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Dokumentarroman

Das Virus

und die

Diktatur





Bewertung:    



Über die Corona-Seuche und ihren Erreger wird genug berichtet, die Medien sind mehr als voll davon. Trotzdem habe ich mir das Buch Wuhan vorgenommen, ein verstörendes Buch, das mir einen anderen Blickwinkel zeigt. Der Autor ist Chinese, lebt als politisch Verfolgter in Berlin und steht Staat und Partei in China kritisch gegenüber. So halte ich ein hochpolitisches Buch in den Händen, das sich "Dokumentarroman" nennt. Eigentlich ein Widerspruch in sich, der jedoch funktioniert, da Liao Yiwu das Fiktive von Literatur mit der Authentizität belegbarer Fakten, realer Personen oder gesicherter Verläufe abgleicht. So gibt es 89 Anmerkungen, ein Vorspiel, einen Epilog, ein Begleitwort an die Leser, eine Ballade, einen Nachtrag und ein letztes Nachwort.

Schon dies zeigt, dass Wuhan nicht so einfach runtergelesen werden kann. Es ist ein erschütterndes Buch, das an reale Personen der chinesischen Gesellschaft erinnert. Da ist der Arzt Li Wenliang, der erstmals auf die Krankheit aufmerksam machte, sich infizierte und verstarb; oder die ehemalige Anwältin Zhang Zhan, die im Dezember 2020 für ihre Berichterstattung über die COVID-19-Pandemie in Wuhan zu vier Jahren Gefängnis verurteilt und zuvor gefoltert wurde. Aktuell ist ihre Situation durch einen Hungerstreik bedingt lebensbedrohlich. Das Buch eröffnet der Blogger und Bürgerjournalist Kcriss (Li Zehua), der mehrfach versuchte, zum P4 Labor (Hochsicherheitslabor) des Virologischen Forschungsinstituts der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Wuhan vorzudringen. Er schaffte es nicht, wurde bis zu seiner Wohnung verfolgt und sendete per YouTube bis zu seiner Verhaftung im Februar 2020.


„'Um es kurz zu machen, wir verstehen euch da draußen nur zu gut, ich verstehe, dass ihr eure Befehle habt, aber ihr tut mir auch leid, denn die grausamen Befehle, die ihr mit unbedingtem Gehorsam ausführt, diese Befehle werden eines Tages auf euch zurückfallen!
O.k., es ist so weit. Ich mache jetzt auf.'
Kcriss öffnet die Tür, zwei menschliche Schatten, den Kopf abgeschnitten, huschen herein, er sagte: 'Das sind meine Freunde…', und damit wurde die Kamera schlagartig gestoppt. Einzig eine Schrift blieb auf immer stehen: 'Ich werde durchsucht!!! Ich werde durchsucht!!!'"
(S. 48)



Sie alle sollen nicht vergessen werden. Doch das Internet ist schnelllebig, und so kann und soll dieses Buch die Erinnerung an diese mutigen Menschen lebendig halten.

Und der Roman? Er schildert die abenteuerliche Reise des (fiktiven) chinesischen Historikers Ai Ding, der von einem Forschungsaufenthalt in Berlin zum Frühlingsfest seine Frau und Tochter in Wuhan besuchen will. Als echter Pechvogel landet er genau zeitgleich mit dem Lockdown der ersten chinesischen Städte und Gemeinden und gerät in eine nervenaufreibende mehrwöchige Odyssee, zwischen abgesperrten Städten und Dörfern, Lokalgrenzen, Quarantänemaßnahmen und Verboten. Hier lernen wir nicht nur die Unerbittlichkeit der chinesischen Diktatur kennen, sondern auch die menschlichen Tragödien, die sich hinter den vielen Virustoten zu Beginn der Pandemie verbergen. Liao Yiwu schildert die feinen Emotionen, die es in der Bevölkerung (noch) gibt und die die ständige Überwachung und Durchleuchtung jedes Einzelnen bisher überstanden haben. Doch die „Wahrheit“ wird von der Partei diktiert.


"Der Begriff 'Wuhan-Pneumonie' wurde eine Zeitlang von den Behörden in Wuhan selbst verwendet, vom Zentralkomitee der Kommunistische Partei Chinas später jedoch strengstens verboten, und weil eine Welle nationalistischen Fremdenhasses hochschlug, benannten auch alle anderen Länder der Welt, der Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen folgend, das Virus 'Wuhan-Virus' in 'Covid 19' um. Das aber wird die Zukunft der Geschichtsklitterung (welche die Kommunistische Partei Chinas perfekt beherrscht) erleichtern. Vielleicht wird in einigen Jahren ideologischer Propaganda die überwältigende Mehrheit der Chinesen allein noch wissen, dass COVID-19 aus Amerika nach China gekommen, Wuhan hingehen die erste chinesische Stadt gewesen sei, die infiziert wurde – das entspräche exakt den Beschreibungen der großen Hungersnot 1959 – 1962, bei der an die 40 Millionen Menschen verhungerten und von der in offiziellen Lehrbüchern behauptet wird: 'Unter der Führung des Vorsitzenden Mao und der Kommunistischen Partei haben wir die dreijährige Naturkatastrophe besiegt, die der Sowjetische Revisionismus verursacht hat.'" (S. 298)


Die Frage, woher das Virus stammt, kann der Autor nicht beweisen, dies ist unmöglich, doch vieles spricht für die Experimente einer Forscherin, die als „Königin der Fledermäuse“ bezeichnet wird. Shi Zhengli, die an auf den Menschen übertragbaren Fledermausviren im P4 Labor in Wuhan arbeitet(e), erschuf hochriskante Erreger. Kurios bleibt in diesem Zusammenhang anzumerken, dass der Wildtiermarkt, auf dem allerdings im Winter keine frischen Fledermäuse angeboten werden, in unmittelbarer Nähe zum Forschungslabor liegt. Wuhan verfügt damit über einen doppelten Makel.

Wuhan ist kein unterhaltsames Buch, doch liest es sich durch die künstliche Figur des Forschers Ai Ding dennoch spannend. Wuhan zeigt uns ein modernes China, in dem kaum noch Raum für Menschlichkeit bleibt. Dies sollten sich unsere Vertreter von Politik und Wirtschaft in ihren Verhandlungen vor Augen führen.


Ellen Norten - 12. Februar 2022
ID 13453
Fischer-Link zum Wuhan-Buch


Post an Dr. Ellen Norten

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