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Polemik

Einspruch

von links





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Es ist noch nicht so lange her, dass es keinen Zweifel daran gab, welche Werte und Anschauungen man der politischen Rechten und welche man der politischen Linken zuzuschreiben hatte. Der wohl bekannteste und nachhaltigste Katalog rechter Einstellungen war die von Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford während des Zweiten Weltkriegs entwickelte und in modifizierter Form in The Authoritarian Personality veröffentlichte so genannte F-Skala. Man durfte davon ausgehen, dass die in diesem Fragebogen aufgelisteten Positionen und Haltungen nicht oder mit einer höchst geringen Wahrscheinlichkeit von Menschen, die sich der Linken zurechneten, geteilt würden.

Das hat sich in jüngster Zeit geändert. Immer häufiger trifft man auf Meinungen und Aussagen, die man auf den ersten Blick als konservativ bis rechtsradikal qualifizieren würde, die aber auch von Linken geäußert werden. Man kann es sich natürlich leicht machen und dem Dilemma entgehen, indem man kurzerhand erklärt, wer sich solche Ansichten zu eigen mache, sei eben kein Linker. Damit aber kommt man in die Bredouille. Denn neben Renegaten, die tatsächlich mittlerweile ganz weit rechts angelangt sind, wie beispielsweise Horst Mahler, Jürgen Elsässer, Rüdiger Safranski, Helga Hirsch, Alan Posener, Jörg Baberowski, Winfried Kretschmann, die allesamt einer K-Gruppe angehört haben, Frank Böckelmann, Cora Stephan, Matthias Horx, Ulrike Ackermann, Stephan Wackwitz, Vera Lengsfeld, die in diversen linken oder pseudolinken Organisationen und Parteien Mitglied oder für deren Medien in leitender Funktion tätig waren, wie Peter Sloterdijk oder Norbert Bolz, die genau besehen nie als Linke gelten konnten, gibt es eine ganze Reihe von Personen, die durch Schriften und Aktionen als Angehörige der politischen Linken ausgewiesen sind. In der gegenwärtigen Debatte um die Pandemie erheben sie unüberhörbar ihre Stimme und sagen Dinge, die man, fast gleichlautend, von den so genannten „Querdenkern“ – bisher hatte ich von mir verehrte Personen wie Erwin Chargaff, Marie Jahoda, Robert Jungk, Joseph Weizenbaum, Noam Chomsky als solche wahrgenommen – und Anhängern der AfD hören kann.

Einer von ihnen ist Walter van Rossum. Er gehört seit vielen Jahren zu den Autoren, deren Publikationen ich mit Interesse und mit weitgehender Zustimmung lese. Wenn van Rossum unter dem Titel Meine Pandemie mit Professor Drosten. Vom Tod der Aufklärung unter Laborbedingungen ein Buch auf den Markt bringt, dann kann ich mich nur um den Preis der intellektuellen Unredlichkeit darum drücken, seine Argumente zur Kenntnis zu nehmen und mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dass es dieses Buch, obwohl in einem winzigen Verlag erschienen, über Nacht an die Spitze der Spiegel-Bestsellerliste geschafft hat, darf dabei nicht als Ausrede für Nicht-Beachtung dienen. Es wäre fahrlässig, diesen Umstand zu instrumentalisieren, so suspekt einem die Liste auch sein mag.

Walter van Rossum setzt ein auf einem Gebiet, auf dem er schon früher unterwegs war: auf dem Gebiet der Medienkritik. Dass die Medien oft uniformiert sind, dass sie falsch, verkürzt oder tendenziös berichten – wer wollte das leugnen? Dass sie auch zutreffende Meldungen aufbauschen, um ihren Aufmerksamkeits- und Sensationswert in Auflage bzw. Zuhörer- und Zuschauerzahlen umzumünzen, dürfte niemanden überraschen, wer die Medienkritik der 68er Jahre nicht völlig verdrängt hat. Manches an den damaligen Manipulationstheorien mag allzu einfach gewesen sein; im Kern waren sie richtig und sind es geblieben. Dass van Rossum seinerseits pointiert und gelegentlich übertreibt, gehört zur Gattung des Pamphlets und trägt zum Unterhaltungswert bei, so lange man sich bewusst macht, dass der Gegenstand von Polemik nicht notwendig und nicht immer in gleicher Weise im Unrecht sein muss. Wenn van Rossum zum Beispiel vom „Terror der Pandemie“ spricht – und er meint damit die „Ausrottung“ der Logik und des gesunden Menschenverstands –, dann ist das angesichts des realen Terrors von mordenden Soldaten und Todesschwadronen nicht weniger problematisch als die Gleichsetzung der Abtreibung mit dem Holocaust. Die Dif­famierung der Polemik jedoch, der „Streitschrift“, ist Ausdruck einer opportunistischen Konfliktscheu, des Drangs, alles unter den Teppich zu kehren, was Unannehmlichkeiten verursachen könnte. Aber man muss eine Polemik lesen als das, was sie ist: eine Polemik eben. Wer ihre Gattungsgesetze nicht einkalkuliert, fällt auf die Nase wie der Kinobesucher, der nicht weiß, dass Bud Spencer nicht wirklich hinhaut.

