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Erzählung

Die verwandelte

Verwandlung





Bewertung:    



"Eines Morgens wird Gregor Samsa wach.
In der Nacht hat er schon unruhig geträumt.
Und als er aufwacht,
ist alles anders als sonst.
Gregor Samsa ist ein riesiger Käfer geworden.
Ein unheimliches Ungeziefer.
Gregor liegt auf dem Rücken im Bett.
Sein Rücken ist wie ein Panzer.
Hart und dick.
Wenn Gregor seinen Kopf hebt,
sieht er einen braunen, steifen Bauch.
Es ist sein Käfer-Bauch.
Seine Beine sehen jämmerlich aus.
Viele dünne Beinchen.
Sie sind viel zu dünn im Vergleich zu seinem Körper.
Hilflos zappeln sie in der Luft."



So beginnt ein Büchlein, auf dessen Umschlag ein vertrauter Titel und ein vertrauter Name stehen: Die Verwandlung. Franz Kafka. Der Text aber klingt gar nicht vertraut. Der Umschlag gibt auch darüber Auskunft, woran das liegt. Er ergänzt: "in einfacher Sprache".

Das Büchlein ist in einem Verlag und einer Reihe erschienen, die eine bestimmte Zielgruppe vor Augen haben:



"7,5 Millionen Menschen sind funktionale Analphabeten.
Sie alle haben Schwierigkeiten mit der Schrift. Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Sie sind zum Beispiel:

- Legastheniker, die Schwierigkeiten mit der Erkennung von Buchstaben haben.
- Menschen mit Aphasie, die z.B. nach einem Schlaganfall wieder neu sprechen lernen.
- Menschen mit einer geistigen Behinderung.
- Gehörlose oder schwerhörige Menschen, deren Sprachentwicklung oft verzögert ist.
- Autisten, denen der Kontakt mit Menschen schwer fällt und die deshalb manchmal auch Schwierigkeiten mit der Sprache haben.
- Alte Menschen mit (leichter) Demenz.
- Schüler, die in den ersten Schuljahren abgehängt wurden.

Hinzu kommen noch Millionen Menschen, die nicht alltagstauglich Deutsch sprechen. Zum Beispiel viele von den Flüchtlingen, die in den letzten Jahren zu uns gekommen sind."



Das ist alles richtig. Und die Absicht, diesen Menschen Literatur zugänglich zu machen, ist ehrenwert. Aber ist dies der richtige Weg?

Zur Erinnerung: Kafkas Erzählung, wie er sie geschrieben hat, beginnt so:



"Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen."


Davon ist "in einfacher Sprache" allenfalls das übrig geblieben, was manche schon für Literatur halten: die Story. Selbst die jedoch muss Verluste erleiden. Die Bettdecke, die zum gänzlichen Niedergleiten bereit ist, kann beim Verzicht auf komplexere Satzgefüge nicht mehr untergebracht werden. Weil die Sätze kurz und eben einfach sein sollen, muss die Bearbeitung den unschönen erklärenden Satz einschieben: „Es ist sein Käfer-Bauch.“ Warum die Beinchen lesbarer sein sollen, wenn sie in der Luft zappeln, statt Samsa vor den Augen zu flimmern, ist nicht nachvollziehbar. Zudem ist der gesamte Text vom Präteritum ins Präsens überführt.

Vor allem aber: die verwandelte Verwandlung hat eingebüßt, was sie unsterblich gemacht hat: ihren Rhythmus, die Anordnung von Thema und Rhema innerhalb des Satzes, die innere Spannung. Wie platt klingt da die nachgeschobene Erklärung, dass "alles anders als sonst" sei.

Es zeigt sich also, dass man ein literarisches Kunstwerk nicht an Leseschwache vermitteln kann, indem man seine Sprache vereinfacht. Es hört dann auf, ein literarisches Kunstwerk zu sein. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder man befähigt die Problemfälle durch intensive Erziehungsarbeit dazu, die Sprache der Literatur zu verstehen, oder man verzichtet darauf, ihnen diese unbedingt schmackhaft machen zu wollen. Man kann auch ohne Literatur glücklich werden, und man muss kein funktioneller Analphabet sein, um Schwierigkeiten mit Kunstwerken zu haben. Untersuchungen behaupten, dass ganz normale Schülerinnen und Schüler heute oft nur mit Mühe die Zeitung lesen können. Man sollte den Versuch nicht aufgeben, die Sprachkompetenz zu steigern. Eine Übersetzung "in einfache Sprache" ist dabei ebenso wenig zielführend wie ein Skispringen für an Arthrose Leidende: ohne Schanze.

Darüber hinaus belehrt uns der untaugliche Versuch, was Literatur in ihrem Wesen ist. Sie kann sogar aus einfacher Sprache bestehen. Wenn der Autor das so gewollt hat. Und mit der einfachen Sprache entsprechend umgeht. Nämlich literarisch.



Thomas Rothschild – 8. April 2020
ID 12150
Spaß am Lesen Verlag: Link zu Die Verwandlung. Franz Kafka. In einfacher Sprache


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