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nachDRUCK # 2

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Roman

Märchenstunde





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Allein schon der Titel Judith und Hamnet dürfte die Herzen einer bestimmten Klientel höherschlagen lassen, denn der geneigte Shakespeare-Begeisterte weiß, dass dies die Namen der Zwillinge von William Shakespeare himself sind. Oben auf dem Buchcover steht verheißungsvoll: „Maggie O'Farrell erzählt eine der spannendsten Geschichten überhaupt: die Geschichte, wie aus Leben Literatur wird. Magisch!“ Bleiben Sie zu Hause, unterbinden Sie Kontakt zu anderen, stellen Sie Telefon und Klingel ab, denn es ist soweit. Nach über 400 Jahren erfahren wir, was sich in Shakespeares Haushalt wirklich abgespielt hat. „In Judith und Hamnet entdeckt Maggie O'Farrell den bedeutendsten aller Dramatiker neu, als Liebhaber und als schmerzerfüllten Vater. Und nicht zuletzt erzählt sie zum ersten Mal die unvergessliche Geschichte einer eigensinnigen, zärtlich kühnen Frau: Agnes“, verspricht dann noch der Klappentext.

Das ist sensationell, denn bisher kannten wir von Shakespeares Frau Anne Hathaway aus den Kirchenbüchern nur den Taufeintrag, die Heirat mit William, die Geburten ihrer drei Kinder, den Tod von Hamnet im Alter von elf Jahren und ihren Sterbeeintrag. Aus den Ratsunterlagen geht hervor, dass sie im Testament ihres Vaters bedacht wurde, der sie darin Agnes nennt, aber es ist klar, dass es sich dabei um seine erstgeborene Tochter Anne handelt. Annes Name taucht dann noch im Testament ihres Mannes William Shakespeare auf. Weil William bei der Eheschließung noch minderjährig war, gibt es Unterlagen mit der Einwilligung seines Vaters. Anne war acht Jahre älter als ihr Mann. Mehr gesichertes Wissen über Hathaway gab es bislang nicht, und auch über Shakespeare gibt es wenig belastbare Informationen. Wir wissen, dass sein Vater Handschuhmacher in Stratford-upon-Avon war, dort auch mal Bürgermeister und angesehenes Ratsmitglied, dass es aber Vorfälle gegeben haben muss, die seinen Niedergang verursachten.

Agnes, wie sie in O'Farrells Roman genannt wird, ist eine Kräuterkundige und Seherin. Als der junge Lateinlehrer sie das erste Mal mit einem Turmfalken auf dem Arm sieht, ist es um ihn geschehen. Agnes hat von ihrem verstorbenen Vater eine Mitgift vererbt bekommen und ist ein guter Fang. Da sie aber als sonderbar und unangepasst gilt, sind ihre Aussichten auf einen Ehemann gering. Der nicht einmal 18jährige Lateinlehrer (der Name Shakespeare fällt außer in den Literaturangaben in der Danksagung kein einziges Mal) ist ein Tunichtgut, der unter seinem Vater John, einem gewalttätigen Tyrannen, leidet, und sich lieber in die geistige Welt zurückzieht. Es ist, laut O'Farrell, Agnes, die sich bewusst von ihm schwängern lässt, damit die beiden Familien in die Heirat von ihnen einwilligen müssen. So geschieht es dann auch.

Agnes zieht in das Haus neben der Werkstatt des Handschuhmachers, fällt aber wegen ihrer Eigenart aus dem Rahmen. Sie sammelt und bearbeitet Kräuter und behandelt damit und durch ihre seherischen Fähigkeiten die kranken Menschen, die zu ihr kommen. Klar, sind der Doktor und die Honoratioren des Städtchens von der Familie nicht sehr begeistert. Agnes ist ein Naturkind und lässt sich vom Geist ihrer verstorbenen Mutter in ein bestimmtes Waldstück leiten. Die Wehen haben eingesetzt, und Agnes will als Erstgebärende dieses Kind allein im Wald gebären. Die Familien erfahren zu spät davon und sind entsetzt, aber die kleine Susanna ist gesund zur Welt gekommen. Agnes ist glückliche Mutter und wird einige Zeit später wieder schwanger. Das Leben könnte fast vollkommen sein, aber sie erkennt, dass ihr Mann an diesem Ort sein Glück nicht finden wird. Und bei O'Farrell ist es Agnes, die sich mit ihrem Bruder verschwört, damit ihr Schwiegervater John seinen Sohn nach London reisen lässt, um dort Geschäfte mit Handschuhen zu betreiben. Das Ganze gelingt, nur dass bei der anstehenden Niederkunft mit dem zweiten Kind ihr Mann in London weilt. Als sie wieder in den Wald will, wird sie von ihrer Schwiegerfamilie davon abgehalten, die eine Hebamme hinzuzieht und deren Frauen bei der Geburt helfen. Nachdem ein gesunder Sohn geboren wurde, setzen die Wehen erneut ein, und es kommt ein schmächtiges und kränkliches Mädchen zur Welt. Agnes, mit ihren seherischen Fähigkeiten, hat die Zwillingsgeburt nicht kommen sehen, obwohl ihr Bauch deutlich ausgedehnter war als bei der ersten Schwangerschaft.

