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„Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn nichts von ihm übrig bleibt?“ (Shelly Kupferberg, Isidor, S. 230)

*

Welche Empfindungen hatte ein sensibler und aufmerksamer 19-Jähriger, als 1938 die Nazis siegessicher in Wien einmarschierten und umjubelt wurden? Wie ging er als Jude mit eigener Angst, möglichen Schmährufen und Verfolgung um?

Gerade in hiesigen Kriegszeiten verdient jedes Vertriebenen-Schicksal der NS-Diktatur es, erzählt zu werden. Details zu NS-Opfern und zum Holocaust verdeutlichen mitunter Schikanen, die heute ungeheuerlich erscheinen. Die in Tel Aviv geborene Shelly Kupferberg erweist sich in der Biographie Isidor. Ein jüdisches Leben als findige und akribische Erforscherin von Nachlass-Dokumenten und amtlichen Archiven. In ihrem etwa 250seitigen Debüt werden bemerkenswerte Jugendgedichte ihres Großvaters Walter Grab, überlieferte Korrespondenzen und Briefe abgedruckt, aber auch Hausstandlisten und amtliche Protokolle wiedergegeben. Auch ein Familienstammbaum über drei Generationen bis zur großväterlichen Linie findet sich auf der letzten Seite. Die 49jährige Journalistin und Moderatorin ist geleitet von dem Wunsch verlorene Existenzen und ausgelöschte Leben in Erinnerung zu rufen:


„Ich suche nach Antworten, versuche, diese Lebenswege zu rekonstruieren. Alles, was uns unser Großvater über seine Kindheit und Jugend in Wien erzählt hat, über seine Flucht von den Nazis, den Schmerz und die Wut, die Trauer um diejenigen, die es nicht geschafft hatten, sich zu retten – all die Anekdoten über Verwandte, die kleinen und großen Geschichten versuche ich zu einem Ganzen zusammenzusetzen und begebe mich auf die Suche nach Zeugnissen aus jener Zeit.“ (S. 17)


Sie erzählt auch von der Bewunderung ihres Großvaters Walter für seinen Onkel - Kupferbergs Urgroßonkel - Isidor. Dr. Isidor Geller (1890-1938) kam aus armen Verhältnissen einer siebenköpfigen Landwirtsfamilie in einem Schtetl in Galizien nach Wien. Durch Fleiß, Geschick und kluge Anlagen wurde Isidor hier zum Multimillionär, Kommerzialrat und Berater des österreichischen Staates. Missgünstige Bedienstete schwärzten den schillernden und einflussreichen jüdische Kunstsammler und Opernfreund früh bei Nationalsozialisten an. März 1938 wird der alleinstehende Mann ungläubig aus seiner Wohnung abgeholt und in ein Lager gebracht:


„Mit Peitschenhieben wurden Isidor und andere Neuankömmlinge in der Karajangasse 14 empfangen, die SS benutzte dafür Stahlruten, an deren Ende Bleikugeln hingen. Die Schikanen begannen sofort nach der Ankunft: stundenlange Freiübungen auf dem Schulhof, vorzugsweise bei strömenden Regen. Ältere Gefangene brachen hierbei zusammen. Ewiges Robben treppauf, treppab. Mal auf Knien und Ellenbogen, dann wieder in der Hocke. Wer stockte, pausierte, nicht mehr konnte, wurde mit Faustschlägen und Knüppelhieben traktiert.“ (S. 183f.)


Durch Momentaufnahmen des Unfassbaren hält Kupferberg in ihrem Bestseller das Grauen fest. Auch der 19jährige Walter wird bald aufgrund des auferlegten Judensterns von gewalttätigen Nationalsozialisten von der Straße aufgelesen, eingeschüchtert und in eine Falle gelockt. Kupferberg schildert lebendig in knappen Worten die arge Bedrängnis ihres Großvaters. In einer Kellerwohnung wird er mit anderen Angehörigen der jüdischen Glaubensgemeinschaft umringt und gezwungen, Fäkalien aufzulesen:


