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Sachbuch

Plädoyer für die

Beziehungs-

gesellschaft





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„Einsamkeit ist mindestens so gefährlich wie Rauchen, Fettleibigkeit und Bewegungsmangel“, konstatieren die beiden Autoren des Sachbuches 7 Wege aus der Einsamkeit und zu einem neuen Miteinander. Einer von ihnen ist der 1937 in Bonn geborene Facharzt für Innere Medizin und Neurologie Prof. Dr. Walter Möbius, der auch durch sein Buch Der Krankenflüsterer bekannt ist, und der 1968 in Bad Kissingen geborene Buch- und Radioautor Christian Försch. Sie spüren dem Phänomen Einsamkeit nach, die oft im Verborgenen bleibt oder geleugnet wird: Mittlerweile hat sie aber epidemische Ausmaße angenommen. „Mit unserem Buch wollen wir zweierlei liefern: Diagnose und Therapie. Das heißt, wir wollen die Anzeichen von Vereinsamung benennen, um Kriterien für eine Selbsteinschätzung zur Verfügung zu stellen. Vor allem wollen wir konkrete Hilfestellungen zur Überwindung der Einsamkeit geben“, heißt es im Vorwort.

Der 1. Weg beschreibt die Folgen von Stress. Es gibt positiven Stress durch Freude, Feiern, Überraschungen, gefährlich ist aber der negative, der Dysstress, insbesondere der Dauerstress. Der erhöht nun wieder die Gefahr, einsam zu werden. Dysstress kann paradoxerweise durch Überforderung z.B. von pflegenden Angehörigen sowie durch Unterforderung z.B. durch Langzeitarbeitslosigkeit entstehen. Bei Überforderung hilft es nur, seine eigenen Bedürfnisse anzuerkennen und sich die nötigen Freiräume zu schaffen und das oft sehr schwierige Nein-Sagen. Für die Unterforderten hilft nur die Flucht nach vorn in die Gemeinschaft. Der 2. Weg liefert die Begründung und beschreibt den Zusammenhang von Einsamkeit und Krankheit. Oft geht mit der Isolation ein ungesunder Lebensstil einher durch falsche Ernährung, Alkohol- und Nikotinkonsum, Bewegungsmangel und Ablenkung durch Fernsehen und digitale Medien. Jede Art von Sucht, darunter auch die Spiel-, Internet- und Konsumsucht, isoliert die Betroffenen von der Gemeinschaft. Kaum jemand gibt zu, dass er oder sie einsam ist, weil man dann Ausgrenzung befürchtet. Doch es ist wichtig zu seinen Gefühlen zu stehen und sich ehrlich mit seiner Lebenssituation auseinanderzusetzen. „Die Energie, die es uns kostet, Gefühle zu unterdrücken, wird uns bald an Lebenskraft fehlen“, erklären die Autoren.

Es gibt innere und äußere Einsamkeit: Ein Mensch kann sich auch oder gerade in Gemeinschaft einsam fühlen, und es gibt die physische Isolation. Es wird der tragische Fall einer über 90jährigen Heimbewohnerin geschildert, deren Infektion zwar behandelt wurde, aber deren Vereinsamung durch die Quarantäne unerkannt blieb und die sich umbrachte. „Als härteste Strafe gilt bei uns Menschen, abgesehen von der Todesstrafe, die Einzelhaft. Menschenrechtsorganisationen verdammen sie als Folter“, heben die Autoren hervor. In Fällen, wo man selber noch Entscheidungsspielräume hat, hilft, als 3. Weg, die Entfaltung schöpferischer Talente, die Neugier und die Auseinandersetzung mit den Ideen anderer am besten durch Gespräche in entsprechenden Gruppen mit kulturellen, politischen, gesellschaftlichen oder anderen Interessen.

