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Roman

Poetisch

klug





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Lutz Seiler hat für seinen neuen Roman Stern 111 den Preis der im März dem Corona-Virus zum Opfer gefallenen Leipziger Buchmesse erhalten. Bereits mit dem Vorgängerroman Kruso feierte Seiler große Erfolge. Auch Stern 111 begibt sich zurück in die Zeit der Wende. Nicht Hiddensee, Traumziel des DDR-Tourismus wie für DDR-Fluchtwillige, ist diesmal der Ort der Geschichte, sondern der Ost-Berliner Bezirk Prenzlauer Berg in den Jahren 1989 bis 1992, in dessen Undergroundszene aus Künstler-, Hausbesetzer- und wildem Kneipen-Milieu die wiederum mit autobiografischen Zügen ausgestattete Hauptperson Carl eintaucht.

Seinen Anfang nimmt der Roman jedoch auf dem Leipziger Hauptbahnhof. Gegen den Strom der im November ‘89 nach Berlin mit der bereits geöffneten Mauer Strebenden schwimmt der von Halle kommende Carl einer Ohnmacht nahe in Richtung seiner alten thüringischen Heimatstadt Gera. Dort warten seine Eltern, die sich überraschend für Carl für eine Ausreise in die BRD entschieden haben. Carl, der mit mitte 20 gerade sein Studium in Halle geschmissen hat, soll derweil „die Stellung halten“ und für die etwa doppelt so alten Eltern („die unwahrscheinlichsten Flüchtlinge, die Carl sich vorstellen konnte“) „das Hinterland sichern“. Das Vertrauen in die Dauerhaftigkeit der Grenzöffnung ist noch gering. Die Option auf eine Rückkehr will man sich also offen halten.

Die plötzliche Konfrontation mit der Vergangenheit in der leeren elterlichen Wohnung wird für Carl, den etwas ziellos aufstrebenden Lyriker mit einer Hand voll Gedichten im Gepäck, zur Zäsur. Nach ein paar durchzechten Nächten im Versteck der Wohnung rafft sich Carl schließlich auf und fährt mit Vaters liebevoll gepflegtem Shiguli, einem russischen PKW, den auch zu DDR-Zeiten nicht gerade jeder sein eigen nennen konnte, nach Berlin, die Stadt seiner poetischen Träume, von der er nur Orte wie die sagenumwobene Kastanienallee kennt. Das Mekka der ostdeutschen Literaten, das Carl zunächst noch weiträumig mit dem Shiguli umkreist. Er schläft im Auto und fährt in winterkalten Berliner Nächten Schwarztaxi, bis er im Fieber-Delirium auf das „Rudel“ des Hirten und Ziegenhalters Hoffi trifft. Eine fast mystische Begegnung, die Carls Leben in den Ost-Berliner Wendewirren bestimmen wird.

Im dreißigsten Jahr der deutschen Einheit ein denkwürdiges Jubiläum, das durch die Corona-Krise fast in Vergessenheit geraten scheint, geht Lutz Seiler noch mal zurück zu den Anfängen des vereinten Deutschlands, einer Zeit, die geprägt ist von Suche, Euphorie und Verzweiflung gleichermaßen. Im Prenzlauer Berg mit seinen heruntergekommenen Mietshäusern werden unkompliziert linke Utopien einer solidarischen Gemeinschaft gelebt, die aber bald im allgemeinen Konsumtaumel, an ersten Existenzängsten und beginnendem Konkurrenzdenken wieder sterben werden. Wende-Hoffnung und -Depression geben sich die Hand.

Das alles erzählt Seiler in seinem gewohnt lyrischen Ton aus Sprachbildern und einem mitunter weitschweifigen Erzählstil, der aber nie langweilt oder gar nostalgisch wird. Eher etwas zu romantisch schaut der Autor durch die Augen seines sich fast ohne erkennbaren Willen in die verschiedenen Situationen treiben lassenden Protagonisten. Wenn man so will auch eine Art Entwicklungsroman und interessantes Panorama jener Zeit, in der plötzlich so vieles möglich schien. Dazu gehört natürlich auch das entsprechende Personal aus unterschiedlichsten Typen und Randfiguren. Und auch die Orte des Geschehens werden so manchem echten Berliner oder später Zugezogenen auch heute noch bekannt sein.