„Walter hatte, wie alle Gefangenen auch, rasende Angst. Der Angstschweiß perlte nur so von seiner Stirn, als er verzweifelt versuchte, die Nazischeiße mit Zeitungspapier und Lappen irgendwie vom Boden zu kriegen. Er befürchtete, von den groben Typen erschlagen zu werden. Ein Hieb mit der Schaufel auf den Kopf hätte dafür gereicht. Jeder versuchte, so unauffällig wie möglich zu agieren, keiner sagte einen Ton, keiner wollte Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Putzaktion stellte sich als hoffnungslos heraus. Die Räume wurden nicht sauberer, der Gestank war nach wie vor unerträglich. Walter war vor Angst und Ekel einer Ohnmacht nahe.“ (S. 193)


Der brutale Übergriff und die menschenverachtende Grenzüberschreitung prägt sich dem jungen Mann, der durch Zufall entkommt, ein. Walter setzt nun alles daran nach Palästina zu migrieren. Seitens der Behörden werden ihm unzählige Hindernisse in den Weg gelegt. Erniedrigende Behördengänge, Bestechungen, Ausfuhrbewilligungen, aufs Nötigste beschränkte Frachtgut-Listen, Observierungen und Ablehnungen werden geschildert. Diese nüchterne Verwaltung des Elends gibt einen authentischen Eindruck von der großen Not jüdischer Familien in Österreich um 1939.

Auch der inzwischen schwerkranke Isidor versucht nach seiner Folter-Haft eine prominente Vertraute im fernen Ausland zu kontaktieren. Er war einst der Gönner, Förderer und Geliebte der ungarischen Sängerin und Tänzerin Ilona Hajmássy (1910-1974), die ab 1935 als US-amerikanische Schauspielerin in Hollywood Karriere machte.


„Ob sie in Anbetracht des Zweiten Weltkriegs und der Ausmaße der Verbrechen der Nazis zuweilen an ihren einstigen Geliebten, den jüdischen Kommerzialrat Dr. Isidor Geller zurückdachte?“ (S. 168)


Kupferbergs Buch widmet der Karriere des aufstrebenden Starlet über dreißig Seiten und gibt ganze Zeitungsartikel aus der Klatschpresse über Schicksalsschläge der Schauspielerin wieder, die später auf dem Hollywood Walk of Fame als Ilona Massey einen Stern erhielt (S. 136-169). Es scheint nicht belegt, dass Ilona auf Isidors Hilferuf antwortete. Die Detailfülle hinsichtlich der schillernden Figur Ilona irritiert, da auch der Erzählfluss um das Familiengeschehen um Isidor hier abbricht. Gerne hätte der Leser stattdessen mehr über andere Charaktere erfahren, etwa ob Walters Großmutter Batja oder sein Halbbruder Munio Rudolf den Holocaust überlebten.

Literarisch ist Isidor. Ein jüdisches Leben aufgrund der sachlich berichtenden, schlichten, eher journalistischen Sprache kein großer Wurf. Am Rande einfließende Schicksale etwa von Isidors jüdischen Anzugschneider Kurt Goldfarb werden oft nur angerissen. Spannung erhält die Biografie neben dem Zeitgeschehen auch durch Erwähnungen prominenter Zeitgenossen Isidors, wie des Opernsängers Hans Duhan. Insbesondere Kupferbergs Erkenntnisse zum Raubgut aus den Haushalten ihrer Vorfahren bleiben in bitterer Erinnerung. Sie verdeutlichen die Wichtigkeit einer angemessenen Entschädigung für das menschenverachtende NS-Unrecht:


„Wo wohl der Rest von Isidors Hab und Gut heute steckt? Meine Suche endet immer wieder in Sackgassen. Doch die eine oder andere Spur finde ich dann doch. […] Der Herausgeber der antisemitischen Hetz- und Propagandazeitschrift Der Stürmer, Julius Streicher, NSDAP-Gauleiter von Franken, hatte sich in ganz Europa eine Bibliothek zusammengeraubt. […] Bis heute befindet sich die sogenannte »Stürmer- und Streicherbibliothek« in Nürnberg, inzwischen treuhänderisch verwaltet von der Israelitischen Kultusgemeinde, die Nachfahren und gesetzmäßige Erben der einstigen Besitzer auf der ganzen Welt sucht. Eines der Bücher aus Isidors Bibliothek ist hier gelandet. Eines von zig Hunderten.“ (S. 233ff.)


Ansgar Skoda - 26. Januar 2023
ID 14019
Diogenes-Link zu Isidor von Shelly Kupferberg


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