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Sachbuch

Der Schweizer

Wieler





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Nein, als Geheimtipp kann man Jossi Wieler nicht handeln. Wer mit dem Theater zu tun hat, kennt ihn als einen der profilierten Schauspiel- und Opernregisseure unserer Tage. Es sind eine Reihe von Veröffentlichungen erschienen, die seine Person und seine Arbeit würdigen. Jetzt aber hat die Schweiz ihren berühmten „Sohn“ entdeckt und ihm in ihrer MIMOS-Reihe anlässlich der vom Virus torpedierten Verleihung des Schweizer Grand Prix Theater das Theater-Jahrbuch für 2020 gewidmet. Wären seine Großeltern nicht aus Konstanz ins benachbarte Kreuzlingen übersiedelt, wäre es seinen Eltern ergangen wie den anderen Juden auf der deutschen Seite des Bodensees, und Jossi, Jahrgang 1951, hätte wohl nie das Licht der Welt erblickt, wie es so schön poetisch heißt. Nüchterner ausgedrückt: es gäbe ihn nicht. So aber ist er als Schweizer geboren worden – mit Migrationshintergrund, aber immerhin in der deutschen Sprache. Was ein paar Kilometer ausmachen können. Heute beziehen Konstanzer Universitätsprofessoren Einfamilienhäuser oder Wohnungen in Kreuzlingen. Es geht aber nicht mehr um Tod oder Leben, sondern allenfalls um Steuerersparnisse.

Das Buch ist, wie die Schweiz, mehrsprachig, von außen schön anzusehen, aber kartoniert, also nicht wirklich für intensiven Gebrauch geeignet. Das ist umso bedauerlicher, als ein immerhin zwanzigseitiges klein gedrucktes Werkverzeichnis dazu einlädt, es als Handbuch zum Nachschlagen zu benützen. Außerdem geizt es, im Vergleich zu bereits vorliegenden großformatigen Bänden, mit Abbildungen, die, wenn es um Bühnenkunst geht, ja doch von grundlegender Bedeutung sind.

Eine kritische Auseinandersetzung, zu der Wieler zwar wenig, aber bei genauerer Betrachtung doch auch Anlass bietet, darf man nicht erwarten. Der überwiegende Teil der Beiträge stammt von Mitarbeitern aller Sparten, der Rest von Universitäts- und Medienleuten, die offensichtlich unter dem Gesichtspunkt ausgewählt wurden, dass sie dem Gegenstand ihrer Wertschätzung gewogen sind. Das Theater-Jahrbuch hat eher den Charakter einer Festschrift als den einer Debatte. Dabei darf man davon ausgehen, dass der sympathische und bescheidene Regisseur Widerspruch nicht nur ertrüge, sondern sogar interessanter fände als ungefilterte Bewunderung. So aber bleiben, um ein Beispiel zu nennen, die Befürworter eines so genannten „Regietheaters“ und der Aktualisierung historischer Stoffe, zu denen Jossi Wieler zu zählen ist, und deren Verächter unter sich. Ein Gespräch findet ebenso wenig statt wie zwischen den Verfechtern der Impfung und den Impfgegnern. Hans Neuenfels sagte dieser Tage, manchmal habe er furchtbare Augenblicke gehabt, wenn er erst in der Premiere erkannt habe, dass er ein Stück vollkommen verfehlt habe. Man bleibt hinter den Einsichten intelligenter Künstler zurück, wenn man solche Möglichkeiten aus den Huldigungen wegretuschiert.

*

Der Theaterwissenschaftler Hajo Kurzenberger weist schon im Titel seines Beitrags auf eine Eigenschaft hin, die zwar grundsätzlich für alle Theaterkünstler, für Jossi Wieler aber in besonderem Ausmaß gilt: dass er ein Teamplayer ist. Das fällt selbst dem oberflächlichen Beobachter auf, wenn er wahrnimmt, wie oft Wieler – und das ist keineswegs alltäglich – seinen Dramaturgen Sergio Morabito, mittlerweile Chefdramaturg an der Wiener Staatsoper, als Koregisseur annonciert hat. Zum engeren Team muss man auch die renommierte Bühnenbildnerin Anna Viebrock rechnen. Beide, Morabito und Viebrock, geben im Buch Auskunft über ihre Zusammenarbeit mit Jossi Wieler.

In den Interviews nimmt die Abwesenheit von Eitelkeit für den Regisseur ein. Er redet seinen Befragern aber auch nicht nach dem Mund, differenziert, scheint im Gespräch auf Details zu kommen, die auf einen eher nachdenklichen als von Grundsätzen bestimmten Charakter verweisen. Die bisweilen rhetorischen Fragen nimmt er nicht unwidersprochen hin. So entgegnet er dem Kritiker Andreas Klaeui auf die Suggestion, er sei ein Regisseur, der die Textgestalt kaum verändere, mit Beispielen, die belegen, dass sich das von Inszenierung zu Inszenierung unterscheide.

Nicht nur über Jossi Wieler, sondern über die Arbeit am Theater überhaupt erfährt man Erhellendes aus einem Austausch mit einem der klügsten Schauspieler, die immer wieder mit ihm zusammen gearbeitet haben, mit André Jung. Werkstattgespräche dieser Art und dieses Niveaus sind selten und ergänzen, was man normalerweise nur als fertiges Produkt auf der Bühne sieht.

Dramaturg, Bühnenbildnerin, Schauspieler: sie sind mit der Arbeit des Regisseurs eng verflochten, ihre Sicht kommt der seinen oft recht nahe. Eine andere Perspektive steuern der Dirigent Sylvain Cambreling und die Sängerin Ana Durlovski, die vielleicht sensationellste Entdeckung der Stuttgarter Oper in den vergangenen Jahren, im Gespräch mit dem Kommunikationsdirektor Thomas Koch bei. Und so ist das Schweizer Theater-Jahrbuch über die Hommage für einen bedeutenden Regisseur hinaus eine lohnende Expedition in die Tätigkeit hinter den Kulissen von Theater und Oper. Die hat ihre eigene Würde, selbst wenn man bei der Premiere bemerken sollte, dass ein Stück vollkommen verfehlt wurde.


Thomas Rothschild – 5. Juni 2021
ID 12952
MIMOS-Link zu Jossi Wieler


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