Zentrum der bunt gewürfelten Truppe um Hoffi, der wie eine Art Prophet verehrt wird, ist die Kellerkneipe Assel in der Oranienburger Straße. Ein Szenelokal, das es wirklich gab, und in dem Seiler wie Carl auch als Kellner gearbeitet hat. Carls erste Aufgabe: Als gelernter Maurer hilft er den Keller zum Versammlungsort und zur Kneipe auszubauen. Hier treffen sich die verschiedenen Gruppen der Ostberliner Hausbesetzerszene und beraten über Strategien des alternativen Zusammenlebens genauso wie über solche des bewaffneten Häuserkampfs. Politisch in diesem Sinne will Seilers Roman aber gar nicht vordergründig sein. Das Vokabular der Stadtguerilla bedeuten dem schlauen Hirten Hoffi ebenso wenig wie der nun von allen „Shigulimann“ genannte Carl sie überhaupt nur am Rande wahrnimmt. Er widmet sich lieber dem Werken an einem „idealen poetischen Dasein“, das er in seiner mit alter Werkbank und „Matratzenfloß“ ausgerüsteten Hinterhauswohnung beginnt und auch bald erste Verse in einer kleinen Anthologie Ostberliner Dichter bei einem unabhängigen Verlag unterbringen kann.

Carls Eltern ist der zweite, paarallel verlaufende Erzählstrang des Romans gewidmet. Die Mutter berichtet Carl in regelmäßigen Briefen, die sich der nach Berlin Geflohene postlagernd nachsenden lässt, von den Anfängen ihres neuen Lebens, das Inge und Walter zunächst getrennt in Angriff nehmen. Ihre Schilderungen geben ein gutes Bild des Zusammentreffens ostdeutscher Mentalität mit westdeutschen Vorurteilen. Aber auch im Westen gibt es kleine Inseln der Solidarität in Form der jüdischen Familie eines aus Syrien stammenden Arztes, eines US-amerikanischen Soldaten-Ehepaars oder einer Frauentanzgruppe, der sich die wesentlich kontaktfreudigere Inge anschließt. Für die beiden Kinder der DDR-Mangelwirtschaft, die sich ganze Kollektive zur Erfindung von Ersatzstoffen leistete und trotzdem so seltene Computerprogrammiersprachen wie Pascal im Repertoire hatte, verläuft der Versuch auf dem kapitalistischen Arbeitsmarkt zu reüssieren recht unterschiedlich. Während Inge als schwarz bezahlte Haushaltskraft trotz hoher sozialer Kompetenz immer wieder scheitert, startet Walter dann doch noch eine erstaunliche Karriere als EDV-Spezialist.

Das Geheimnis um den wahren Grund der späten Flucht der Eltern in den Westen wird erst zum Ende hin vollständig gelüftet, wobei das Akkordeon des Vaters wie auch ein Stern am Hollywood Walk of Fame eine gewisse Rolle spielen. Eines der vielen Kellergeheimnisse „aus einer Vorzeit, die im Dunklen lag“, wie es Carl einmal treffend formuliert. Sie drängt wie die Asseln aus dem übergetünchten Putz in der Kellerkneipe ans Licht. Dieser verschütteten Vorzeit der Familie Bischoff, die sich für Carl nur in diffusen Erinnerungssplittern seiner Kindheit darstellt, worin auch jenes Sternradio 111 aus dem Titel des Romans auftaucht, muss sich Carl stellen. Dazu gehört auch die nicht nur glückliche Beziehung Carls zu der nicht minder belasteten Effi, seiner in Berlin wiedergefundenen Jugendliebe aus Geraer Schultagen. Aber genau das ist das Spannende an Seilers Wenderoman, dass die Bischoffs nur über den Umweg der Reflexion ihrer Vergangenheit die Befähigung für ihr zukünftiges Leben finden können. Was sich letztendlich wie ein roter Faden durch alle Geschichten des Romans zieht und damit ein kluges Gegenbild zur relativ geschichtslosen Gegenwart bildet.


Stefan Bock - 10. Mai 2020
ID 12230
Suhrkamp-Link zu Lutz Seilers Roman Stern 111


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