebhaber zum Zufluchtsort wird:


„Das Haus war breit und tief und innen selbst an den heißesten Tagen kühl. Mir gefielen die dunklen Dielenbretter aus Chengalholz und die leuchtenden Muster der Enkaustik-Bodenfliesen. Es herrschte eine Zeitlosigkeit in diesen vier Wänden, als wäre die Sonne hinter den Mond geglitten und bliebe dort in ewiger Verfinsterung.“ (S. 247)


Radikale Zärtlichkeit fordert uns heraus, uns selbst zu hinterfragen. Engs vieldeutiges, sanftes und empathisches Werk betrachtet auf poetische Weise lebendige, aber zerbrechliche Räume. Hier nehmen Gedanken fein ziseliert Gestalt an. Grenzerfahrungen haben dabei stets ihre Tücken. Sie verführen oder entführen in unbekannte Gefilde. Dabei stellen sich Fragen nach Freiheit und Individualität. Gänzlich unsentimental macht Engs Roman Mechanismen der Einsamkeit sichtbar. Lesley ist sich so darüber im Klaren, dass auch ihr Gatte einen Liebhaber hat, dass sie beide sich jedoch niemals über ihre Liebhaber austauschen werden können:


„Es erschien mir wie eine Ironie des Schicksals, dass jeder von uns eine Liebschaft mit einem Chinesen hatte. Wir hatten diesen ungewöhnlichen Umstand gemein und konnten doch nie miteinander darüber sprechen. Zwischen uns lag das große, schwere Schweigen, das mit der Zeit Schicht für Schicht gewachsen war und sich verhärtet hatte wie ein Korallenriff, nur dass ein Korallenriff etwas Lebendiges war.“ (S. 294)


Das Haus der Türen handelt von der Suche nach Möglichkeiten des Zugangs zu Räumen. Der Roman ist eine ruhige Reflexion über das Bewusstsein und dabei auch ein Plädoyer für eine unvoreingenommene, sinnliche Wahrnehmung innerer Klänge oder Notwendigkeiten.


Ansgar Skoda - 30. Dezember 2025
ID 15628
Dumont-Link zum Roman Das Haus der Türen


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