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Roman

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„Die Zeit war jedenfalls gekommen, um Ada daran zu erinnern, dass alle Wesen – vergangene, gegenwärtige und zukünftige – in Verbindung miteinander sind, dass wir es immer waren und immer sein werden. Die Botschaft kann erdrückend sein, wenn mensch meint, sie zum ersten Mal zu hören.“ (Sharon Dodua Otoo, Adas Raum, S. 128)

*

Existieren wir nur einmal oder im Verlauf der Jahrhunderte doch mehrmals? Wohnt den uns umgebenden Objekten eigentlich eine Seele inne? Adas Raum von Sharon Dodua Otoo spielt ambitioniert mit dem Motiv der Seelenwanderung. Die Figur der Ada taucht in unterschiedlichen Jahrhunderten auf. Das Schicksal meint es dabei nicht immer gut mit ihr. Es gibt diffizile Bezüge zwischen den Adas. Oft muss sie duldsam Leid und Schmerzen ertragen und hat eine wichtige Vertraute in der näheren Umgebung.

Nicht nur die Zeiten überlagern sich, auch die Perspektiven erscheinen oft gewollt sperrig. Erzählt wird aus der Sicht von scheinbar beliebigen Objekten, in die zeitweise eine erhabene Erzählinstanz eingegeben wird:


„Ich sah noch das schlafende Baby, dem es gut ging, weil ich eine Flasche warme Milch gewesen war; oder die Jugendlichen, die sich versöhnten, weil sie mich in der Gruppe hatten herumgehen lassen.“ (S. 139)


März 1459 berichtet so in Ghana, Totope, ein Reisigbesen. Mit ihm wird Ada von anderen Frauen geschlagen. In Stratford-le-Bow im März 1848 ist Ada eine Adlige, wie der Klopfer an ihrer Haustür uns schildert. Diese Ada brachte es zu Weltruhm, handelt es sich doch um die legendäre britische Mathematikerin Ada Lovelace. Bei Otoo hat sie eine Affäre mit niemand geringerem als Charles Dickens. Beide sollen sich übrigens auch realhistorisch gekannt haben. Der Türklopfer interessiert sich jedoch insbesondere auch für Adas Dienstmädchen Lizzie, die mit den Anliegen damaliger Protestbewegungen sympathisiert. Düster und gefährlich ist dann die Zeitebene im März 1945 im Thüringer Konzentrationslager Mittelbau-Dora. Hier blickt ein Bordellzimmer auf das Geschehen, in dem Ada als Zwangsprostituierte arbeitet.

Dann gibt es noch die Ebene im Hier und Jetzt, die am Ende den Romanverlauf bestimmt, da alle anderen Erzählungen im letzten Drittel kaum mehr weitergesponnen werden. Hier wird aus der Sicht eines Reisepasses erzählt:


„Ich war das Versprechen. Mit mir sollte alles gut werden.“ (S. 187)


Eine hochschwangere Einwanderin aus Ghana sucht in Berlin eine Wohnung.

Die Unsicherheit ist in Otoos Roman Programm: „denn das einzige, woran Ada fest glaubte, war die Tatsache, dass nichts sicher sei“ (S. 132). Der Debütroman der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin von 2016 besticht dabei durch einen überbordenden Ideenreichtum, der glücklicherweise sprachlich mit großer Leichtigkeit daherkommt, etwa wenn jenseitige Phänomene suggeriert werden:


„Tote haben Bilder. Die, die noch nie gelebt haben, warten noch auf sie. Die, die noch nie gelebt haben, blicken wie ich auf eine gleißende Leere, wo die Vergangenheit sein soll.“ (S. 174)


Adas Raum liest sich wie ein narratives und auch bibliophiles Wagnis. An verschiedenen Stellen und auf der Bucheinbandrückseite abgedruckte Frauenporträts von Sita Ngoumou bebildern die Titelfiguren. Es gibt kursiv gesetzte Fremdspracheneinschübe aus afrikanischen Sprachen oder aus dem Englischen: „bear with me“ (S. 129) Da werden „Eselsohren“ und „Knitterfalten“ (S. 181) erwähnt. Otoo ersetzt „man“ durch „mensch“. Immer wieder ist von einer „Assoziationskette“ (S. 176, S. 224) die Rede, mit der bewusst gespielt wird. Dann gibt es ein Armband, das in allen Jahrhunderten eine scheinbar tragende Rolle spielt. In sogenannten Schleifen spricht die nicht festgelegte Ich-Instanz mit Gott daselbst, der als ihr undurchsichtiger aber gutmütiger Auftraggeber fungiert. Gott erscheint hier ähnlich unzuverlässig, wie die Erzählinstanz:


„Ich frage mich, wie die Geschichte ausgegangen wäre […] (S. 184)


Zu guter Letzt tragen auch Tippfehler zum Sich-selbst-verlieren in Adas Raum bei: „vom all dem[sic] Abhängen“ (S. 175); „Zu sehr hatte sich Ada ans Schweigen gewo[sic]hnt.“ (S. 237) Der Roman verlangt den Lesenden einiges ab, schenkt ihnen gleichzeitig jedoch ungemein sinnliche Lektüremomente:


„Seltsam, dachte ich. Es war, als würde ich überhaupt zum ersten Mal Regentropfen im Gesicht spüren; meine Wangen vibrierten, meine Augenlider bebten, meine Stirn wurde zur Trommel. Ich erkannte Bewegungen und Gestalten vor und um den Körper, den ich bis vor kurzem beatmete, aber ich hörte nichts mehr. Ich hatte vergessen, wie Stille klang.“ (S. 111)


Adas Raum ist eine dichte, atmosphärische, nie lineare Leseerfahrung voll motivischer Verflechtungen. Ohne sich auf nur eine Figurenkonstellation oder Handlung festzulegen, schöpft die gebürtige Londonerin mit ghanaischen Wurzeln Bilder aus einer reichhaltigen Farbpallette, die eine solche Originalität haben, dass sie nicht mehr aus dem Kopf gehen. So lässt die heute 49jährige Mutter vierer Söhne ihre Ich-Figur den schöpferischen Gedanken als Analogie zur unwillkürlichen Herstellung eines Wurstbräts setzen:


„Dort, wo die bereits Verstorbenen und die noch nie Geborenen verweilen, sind wir alle so was wie ein Brät. Wie eine Fleischmasse – eine, die aus einzelnen Teilen besteht, unter anderem aus quirligen Persönlichkeiten, skurrilen Vorlieben und widersprüchlichen Gewohnheiten. Wenn es an der Zeit ist, uns zu Lebenden zu machen, werden wir gemeinsam durch eine Maschine, so etwas wie ein Fleischwolf durchgepresst. Ihr müsst jetzt versuchen, den Schmerz, die Enge und das Blut wegzudenken, darum geht es gerade nicht. Behaltet einfach im Kopf: erst zusammen, dann getrennt.“ (S. 129)


Ansgar Skoda - 10. Juni 2021
ID 12963
S. Fischer-Link zu Adas Raum von Sharon Dodua Otoo


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