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Ingrid Noll hielt sich mit In Liebe Dein Karl (2020) wochenlang in den Bestseller-Listen. Die 85jährige Schriftstellerin veröffentlichte in ihrem Band 31 Erzählungen, Kurzgeschichten oder persönliche Anekdoten. Die meisten der kurzen Texte erschienen bereits zuvor in Anthologien, Sammelbänden oder Zeitungen. Insgesamt enthält die Geschichtensammlung aber auch mindestens fünf Erstveröffentlichungen. Der Band gliedert sich in Themen-Schwerpunkte mit jeweils mindestens fünf Geschichten: "Diebe und Triebe", "Lust und Last der Liebe", "Tierische Täter", "Mörderische Mythen" und "Erinnerungen und Notizen".

Eine der Erstveröffentlichungen, Angelas erstaunliche Karriere, erzählt von einer Frau, der Flügel wachsen. Besorgnis und Schrecken über diesen außergewöhnlichen Umstand wandeln sich langsam zu einem erstarkenden Selbstbewusstsein und unvorhergesehen Glücksmomenten. Auch Sägespäne rieseln leise ist eine weitere amüsante Erstveröffentlichung. Diese Geschichte handelt von der Eifersucht eines Ehemannes und seiner Scham, als er erkennt, sich getäuscht zu haben. Zu den spannenderen Erzählungen des Bandes gehört die über 50-seitige Geschichte Der Obdachlosenkongress, in der der Bürgermeister eines kleinen Ortes mit einer außergewöhnlichen Großveranstaltung konfrontiert wird. In Das weiße Hemd der Hure posiert eine junge, desillusionierte Prostituierte für Caravaggio und kabbelt sich mit ihm um eine mögliche Entlohnung. Ungewöhnlich orientalisch und märchenhaft mutet die Erzählung Zaida im Kürbistopf an, die von gefährlichen Begegnungen eines Berbers am Rande der Wüste handelt.

Neben solcherart reizvolle Geschichten treten autobiographische Assoziationsketten, wie in Ginkgo, Rotkehlchen & Co über den Anbau im häuslichen Garten. Unzusammenhängende Gedankenketten paaren sich hier mit wehmütigen Reminiszenzen an die eigene Jugend. Leider enttäuscht insbesondere der letzte Teil, "Erinnerungen und Notizen". Hier reihen sich Altersweisheiten tagebuchartig aneinander und es wird mitunter allzu niedlich. Mal berichtet Ingrid Noll hier über eigene verzagte kriminelle Energie als Jugendliche, als sie Kunstpostkarten vom Louvre und rosa Lippenstift im Kaufhaus Lafayette (S. 283f.) klaute. Dann erwähnt sie, dass ihr Vater ihr als Jugendliche eine Stelle in einem Verlag vermittelte (S. 290). Mal berichtet sie, dass sie mit 55 Jahren das erste Buch veröffentlichte und ihre Mutter, die 106 wurde, im gleichen Haus wohnt. Motive und Inhalte wiederholen sich, etwa wenn den menschlichen Verfall bedauert wird (S. 302f., S. 296f.) und Noll gar über eigene Lesefehler aufgrund zunehmender Sehschwäche nachdenkt (S. 300f.). Interessant wird es in diesem letzten Teil des Sammelbandes ein bisschen, wenn Noll über ihre Kindheit in Shanghai schreibt, wo sie auch geboren wurde. Freimütig betont sie wiederholt den Komfort durch viele Bedienstete:

„Bei uns – wie bei den meisten Europäern – ließ man sich von chinesischen Personal bedienen: Als Chef galt der Boy, der stets Pidginenglisch sprach, im Rang folgte der Koch, dann gab es die Amma für die Wäsche, einen Kuli zum Putzen und eventuell noch einen Gärtner oder Chauffeur. Klar, dass wir Kinder bloß unsere Zimmer aufräumen mussten, aber kaum zu Hausarbeiten herangezogen wurden. Über den kolonialen Lebensstil machten wir uns aber keine Gedanken, denn wir kannten ja nichts anderes.“ (S. 271f.)

"Zunächst spricht alles für den Sieg der Phantasie, die meine Kindheit in ein Paradies verwandelt: Unser Haus in Nanjing, wo wir mit Puppen Theater spielen, malen und gemeinsam singen. Wir haben Diener, die in einem eigenen Trakt unter sich leben. Einen Koch, einen Boy, einen Kuli zum Putzen, eine Frau, die für uns wäscht […] (S. 287f.)



Erfahrungen als Bessergestellte in einer anderen Kultur haben Noll scheinbar geprägt. Wenn sie dann in einer anderen späteren Notiz zwei Kindheitsfreundinnen aus der Zeit in Shanghai Heidelberg zeigt, übt sich die Erzählerin allzu altersmüde und –milde lapidar in Werbefloskeln: „Bei 'Käthe Wohlfahrt' gibt es alles, was das Touristenherz höherschlagen lässt.“ (S. 278) Die Lektüreerlebnisse im gesamten Band sind so insgesamt eher durchwachsen. Einiges überrascht und die Sujets sind durchaus vielschichtiger als Ingrid Nolls letzter, etwas altbackener Plot in Goldschatz (2019). Meine erworbene Ausgabe hat schon viel erlebt. Der Band begleitete mich im Ausland, wurde am Strand geschmökert, überstand einen heftigen Regenguss und einige Knicke. Es vergingen zeitlich zwischen dem Lesen der einzelnen Geschichten so größere Abstände. Doch irgendwann hatte ich ihn tatsächlich ausgelesen.


Ansgar Skoda - 12. Dezember 2020
ID 12647
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