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Erzählungen

Von Angst

zu reden

macht Mut





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„Geschichten als Mikroskop. Geschichten als Spiegel. Die guten Geschichten sind wie das Leben tragikomisch, plötzlich reißt mich die Geschichte aus dem Mitleid in die Ironie in die Verachtung, aus der Verachtung ins Verständnis. Und alles in dem Moment, in dem ich mich auf eine Sicht eingelassen hatte.“ (Helga Schubert, Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten, S. 129)

*

Am 19. November war der mittlerweile 18. bundesweite Vorlesetag. Kurze Geschichten eignen sich gut zum Vorlesen. Im deutschen Sprachraum gelten Kurzgeschichtensammlungen jedoch bei Verlagen oft als Kassengift. Nicht so der Erzählband Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten der Schriftstellerin Helga Schubert mit 29 kurzen Episoden. Der Band rangierte auf Platz vier der belletristischen Jahresbestseller 2021 der Fachzeitschrift Buchreport. Das Werk ist das einzige mit kurzen Erzählungen in den Top Ten der meistverkauften Bücher des Jahres. Ein Grund für den Erfolg: Helga Schubert las selbst beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2020 ihre Titelerzählung Vom Aufstehen vor. Die Schriftstellerin und Psychologin bekam den Preis zuerkannt; mit achtzig Jahren als bisher älteste Preisträgerin.

Vom Aufstehen hat nichts zu tun mit der gleichnamigen linken Sammlungsbewegung „Aufstehen“. Eigentlich wollte die Autorin die Geschichte „Das achtzigste Jahr“ nennen, in Anlehnung an Ingeborg Bachmanns kanonisierte Erzählung Das dreißigste Jahr (1961). Doch sie befürchtete sich bei der Bachmannpreisjury so anzubiedern. Die Autorin zieht in Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten vielschichtig, zuweilen sentimental eine Lebensbilanz:


„Ich habe so viele Ursprünge, meine Wurzeln schleppe ich als Drachenschwanz verborgen immer mit mir: Im Krieg in Westberlin, als es noch nicht das Westberlin war, geboren, im Seitenflügel in der Großbeerenstraße, im Hochparterre, in Kreuzberg in der Wohnung meiner Eltern, aber mein Vater war schon weg, als Soldat im Krieg, und bald war er tot.“ (S. 117f.)


Sie widmet sich vor allem auch dem mehr als zwiespältigen Verhältnis zu ihrer Mutter. Mutter und Tochter flohen im Zweiten Weltkrieg alleine aus dem zerbombten Berlin. Als einziges Kind ihrer Mutter - eine Volkswirtin, Bibliothekarin und Kriegswitwe - wird die Ich-Erzählerin von dieser zeitlebens angepumpt:


„Sie häuft trotz ihrer vier Renten Schulden auf, und ich weiß nicht, wie ich die alle bezahlen kann.“ (S. 192)


Auch sonst nennt ihre Mutter die Ich-Erzählerin manchmal „Mutti“. Wenn Helga Schubert selbst vom komplexen, wenig liebevollen Verhältnis zu ihrer Mutter erzählt, spricht sie von sich in der dritten Person „die Tochter meiner Mutter“ (S. 146). Wahrscheinlich schafft sie so für sich mehr Klarheit über ihre Rolle des Kindes.

Der literarische Stil der Autorin erinnert mitunter an den des Tagebuchs. Eine autobiographische Grundierung eint so alle Geschichten. Meist aus der Ich-Perspektive geschrieben, betitelt Schubert ihre Episoden mit Meine Heimat, Mein Winter oder Alt sein. Pointen werden mitunter offen gelassen. So endet die Erzählung Mein idealer Ort mit den Sätzen:


„Ein Jahr lang bezahlte meine Mutter mir den Unterricht bei einer Pianistin, bis diese mich zu einem Vorspiel einlud und danach zu meiner Mutter sagte: Ihre Tochter hat Gefühl für Musik, sie hat in diesem einen Jahr gute Fortschritte gemacht. Da bezahlte meine Mutter den Unterricht nicht mehr. Ich musste aufhören.“ (S. 12)


Helga Schubert gibt ihren Lesern in den Erzählungen mitunter Sinnsprüche an die Hand. So erinnert sie sich an den Ausspruch eines Studenten ihr gegenüber, „Von Angst zu reden macht Mut.“ (S. 30). Die Ich-Erzählerin hatte zuvor Anfang September 1989 in einer Fernsehdiskussion in Westberlin erklärt, dass sie im Staat DDR Angst habe. Schubert, 1940 in Ostberlin geboren und aufgewachsen, schreibt über das Eingesperrtsein in der DDR. Ähnlich wie die auch hierzulande populäre französische, ebenfalls 81jährige Schriftstellerin Annie Ernaux betrachtet Schubert sich und ihr Denken in ihrer Zeit. Dabei hinterfragt sie sich bisweilen erfrischend selbstironisch; auch ihre eigene Rolle als Autorin:


„Ist es nicht anmaßend, sich so ernst zu nehmen? Woher kommt die Überzeugung, gerade diese Begebenheit könnte auch nur einen einzigen Leser, eine einzige Leserin aufhorchen lassen? Woher kommt die Kraft, um die Aufmerksamkeit dieser anderen Menschen zu bitten, ihre Zeit und ihr Interesse zu beanspruchen?“ (S. 214)


Helga Schubert hat heute nachweislich eine breite Leserschaft für ihre mal mehr und mal weniger geistreichen und unterhaltsamen Memoiren gefunden.


Ansgar Skoda - 23. November 2021
ID 13316
dtv-Link zu Helga Schuberts Erzählungen-Band Vom Aufstehen


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