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Zeitgeschichte

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Apfelsauce





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Der Holocaust hat eine Dimension, die andere Verbrechen im Vergleich klein erscheinen lässt. Neben der Ungeheuerlichkeit des nationalsozialistischen Massenmords nehmen sich die Gemeinheiten und Untaten, an denen sehr viel mehr Menschen unmittelbar beteiligt waren als am Genozid, fast belanglos aus. In den vergangenen Jahrzehnten hat es eine Reihe von Untersuchungen und Publikationen der so genannten Provenienzforschung gegeben, die in erster Linie dem Raub von Kunstwerken in meist jüdischem Besitz nachgeht. Daraus könnte der Eindruck entstehen, die Juden seien allesamt reiche Kunstsammler gewesen. Das ist natürlich Unsinn. Es war eine verschwindend kleine Zahl, die nennenswerte Gemälde oder Skulpturen besaß. Die überwiegende Mehrheit der Juden, die ermordet wurden oder, wenn sie Glück hatten, ins Exil entkamen – wie sagt doch die Tante Jolesch? „Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist“, – lebte unter bürgerlichen Umständen oder in Armut. Ihre Nachbarn aber rissen sich, kaum dass sie als rechtlos stigmatisiert waren, unter die Nägel, was ihnen in die Hände kam, ihre Mäntel, ihre Möbel, ihr Wohnungen. Und nicht nur die Nachbarn. Auch Unternehmen und Institutionen wie Verlage, Museen, Hochschulen. Mehr noch: sie stahlen auch ihr geistiges Eigentum.

Von solch einem Fall berichtet Karina Urbach. Das Buch Alice. Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten liest sich wie ein Kriminalroman. Aber es ist nicht Fiktion, sondern ein Teil von jener Wahrheit, die immer noch (oder wieder?) verdrängt wird, die niemand für möglich halten möchte. In einem Exkurs erläutert die Autorin, was Łódż im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus bedeutet. Als ich den Namen der polnischen Stadt einmal nannte, in die meine Großeltern auf dem Weg nach Auschwitz deportiert wurden, sagte ein Kollege: „Das heißt nicht Łódż, das heißt Litzmannstadt.“ Das sollte wohl komisch sein.

Ein Kochbuch: das klingt trivial im Vergleich zu einem Klimt oder einem Schiele, der mehrere Millionen Euro wert ist. Aber die Haltung, die sich das ansonsten in unserer Gesellschaft als unantastbar betrachtete Eigentum anderer bedenkenlos einverleibt, wenn diese als vogelfrei deklariert werden, ist die gleiche. Und es gibt wenig Ursache zu der Annahme, dass das heute anders wäre, wenn die gesellschaftlichen Normen es zuließen. Insofern ist Karina Urbachs Buch nichts weniger als historisch im Sinne von „vergangen“. Der Haupttitel, der ihm eine biblische Würde verleiht, ist zugleich ironisch und angemessen.

Die Autorin, eine ausgewiesene Historikerin, verfolgt die Spuren des zugleich ungewöhnlichen und typischen Falls. Das unterscheidet ihr Buch wohltuend von den bloßen Memoiren oder Oral History-Erzählungen, die, so berührend sie sein mögen, meist arbiträr wirken. Es fehlt ihnen meist der Angelpunkt, der ein besonderes Interesse rechtfertigt. Ein Kochbuch als Beleg für Menschenverachtung: das erweckt Neugier und erregt die Aufmerksamkeit. Machen wir uns nichts vor: die Empathiefähigkeit der meisten Menschen ist begrenzt. Die bloße Schilderung von Leid und Entbehrung bewirkt oft das Gegenteil dessen, was angestrebt wurde. Es provoziert die Selbsttäuschung, dass man selbst viel mehr gelitten habe. Es lässt die Täter und deren Nachfahren sich als Opfer fühlen. Psychologen haben die Mechanismen der Verdrängung, der kognitiven Dissonanz, der Schuldumkehr hinreichend erklärt. Da sie der Selbstbewahrung dienen, kommt man gegen sie nicht an. Der neue Antisemitismus bezeugt ja unübersehbar das Scheitern der aufklärerischen Bemühungen von 70 Jahren. Ich erinnere mich an die Studentin, die, lange bevor die AfD gegründet wurde, in einem Seminar über Joseph Roth, als es um dessen Juden auf Wanderschaft ging, ebenso missmutig wie offenherzig erklärte: „Was gehen mich die Juden an.“ Vielleicht versetzt sie ein gestohlenes Kochbuch eher in Wallungen.

Die Geschichte von Alice Urbachs Kochbuch streift unter anderem die Geschichte des Ernst Reinhardt Verlags, in dem es erschienen ist, und die Geschichte deutscher Verlage nach der Machtergreifung durch Hitler und nach dem Ende des Nationalsozialismus. Unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs fand der Verlag einen neuen „Autor“ für das Buch einer nunmehr inakzeptablen Jüdin. Sein Name: Rudolf Rösch.

Rund um die Kochbuch-Story, die Ausgangspunkt und Zentrum des Buches ist, erzählt Karina Urbach die Geschichte eines (unfreiwillig) bewegten Lebens, eine Familiengeschichte, die zugleich als Zeitgeschichte zu lesen ist.

Zu den von Karina Urbach meistzitierten Autoren gehört Friedrich Torberg, ein Freund der Familie (und wenn man die Häufigkeit der Erwähnungen bei anderen zum Maßstab nimmt, ein Freund aller Wiener, die nicht seine Feinde waren). Was Urbach freilich zitiert, hat größtenteils das gleiche Los wie das Kochbuch von Rudolf Rösch: es ist geklaut.

Die Befriedigung über die Lektüre – Vergnügen wäre angesichts des Stoffes das falsche Wort – wird gesteigert durch eine Sprache, die, mit allerdings 59 Seiten Endnoten, auf den Jargon der Wissenschaft verzichtet, ohne deren Erkenntnisse zu ignorieren. Und es gelingt Karina Urbach jene Gefahr zu vermeiden, die sie im Vorwort benennt: den „Mangel an emotionaler Distanz zu den beteiligten Personen“, die Apfelsauce der Sentimentalität.


Thomas Rothschild – 14. November 2020
ID 12599
Ullstein-Link zum Buch Alice


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