Eins jedenfalls kann man Walter van Rossum nicht vorwerfen: dass er sich nicht gründlich informiert habe. Die Zahl der Daten und Fakten, die er zusammengetragen hat, ist beeindruckend und wartet auch für jene mit Überraschungen auf, die sich schon zuvor kundig zu machen suchten.

Wenn man nun akzeptiert, dass wir über die Pandemie falsch oder unvollständig informiert werden, ergibt sich die brisantere Frage, in wessen Interesse das liegt. Was ist Schlamperei und was Absicht? Die klassische, auf die Antike zurück gehende Frage lautet: Cui bono? Wem nützt all dies?

Walter van Rossum nimmt Christian Drosten, wie der Titel des Buchs verheißt, genauer unter die Lupe und nennt eine Reihe von Ungereimtheiten in dessen beruflicher Laufbahn. Er nennt Zahlen und Fakten, die den Verdacht erhärten, dass Drosten ein beträchtliches Interesse an einer Dramatisierung der durch die Corona-Pandemie drohenden Gefahr hatte. Dass er der Pandemie-Forschung, wie van Rossum belegt, seine steile Karriere zu verdanken hat, beweist zwar noch nichts, mahnt aber zur Skepsis. Van Rossum nennt Querverbindungen zu anderen „Apokalyptikern", die für Drosten zugleich Anreger und Konkurrenten sind. Er übt im einzelnen Kritik an den Methoden der Forschung und ihrer Interpretation. Schritt für Schritt protokolliert und analysiert Walter van Rossum den Podcast Coronavirus-Update. Und er nennt, nicht erst in diesem Kontext, wiederholt Fälle, in denen Drosten „falsch gelegen“ hat.

Auch Bill Gates, der im Repertoire der rechtsextremen Impfgegner eine zentrale Rolle spielt, nimmt bei Walter van Rossum viel Raum ein. Dass Gates nicht (nur) der Philanthrop ist, als der er selbst sich und seine Advokaten ihn darstellen, dass er und seine Umgebung massive ökonomische Interessen vertreten, scheint plausibel. Allerdings: das Primat des Profits ist die Grundlage unserer kapitalistischen Gesellschaft und im allgemeinen positiv besetzt. Sowohl der Lockdown, wie die Lockerung restriktiver Maßnahmen, sowohl die Impfkampagne wie ihre Bekämpfung machen einzelne Sektoren der Wirtschaft unermesslich reich. Man stelle einmal die Katastrophenmeldungen über eine angebliche Krise den Börsenentwicklungen gegenüber. Nicht nur die Pharmaindustrie, die Maskenhersteller und die Lieferdienste verdienen sich an der wirklichen oder suggerierten Not dumm und dämlich. Wer freilich staatliche Unterstützung wegen Verlusten fordert, macht sich eher hörbar als jene, die dem Finanzamt gigantische Einnahmen verheimlichen. Und wie so oft, sind die Massen erpressbar, weil am Geschick der Unternehmen auch das Los der so genannten Arbeitnehmer hängt – jedenfalls solange Verstaatlichung oder Vergesellschaftung einem unüberwindbaren Tabu unterliegen.

Für Walter van Rossums Buch nehmen die Akribie der Recherche, die sprachliche Eleganz und der Verzicht auf Sensationsrhetorik, die so viele Bestseller im Sachbuchbereich auszeichnet, ein, sowie nicht zuletzt die Buchgestaltung und der erstaunlich niedrige Preis, die zwar nicht auf sein Konto, sondern auf die des Verlags gehen. Auch wer, wie der Autor dieser Rezension, eher der Ansicht ist, dass man nicht wachsam genug sein kann, wo Gesundheit und Leben – die eigene und die anderer – auf dem Spiel stehen, und dass Risiken, auch um den Preis überzogener Vorsicht, zu vermeiden sind, liest es mit Gewinn und wird, selbst wenn ihn nicht jedes Detail überzeugt, differenzierter an die Problematik herangehen. Vielleicht liegt die Antwort auf die Frage, die uns zurzeit bewegt, in der Erkenntnis, dass einmal mehr nicht Wahrheit und Betrug einander gegenüber stehen, sondern widersprüchliche Erfahrungen und auch Voreinstellungen. In der Zukunft werden wir klüger sein. Hoffentlich ohne allzu große Fehler gemacht und allzu viele Opfer erbracht zu haben. Für beide Möglichkeiten hat die Geschichte drastische Beispiele vorzuweisen. Walter van Rossum selbst sagt im letzten Absatz seines Buchs: „Natürlich kenne ich das reale Ende der Geschichte nicht, weiß nicht, wohin sie führt.“ Ob man so einen Satz auch von Christian Drosten zu hören bekommt?


Thomas Rothschild – 12. März 2021
ID 12808
Verlagslink zu Meine Pandemie mit Professor Drosten


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