Mobbing ist ein Ausgestoßensein, das besonders für junge Leute in der Pubertät schlimme Auswirkungen haben kann. Es wird ein Fall geschildert, in dem die Lehrerin einer über die sozialen Medien gemobbten und krank gewordenen Schülerin die grausamen Aussagen ihrer MitschülerInnen auf einzelne Karten schrieb. Diese mussten die SchülerInnen in der Klasse nun nacheinander laut vorlesen, was zu einem Bewusstwerdungsprozess führte, da sie sich nun nicht mehr in der Anonymität des Internets verstecken konnten. Es geht auch darum, uns vor geistigem Müll zu schützen, von dem reichlich im Internet zu finden ist. Der 4. Weg lautet: „So bewusst wie unseren Körper sollten wir auch unseren Geist nähren“, da sonst unser Selbstwertgefühl erschüttert werden kann. Die Autoren empfehlen Selbstakzeptanz und das Trainieren der emotionalen Intelligenz. Wir können andere Menschen nicht grundlegend ändern, aber wir können, im 5. Weg, unsere eigene Empathiefähigkeit schulen. Damit bewirken wir eine Veränderung in uns selbst, der im Idealfall die im Äußeren folgt.

In dem Buch befindet sich eine Vielzahl weiterer Beispiele. So ist Einsamkeit in der Partnerschaft keine Seltenheit: Offene Gespräche helfen da. Geheimnisse können eine Art der Zurückweisung sein, Partnerschaft entsteht aber durch Teilen und Mitteilen. Gelingt das nicht, können toxische Beziehungen entstehen, und da muss man sich trauen Grenzen zu ziehen. Auch global gesehen ist die Einsamkeit allgegenwärtig. Es waren noch nie so viele Millionen Menschen auf der Flucht wie heute. Einsamkeit durch Entwurzelung ist wohl am leichtesten nachvollziehbar. Es wird der Fall einer Nigerianerin geschildert, die sich prostituieren musste, um sich selbst und ihre Familie zu schützen. Nach einer längeren Leidensgeschichte überwand sie sich und bat erfolgreich um Hilfe. Als 6. Weg wird vorgeschlagen, sich dem Neuen und Unbekannten zu öffnen.

Der 7. und letzte Weg führt IN die Einsamkeit, denn die kann manchmal heilsam sein, weil sie zur Innenschau führt und uns erkennen lässt, was wesentlich ist. Als Neurologe weiß Möbius, dass es in unserem Gehirn eine Region gibt, in der die Spiritualität angesiedelt ist. In allen Kulturen gibt es den Glauben, dass der Mensch auf der einen Seite einen untergeordneten Platz innehat, dass er aber gleichzeitig Teil eines harmonischen Ganzen und einer transzendentalen Ordnung ist. Das ist rational nicht erklärbar, doch: „Unser Verstand stößt an Grenzen, die das Gefühl überwindet.“ (S. 169).

*

Fazit:

Professor Möbius schildert viele medizinische Fallbeispiele, aus denen vermutlich vom Publizisten Christian Försch fesselnde Geschichten formuliert wurden. Das Buch lebt von der Spannung und der Balance zwischen literarischem Anspruch und Wissenschaftlichkeit. Die LeserInnen werden aber nicht mit Allgemeinplätzen abgespeist, sondern über Zusammenhänge aufgeklärt.


„Leben ist Kontrollverlust, Risiko, die Akzeptanz von Endlichkeit, von Tod, Alterung, Krankheit, negativen Gefühlen, all dem Unangenehmen und Unausweichlichen, vor dem wir uns so gerne verstecken... Wenn wir es aber nicht wagen, das Risiko des Lebens einzugehen, verpassen wir unser Leben.“ (S. 187)


Vor der Zeit der Industrialisierung und Mobilität gehörten die Menschen zusammen, weil sie einfach nur in einem Ort, einem Dorf, in einer Gemeinschaft lebten. Heute hat sich die Gesellschaft globalisiert, es leben viele Ethnien zusammen, mit ihren Traditionen, Kulturen und Religionen. Die Autoren halten es für die wichtigste Aufgabe unserer Zeit, in dieser Vielfalt Gemeinschaft zu praktizieren und – wie es im Titel heißt – zu einem neuen Miteinander zu finden und geben mit ihrem Buch ein „Plädoyer für die Beziehungsgesellschaft“ ab.


Helga Fitzner - 26. August 2019
ID 11643
Buchlink zum Verlag http://www.dumont-buchverlag.de


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