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Zeitgeschichte

Nicht nur die

Frankfurter Küche





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Die sogenannte „Frankfurter Küche“ ist ein Meilenstein der (Innen-)Architekturgeschichte. Heute mag ihre Errungenschaft nicht im öffentlichen Bewusstsein aufbewahrt sein, so selbstverständlich scheint sie. Aber die Einbauküche, die der Hausfrau – und es war 1926 nun einmal fast immer eine Frau und ist wohl auch heute eher selten ein Mann – Wege und rationalisierbare Handgriffe und Arbeitsgänge ersparen sollte, ist ohne sie nicht denkbar. Sie ist eine Erfindung der 1897 geborenen Wienerin Margarete Schütte-Lihotzky. Sie starb im Jahr 2000, fünf Tage vor ihrem 103. Geburtstag.

Sie hat nicht nur als Architekturpionierin, sondern auch durch ihre bewegte Biographie als kämpferische Kommunistin – nicht immer freundliche – Aufmerksamkeit auf sich gelenkt und in der jüngeren Vergangenheit als wegweisende Frau, die der Frauenbewegung als Vorbild dienen kann. Aber man tut Margarete Schütte-Lihotzky Unrecht, wenn man ihre Bedeutung darauf beschränkt, dass sie Frau war. Schließlich gilt Le Corbusier auch nicht als Jahrhundertarchitekt, weil er ein Mann war, und Marcel Breuer nicht als Jahrhundertdesigner, weil er aus Ungarn stammte. Margarete Schütte-Lihotzky ist, unabhängig vom Geschlecht, eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts – nicht mehr und nicht weniger.

Jetzt haben sich, herausgegeben von Christine Zwingl, mehrere Autorinnen auf Schütte-Lihotzkys Spuren in Wien begeben, auf Spuren ihres Lebens und auf Spuren ihres Werks. Einzelne Wohnsiedlungen und Bauten, aber auch Entwürfe für Ausstellungen und Veranstaltungen, werden beschreibend, mit jeweils einem Foto vorgestellt. Gegenläufig zeigt das Buch Gebäude, die Schütte-Lihotzky auf unangenehme Weise kennen gelernt hat, wie die Gestapo-Leitstelle Wien, das Polizeigebäude im 9. Bezirk, das die Wiener ironisch „Liesl“ nennen – die Rossauer Lände, in der es sich befindet, hieß in der Monarchie Elisabethpromenade –, das Bezirksgefängnis im 2. Bezirk und das Wiener Landesgericht. Schließlich führen die Spuren, halbwegs optimistisch, an Orte, die an Margarete Schütte-Lihotzky erinnern.

In einem abgedruckten Zitat räsoniert der Journalist Christian Seiler angesichts der Erklärung auf dem Straßenschild des Schütte-Lihotzky-Wegs in Wien-Simmering, dass die Namensgeberin die „Erfinderin der ‚Frankfurter Küche‘“ war, dass das zwar stimme, dass er es aber „für eine krasse Verkürzung halte“. Recht hat er. Wer mehr wissen will als diese Verkürzung, ist mit Spuren in Wien gut bedient. Es müssen ja nicht die Spuren der Kaiserin Sisi sein.


Thomas Rothschild – 19. März 2022
ID 13529
Verlagslink zu Margarete Schütte-Lihotzky. Spuren in Wien


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