Elf Jahre später sucht der kleine Hamnet verzweifelt nach seiner Mutter oder sonstigen Angehörigen. Seine Zwillingsschwester Judith ist schwer krank. Agnes weilt derweil bei ihren Bienenstöcken, die ein ganzes Stück weit entfernt sind. Ihr Ehemann hat London verlassen, weil die Theater wegen der Pest schließen mussten. Er hat es mittlerweile zu Ruhm und Anerkennung gebracht. Derzeit tingelt seine Truppe über Land, sodass der Brief mit der Mitteilung, dass Judith im Sterben läge, erst sehr spät bei ihm ankommt. Agnes sieht nicht kommen, dass Hamnet ebenfalls erkrankt. Judith überlebt wie durch ein Wunder die Beulenpest, aber Hamnet stirbt daran.

Also: Die Beulenpest hat das Städtchen erreicht. Agnes kann ihren Sohn über Nacht im Haus behalten, bis sie die Kraft hat, ihn zu waschen und in ein Leichentuch einzunähen. Die Familie steht nicht unter Quarantäne! Hamnets Vater kehrt rechtzeitig zur Bestattung seines Sohnes zurück. Er und seine Familie aus dem Pesthaushalt ziehen mit Hamnets Leichnam quer durch die Stadt. Die Menschen bewegen sich zum Straßenrand, nehmen ihre Kopfbedeckung ab und gehen danach wieder ihrer Arbeit nach. - Aber es war schon im Mittelalter üblich, Infizierte zu isolieren, schon gar Ende des 16. Jahrhunderts. Das ist jetzt auch der späteste Zeitpunkt, von diesem Roman keine weiteren Erkenntnisse über Shakespeare und seinen Hintergrund mehr erfahren zu wollen. Es gibt nicht einmal Ortsbeschreibungen von Stratford, die man wiedererkennen könnte.

Am Schluss versucht O'Farrell aus „Leben Literatur zu machen“, wie es auf dem Cover heißt. Sie zieht eine Verbindung zwischen zwei Personen, bei denen gar nichts übereinstimmt. Hamnet war ein Knabe, der mit elf Jahren starb. Der fiktive Hamlet aus Shakespeares Stück war um die 30 Jahre alt, Hamnet wäre bei der Premiere des Stückes circa 15 Jahre alt gewesen. In Hamlet kommen keine Kinder vor, auch keine gestorbenen. Es geht um Königsmord, die Usurpation von Hamlets Thron, die Lüsternheit von Hamlets Mutter Gertrude und seinem Onkel Claudius. Die Annahme, dass Shakespeare den Tod seines Sohnes in diesem Stück verarbeitet hätte, ist in der von O'Farrell behaupteten Weise nicht haltbar. Genauso wenig, wie die Charakterzüge von Agnes. Es mag Übereinstimmungen mit denen der historischen Anne geben, aber wir wissen es einfach nicht. Reflexionen über den Tod und die Sterblichkeit gibt es nicht nur im Hamlet.

*

Das Buch wird in den einschlägigen Kundenrezensionen gefeiert, möglicherweise wegen der Irreführung, hier etwas über den „unsterblichen Barden“ und seine Familie zu erfahren.

Dem Buch mangelt es an der behaupteten Erkenntnis und dem Wissen. O'Farrell ist jedoch eine so gute Autorin, dass sie ein spannendes Buch auch ohne unbelegte Fantasien über Shakespeare hätte schreiben können. Insbesondere die Schilderung der allgemeinen Situation von Frauen ist durchaus gelungen.


Helga Fitzner - 3. November 2020
ID 12579
Piper-Link zu Judith und Hamnet


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