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Roman

Gewalt essen

Seele auf





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Sogar der Friedhof ist hier ein gefährlicher Ort. Überhaupt ist ganz Caracas zu einem Totenfeld geworden. Am offenen Grab nimmt Adeleida Falcón Abschied von ihrer Mutter, und in ihrer chaotischen Erinnerung verschmelzen die Tage vor dem Begräbnis mit den verheerenden politischen Ereignissen der vergangenen Jahre. Denn alles in diesem Land befindet sich im Fluss, und die treibende Kraft dieses Mahlstroms ist die allgegenwärtige Gewalt, die Venezuela, Adeleidas versehrte Heimat, überzieht. Kaum liegt die Mutter unter der Erde, muss sich die Tochter schon eilig verabschieden, denn marodierende Banden plündern die offenen Gräber und ermorden selbst die Trauergäste.

Nacht in Caracas ist nur vordergründig die Geschichte einer politischen Flucht. Der Titel der Originalausgabe,Die Tochter der Spanierin, trifft den erzählerische Nerv dieses Romans präziser als die deutsche Übersetzung. Tatsächlich wird Adeleida, kurz nach der Beerdigung, von den Schergen der Regierung aus ihrer Wohnung vertrieben. Obdachlos geworden, findet sie durch Zufall einen Unterschlupf in der Wohnung ihrer Nachbarin, die sie tot auf dem Boden vorfindet. Es ist diese Nachbarin, die die titelgebende Tochter der Spanierin zu sein scheint, denn ihre spanische Mutter wanderte einst nach Venezuela aus. In ihrer Not nimmt Adeleida die Identität der Nachbarin an, um den bürokratischen Dschungel Venezuelas zu überlisten. So wird sie zur Titelheldin des Romans, wodurch ihr am Ende die Flucht aus der Heimat gelingt.

Die Autorin und Journalistin Karina Sainz Borgo emigrierte selbst vor zwölf Jahren von Venezuela nach Spanien. In diesem Erstlingsroman erzählt sie eine Geschichte vom Selbstverlust in Zeiten der Diktatur. Ganz im Sinne des magischen Realismus, auf den die Ich-Erzählerin gelegentlich anspielt, hat es der Leser nicht mit einer Chronik sichtbarer Ereignisse zu tun, sondern mit einer Meditation über das Unsichtbare, das sich in den Fängen einer bizarren Realität verirrt. So liest sich Adeleidas Flucht wie eine Parabel auf die bestialische Gewalt, die imstande ist, die Seelen aufzufressen. Eine Grausamkeit, die das ganze Land erfasst und das Leben der politischen Flüchtlinge zerstört, die den Totalitarismus im Exil überleben und mit paradoxen Schuldgefühlen die erlittene Brutalität in ihren Herzen tragen.

Auch Adeleida ist nicht zimperlich, wenn sie die sterblichen Überreste ihrer Nachbarin aus dem Weg schafft und sich in ihrer neuen Identität auf rigorose Weise durch das bürgerkriegsähnliche Caracas schlägt. In den Schilderungen dieser abenteuerlichen Flucht, die eine Wesensveränderung der Protagonistin bewirkt, folgt die Autorin der Tradition der lateinamerikanischen Erzählkunst, die in einer bildgewaltigen, mitunter verstörenden Sprache die Grausamkeit als den lodernden Kern der menschlichen Existenz begreift. Dabei finden sich in diesem Roman gelegentlich metaphorische Volten, die man vielleicht als übertrieben empfinden könnte. Hält man sich jedoch das Leid des venezuelanischen Alltags vor Augen, mag diese expressive Stilistik durchaus einleuchten.

Man kann diesen Roman als ein Gleichnis auf die verteufelte Kausalität der Ereignisse in einer dicht vernetzten Welt lesen. Sainz Borgo erzählt die Geschichte einer negativen Globalisierung, der man auch dann nicht entkommen kann, wenn man, wie Adeleida, die äußere Gewalt des Totalitarismus hinter sich lässt. Barbarei schert sich eben nicht um Landesgrenzen und Ozeane. Damit wird die Lektüre zu einer Lehrstunde über die Phänomenologie der Gewalt, die ihrem Wesen nach stets politisch ist, weil sie die Angewohnheit besitzt, sich wie ein todbringender Virus in den Seelen von Tätern und Opfern gleichermaßen einzunisten.


Jo Balle - 27. August 2019
ID 11646
Link zum Verlag: https://www.fischerverlage.de


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