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"Populäre Inhalte lassen sich eben leichter in Geld verwandeln als Texte mit eigenem künstlerischem Anspruch. Das ist auch der häufigste Grund, warum Literaten mit anfangs vielversprechenden Talenten, aber schwachem Willen irgendwann scheitern und ins Fahrwasser der Unterhaltung geraten." (Männer und Frauen von Yosano Akiko, S. 8)

*

Diese Einschätzung [s.o.] dürften wohl viele heutige Autoren teilen, die sich zwischen kargem Künstlerleben oder lukrativer Mainstreamliteratur entscheiden müssen. Yosano Akiko, die berühmte japanische Tanka-Dichterin, schreibt dieses 1912 und erklärt damit, warum sie Auftragsarbeiten annimmt, nämlich um die Familie zu ernähren. Die Familie, das ist ihr schriftstellerisch tätiger Mann und ihre elf! Kinder. So nachvollziehbar ihre finanziellen Sorgen für uns heute noch sind, so ungewöhnlich verlief ihr Leben im Japan der vorletzten Jahrhundertwende. Frauen hatten damals kein Wahlrecht und wurden in keiner Weise als gleichberechtigt angesehen. Yosano Akiko musste eine Frauenschule besuchen, die vor allen Dingen praktische Fähigkeiten vermittelte. Intellektuelles Wissen eignete sie sich weitgehend selbst an. Unbeirrt folgte sie ihren Zielen, was auch hieß, dass sie wegen ihrer noch verheirateten großen Liebe Yosano Tekkan ihr Elternhaus verließ und mit ihm in Tokyo zusammenzog – damals ein Skandal.

Yosano Akiko setzt eigene Erfahrungen in ihren Essays um. Als politisch denkende Frau äußert sie sich zur Demokratie und Gleichberechtigung, aber beschreibt auch ihre Situation als Wöchnerin im Krankenhaus, als bei ihrer Zwillingsgeburt ein Kind tot zur Welt kommt. Gerade in diesem Text zeigt sich, wie sie den dramatischen Sachverhalt gefühlvoll und nachvollziehbar niederschreiben kann.

Ein anderer Essay, der sich auf die spanische Grippe 1920 bezieht, widmet sich einem schwierigen Thema.


"Der Tod ist ein riesengroßes Fragezeichen. Im Angesicht des Todes wirkt alles leer. Alles Gute und Böse, alle Wechselfälle des Lebens verlieren in seiner Gegenwart ihre Bedeutung. Die Werte des menschlichen Daseins sind nur insofern von Belang, als wir noch nicht den Händen des Todes überantwortet sind. Bedenkt man dies, wird man plötzlich gewahr, dass man nicht das geringste Wissen über den Tod besitzt und kein einziges Wort hinzuzufügen hat. Der Tod ist – analog zu den unendlichen Weiten jenseits des Firmaments – das Geheimnis einer anderen Welt, unerreichbar für unseren Verstand." (S. 116)


Leider wurde dieser Essay nur aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie ins Buch aufgenommen, denn das vorliegende Buch (unter dem Titel Männer und Frauen) beleuchtet weitgehend die politische Denkerin und nicht die Literatin Yosano Akiko. Das ist schade, denn der Band ist in einer Reihe mit anderen großen Klassikerinnen erschienen, deren literarisches Werk abgedruckt ist. Ein Band mit Tanka-Gedichten von Akiko ist geplant.

Eduard Klopfenstein hat sowohl die Auswahl als auch die Übersetzungen getätigt und verantwortet die Authentizität der Sprache. Die Essays sind für mich eher von historischem Interesse. Zwar eröffnen sie eine erschreckende Aktualität, doch die Fülle der Texte spiegelt zu wenig Vielfalt und zu viel Redundanz wider, was die Lektüre trotz ihrer Qualität ermüdend macht.

Das Buch ist gut aufbereitet, jedem Kapitel sind erklärende Anmerkungen angefügt. Leider gilt auch dies nur für die politischen Hintergründe. Was die Dichterin Yosano Akiko angeht, setzt Eduard Klopfenstein zu viel voraus. Tanka-Lyrik ist für mich ein Begriff, den ich vorher nicht kannte und den ich erst anderswo nachschlagen musste. Das Buch ist eher für den Japanologen interessant als für eine breite Leserschaft.

Für mich als Frau ist es deprimierend zu sehen, dass sich trotz der akribisch gefertigten Analysen von Yosano Akiko an der Situation der Frau in Politik und Gesellschaft nichts ausreichend gebessert hat.


Ellen Norten - 8. August 2022
ID 13746
Manesse-Link zu dem Essay-Band Männer und Frauen


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