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„Ein Zurück ist im System der AI nicht gegeben. Jetzt endlich ist das Ende von 3 000 000 Jahren Stillstand gekommen. Wir ficken die Evolution. Hart. Wir werden neue Menschen haben, perfekte, neue Menschen, die zufrieden sind und nicht krank, und wenn sie krank sind, werden Teile ersetzt, die Gehirne arbeiten sauber, die Körper zuverlässig, eine körperliche Fortpflanzung ist nicht mehr nötig, das Begehren, das Leiden, die Sehnsucht, die Depression verschwunden. Das Gehirn zerlegt, erforscht, auf Festplatten gespeichert, keine Überraschungen stehen mehr zu erwarten.“ (Sibylle Berg, GRM. Brainfuck, S. 598)


Das aktuelle Wissenschaftsjahr widmet sich dem Thema Künstliche Intelligenz (kurz: KI oder englischsprachig AI). Doch was kann man sich unter KI eigentlich vorstellen? Und wie gestaltet sich bei der KI eine Mensch-Maschine-Verbindung? Lässt sich der Mensch nicht vielleicht sogar von intelligenten Maschinen überwinden? In einem düsteren Untersuchungsszenario setzt sich die deutsch-schweizerische Bestseller-Autorin Sibylle Berg mit einer möglichen Zukunft auseinander, in der die KI regiert.

Der Roman GRM. Brainfuck spielt im englischen Rochdale und in London in der nahen Zukunft. Die Hauptprotagonisten sind vier vernachlässigte Jugendliche aus sozial schwachen Familien. Don, Hannah, Karen und Peter versuchen private Traumata wie erlittenen Missbrauch zu bewältigen. Zeitgleich erleben sie hautnah gesellschaftliche Veränderungen hin zu einem totalitären System. Die vier Freunde beginnen gegen ihr privates und gegen gesellschaftliches Unrecht zu rebellieren. Neben den vier Jugendlichen schildert die Erzählperspektive auch das Erleben vieler anderer Protagonisten.

Die im fliegenden Wechsel beobachteten Figuren leben in einer rein kapitalistischen Konsumgesellschaft, in der alles auf Bequemlichkeit aus ist. Die Menschen müssen nicht mehr arbeiten gehen. Sie haben ein Grundeinkommen. Bäume gibt es nicht mehr, dafür lässt sich in Virtual Reality-Spaces von ihnen träumen. Auch der Gesang der Vögel erklingt vom Band. Jeder Mensch ist gechipt und wird über ein Sozialpunktesystem von technischen Devices kontrolliert. Es gibt Bonuspunkte, etwa für häufiges Lächeln. Wenn man viel lächelt, kann man mehr konsumieren. Der regierende Präsident fällt durch unsoziale Gesetzgebungen auf, täuscht jedoch mit vielverheißenden Versprechungen darüber hinweg. Obdachlose werden abends auf offener Straße von anderen Bürgern getötet. Sie sind gesellschaftlich nicht schützenswert, da sie keinen Mehrwert für die Gesellschaft eröffnen. Da die Geburtenrate absinkt, werden auch Abtreibungen bestraft, etwa mit zwanzig Jahren Haft. Geräte wie ein Iron Man stützen diese Überwachungsdiktatur.

* *

Sibylle Bergs GRM. Brainfuck ist ein wütender, nachdenklich stimmender, oft zynischer Roman. Auf über 630 Seiten werden fatale Auswirkungen unguter gesellschaftlicher Strukturen, fehlenden Verantwortungsgefühls und gleichgeschalteter Medien ausgebreitet. Aufgelockert wird der Roman durch Verfremdungseffekte, etwa wenn nichtdechiffrierbare typographische Schriftzeichenketten der KI eine Stimme verleihen. Sämtliche Figuren werden bei ihrem ersten Erscheinen mit Eigenschaften wie einem Attraktivitätswert oder sexuellen Vorlieben ausgestattet – wie in einer modernen Dating-App. Es gibt unzählige komische Momente, etwa wenn die zahlreichen Antihelden ebenso unvermutet wie ungeschickt ihrem eigenen Ende entgegenhasten. Der Roman spielt in einer Welt, in der Einzelschicksale egal geworden sind und in der einzelne Bürger nicht mehr gebraucht werden. Trotzdem sind alle Figuren irgendwie allein. Gefühle werden vielfach ausgeblendet. Auch die vier Freunde müssen lernen, dass sich mit schnellem Sex auf dem Klo nicht der Frust alltäglich erfahrener Ungerechtigkeiten wettmachen lässt. Die Jugendlichen hören den elektronischen Musikstil Grime (dt.: Schmutz, Dreck), dessen Kürzel GRM zugleich auch Titel von Bergs Roman ist. In den Roman eingebettete Songlyrics rufen leise Träume von Veränderung wach:


„Wow, I’m the king of grime and I will/ be for a long time/ Cause I go to the rave get a rewind and the second/ line never sounded like the first line.” (S. 626)


Vielleicht sind aufrührerische, gesellschaftsverändernde Gedanken gar nicht so weit hergeholt, wenn man soziale Missstände und die gesellschaftliche Ungleichheit betrachtet. Warum nicht internationale Ketten wie Aldi und Ikea enteignen, wenn davon die gesamte Gesellschaft profitieren könnte? Schließlich wurden ja auch die staatsrechtlichen Privilegien des Adels im 20. Jahrhundert weitestgehend aufgehoben.

Eine Stärke des Romans ist, dass sich beschriebene und kritisierte Phänomene bereits in der Jetztzeit beobachten lassen. So gibt es schon eine zunehmende Privatisierung öffentlicher Räume einhergehend mit einer größer werdenden sozialen Spaltung und einen steigenden Einsatz von Video-Kontrollen. Auch der Neoliberalismus scheint in England weit fortgeschritten. Könnte es nicht auch bald so etwas wie eine Ökokontrolle für Privathaushalte geben, die den Energieverbrauch protokolliert? GRM. Brainfuck veranschaulicht in einer derben Sprache eindrucksvoll, dass wir mit einer geringer werdenden Wertschätzung für die demokratische Kultur auch an demokratischen Fähigkeiten verlieren.


Ansgar Skoda - 11. Juli 2019
ID 11559
Link zum Roman GRM. Brainfuck von Sibylle Berg


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