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Krimi

Verirrt

im Buch





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Ein Mann erhält einen Anruf. Der Nachbar seines Vaters informiert ihn darüber, dass der Vater verschwunden sei. Näheres ist dem Nachbarn nicht zu entlocken. Der Sohn Quirin, der seit Jahren kaum mehr Kontakt zu seinem Erzeuger unterhält, macht sich notgedrungen auf die Suche…

Er fährt in den Wohnort des Vaters, betritt dessen Wohnung und damit verbunden dessen besondere Welt. Die Gerüche des Vaters wabern durch die Zimmer, die noch die Anwesenheit von Bent Brenner ausatmen. Quirin entscheidet sich zu bleiben.


"Quirin zog den Pyjama an und legte sich in das ungemachte Bett. Der leise Geruch seines Vaters hüllte ihn ein; es war zu seinem Erstaunen nicht unangenehm. Er löschte das Licht auf dem Nachtschränkchen und schaute aus dem Fenster in den schmalen Lichtschacht, um den sich das Haus schlang. Wie konnte man nur mit einer solchen Aussicht leben? Die gegenüberliegende Wand war fast zum Greifen nah. Nie drang Sonnenschein in dieses Zimmer. Es war ein Raum für ausweglose Gedanken.
Darüber schlief er ein."


(Michael Siefener, Der Ausbruch, S. 18)



Ein erster Hinweis über den Verbleib des Vaters könnte in dessen Aufzeichnungen stecken. Bent Brenner schreibt Biografien berühmter Autoren und ist – wie könnte es in einem Buch von Michael Siefener anders sein – ein leidenschaftlicher Buchliebhaber. In einem Antiquariat ist Bent Brenner auf ein besonderes Buch gestoßen, doch bietet dieses nicht die geborgene Welt einer fesselnden Lektüre, sondern speit eine finstere Atmosphäre aus. Dennoch ist Der Ausbruch ein bibliophiles Buch, ein wahres Kleinod, das der Verleger Daniel Ghett zunächst in einer Auflage von 50 Exemplaren herstellte, doch dann bis auf die unsignierte 0-Nummer vernichtete.

Der Autor des Buches ist dem Herausgeber unbekannt, und wie es scheint, ist Ghett kurz nach dem Kontakt zu Quirins Vater verschwunden. Die Reihe setzt sich fort. Jede Spur, die zu Bent Brenner führen könnte, endet bei Personen, die verschwunden sind, die es nicht mehr gibt, oder doch?

Wer ist der geheimnisvolle Mann, der wächsern erscheint und konturenlos, wie ein Gummimonster dem Protagonisten folgt? Wo finden die geheimnisvollen Lesungen statt, in denen der Der Ausbruch einem ätherischen Publikum vorgetragen wird? Immer wieder kreuzen sich die Pfade: Ein Antiquariat mit eigenartigem Inhaber, ein geheimnisvolles Kellergewölbe, in dem die Lesung stattfindet und das Buch – schwarz mit Goldprägung, dass niemandem gehört, so viele Sehnsüchte auslöst und letztendlich die handelnden Personen in sich hineinsaugt und sie festhält.

*

Verschwunden im Buch? Vorsicht, ich schaue mir das Buch von Michael Siefener genau an: Nr. 99 von 100. Ich bin beruhigt, keine unsignierte 0-Nummer, und doch zeigt es fatale Ähnlichkeiten mit dem beschriebenen Buch. Und in gewisser Weise erschreckend: Der Ausbruch ist mit 42 Seiten in diesem Buch noch einmal enthalten – natürlich unnummeriert.

Kann ein Buch böse sein? Die Frage stellt sich mir unvermittelt. Geht von ihm gar eine Gefahr aus? Ich schiele auf das schwarze Buch, das aufgeschlagen auf meinem Nachtisch lauert. Da sind die gemalten Hände in den Bücherecken, die nach mir greifen. Vielleicht sollte ich nicht darin lesen, wenn ich zu Bett gehe, denn wer weiß, wohin mich meine Träume tragen und ob ich nicht doch den Irrwegen der Protagonisten folge, den Gummimann im langen Mantel treffe und in einer mysteriösen Lesung ende? Das Buch ist mehr als ein Buch, es ist Erlebnis, Herausforderung und ein Spiel mit dem Geheimnisvollen, Schauerlichen - in all seinen Lesarten. Schnell klappe ich das Buch zu, schiebe den bunten Schuber über die Deckel und fessele damit hoffentlich seine magische Wirkung.

Das Buch – wie könnte es anders sein – ist nicht über den Buchhandel beziehbar, es ist vergriffen, teilt mir der Herausgeber Eric Hantsch mit – aber über das Antiquariat ist es vermutlich erhältlich…


Ellen Norten - 16. September 2021
ID 13145
Link zum Dunkelgestirn


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