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Krimi

Psychotische

Tragödie





Bewertung:    



Lucy, eine junge flippige Frau, lebt mit Mann und zwei Kindern in einem alten Herrensitz an der Südwestküste Englands. Sie betriebt eine Kultkneipe, und das Leben der Familie könnte glücklicher nicht sein, doch leider gelingt es dem Geschäftspartner von Daniel, Lucies Ehemann diesen durch Vertrauensmissbrauch in den Ruin seiner Firma zu treiben. Gerade als Lucy die Geschäftsbücher noch einmal überprüft, um das Desaster genauer überblicken zu können, holt sie die nächste Katastrophenmeldung ein. Ihre Jacht wird herrenlos von einem Rettungsdienst in den Hafen geschleppt, kurz zuvor hatte ihr Mann noch einen Notruf abgesetzt. Und die Schreckensmeldungen für Lucy gehen weiter. Nicht nur Daniel wird vermisst, an Bord befanden sich auch ihre Kinder, die ihr Mann unter vorgeschobenen Gründen aus der Schule abgeholt und zum Bootsausflug genötigt hatte. Schon diese Konstellation ist für Lucy und den Leser schwer nachzuvollziehen. Warum hat ihr Mann ohne ein Wort der Erklärung diese Bootstour unternommen?

Die Tragödie spitzt sich zu, als Daniel einige Stunden später geborgen wird und sich vor Detective Abraham Rose dazu bekennt, seine Kinder auf dem Meer ertränkt zu haben.


"Aber obwohl die Dialysemaschine Daniel Lockes Blut wieder aufgewärmt hat, sieht man in seinem Gesicht keinerlei Wärme.
'Sagen sie ihr', flüstert Locke. 'Sagen sie ihr, sie verdient all das, was sie verdammt nochmal bekommt.'
Er kneift die Augen zu und beginnt zu schluchzen. Er krümmt den Rücken. Die Sehnen an seinem Hals treten hervor. Ein Geräusch entringt sich seiner Kehle – so roh, als wäre er von einem Haken herausgefischt worden.
Die Tür wird aufgerissen. Abraham weicht zurück. Er ist so überrumpelt von Lockes Worten, dass er einen Augenblick braucht, um sich wieder zu konzentrieren. Im Flur sieht er Sergeant Hurst, der die Arme um etwas völlig Durchgedrehtes geschlungen hat. Es windet sich und schreit und scheint nur noch aus Haaren und Krallen und gefletschten Zähnen zu bestehen.
Ein Ruck geht durch Abraham, als er begreift, dass das Durchgedrehte Lucy Locke ist."
(Sam Lloyd, Sturmopfer, S. 158)



Eine Erklärung für diese Brutalität kann es eigentlich nicht geben. Und genau das macht den Thriller zu einer atemberaubenden Lektüre. Was und wer steckt dahinter, wenn ein sonst treusorgender Ehemann zum Mörder an den eigenen Kindern mutiert. Sollte etwa der finanzielle Ruin seiner Firma hierbei eine Rolle spielen? Der Thriller von Sam Lloyd ist krass in jeder Hinsicht. Ob es die Beschreibungen der Protagonisten sind, die seelisch durchdrehen, die körperlich an ihr Limit geraten oder einfach an einer unheilbaren Krankheit leiden, der Roman Sturmopfer bewegt sich ständig am Limit. Insbesondere Lucy, die undurchsichtige Hauptperson dieser Tragödie, leidet, schreit und schlägt hysterisch um sich, um eine absurde Kontrolle über die Situation zu erreichen und vielleicht doch ihre Kinder wider Erwarten noch lebend wiederzusehen.

*

Dem Roman ist ein Zitat von Aristoteles vorangesetzt: "Der wahre Zweck der Tragödie ist es, den Zuschauer von den Leidenschaften zu reinigen." Tatsächlich taucht ein anonymer Dritter in der Handlung auf, der in Briefen an Lucy, die er aber nicht absendet, immer wieder auf die klassische griechische Tragödie hinweist. Darin ist von Reinigung die Rede, Reinigung durch Trauer.

Viele der handelnden Personen lassen sich in gut oder böse einteilen. Vielleicht folgt der Roman in seinem Aufbau dem klassischen Vorbild, vielleicht gibt es sogar eine ganz bestimmte Tragödie, die hier als Vorbild dient und sozusagen in modernisierter Form inszeniert wird. Ähnlichkeiten bestehen aber auch zu Rebecca, dem Klassiker von Daphne du Maurier. Ich selbst kenne mich in dem Bereich der Tragödien nicht aus, aber dieser würde erklären, warum die perfide brutale Handlung in ein unerwartetes gefühlsfrohes Ende gleitet.


Ellen Norten - 5. Juli 2022
ID 13700
Rowohlt-Link zum Thriller Sturmopfer


Post an Dr. Ellen Norten

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