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Roman

Große Bots

weinen nicht





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„Nur der menschliche Geist ist zu dem Gedankensprung fähig, der Genialität ausmacht. Aber seien wir ehrlich, welcher menschliche Geist ist schon genial? Die meisten nicht, und sie brauchen auch keine Genialität. Was sie brauchen, sind Instruktion und Information. Und das würde diese Maschine ermöglichen.“ (Jeanette Winterson, Frankissstein, S. 373)

*

Passt der Mensch noch zur Technik? Wie werden menschliche Qualitäten erfasst, wenn der Menschheitstraum kunstfertige Intelligenz erschafft? Was wird aus menschlichen Beziehungen und Gefühlen, wenn die Bots kommen? Was ist Realität, wenn neben unendlichen Rechenleitungen der Maschinen auch Zeitschleifen möglich werden? Regieren bereits die Technokraten? Die Britin Jeanette Winterson wagt mit Frankissstein (Original Frankissstein: A Love Story, 2019) einen Blick in eine technologisch fortgeschrittene Zukunft. Bots dienen dem Menschen als Sexroboter und als Lebensbegleiter. Der Mensch versucht sich mit technischen Mitteln einen Traum vom ewigen Leben zu erfüllen.

Winterson springt zwischen den Zeitebenen. Sie erzählt in ihrem geistreichen und phantastischen Science-Fiction-Roman zugleich auch von der britischen Schriftstellerin Mary Shelley (1797-1851) und deren Schöpfung Frankenstein (1818). Wintersons Hommage an Shelleys Meisterwerk verarbeitet Zitate aus Frankenstein und anderen literarischen Werken. So berücksichtigt Frankissstein nicht nur Muriel Sparks 1951 erschiene Biographie zu Mary Shelley. Auch Ovids Metamorphosen, Gedichte von Emily Dickinson und Lyrik von Shelleys jung verstorbenem Ehemann, Percy Bysshe Shelley, werden zitiert und dienen als intertextuelles Verweissystem.

Wie es dazu kam, dass Mary Shelley in jungen Jahren ihr düsteres und wegweisendes Hauptwerk schrieb, fasziniert seit jeher. Erst 2017 verfilmte Haifaa Al-Mansour mit US-Staraufgebot die Entstehung von Shelleys Werk als recht romantische und konventionelle Künstlerbiografie Mary Shelley. Ähnlich wie Al-Mansour legt die vielfach preisgekrönte Jeanette Winterson Shelley als Protagonistin an, betrachtet sie in einer recht misogynen Gesellschaft, zieht Parallelen zwischen Romaninhalt und dem Leben der Künstlerin und nimmt mitunter eine feministische Perspektive ein. Mary Shelley hält sich als junge Frau zu Anfang von Frankissstein mit ihrem Liebhaber Percy auf dem Landsitz Lord Byrons am Genfer See auf. Das vertraute Beisammensein fördert den Austausch zu Vorstellungen von der Welt, von Werten, von Geist und Gesellschaft.


„Und ich erinnerte mich an unsere eingeschlossenen Tage am Genfer See, gefangen gehalten vom Regen, und daran, wie Byron und Polidori mir erklärten, wieso das männliche Prinzip aktiver ist als das weibliche. Keiner der beiden Männer schien in Erwägung zu ziehen, dass die Tatsache, dass einem jegliche Bildung verweigert wird, man von Rechts wegen das Eigentum eines männlichen Verwandten ist, sei es Vater, Ehemann oder Bruder, man kein Wahlrecht hat, und kein eigenes Geld, sobald man verheiratet ist, und dass man von jedem Beruf außer dem der Gouvernante oder der Krankenschwester ausgeschlossen ist, und einem jede Beschäftigung verwehrt wird, außer der als Mutter, Ehefrau oder Dienstmagd, und man Kleider tragen muss, die das Gehen oder das Reiten unmöglich machen, das aktive Prinzip einer Frau einschränken könnte.“ (S. 366)


Damit legt Winterson der historischen Person Mary Shelley als Romanfigur eine gesellschaftliche Analyse in den Mund, die in ihrer Gründlichkeit für 1818 verblüffend gewesen wäre und Shelley eher eine Zukunft als eine feministische Vorkämpferin – etwa wie ihre Mutter, die bekannte Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Mary Wollstonecraft (1759-1797) – anstelle einer bedeutenden Autorin der Romantik gewiesen hätte. Das eingeschränkte Vorstellungsvermögen ihrer überwiegend männlichen Mitdiskutanten provoziert Mary Shelley letztlich zu eigenem literarischen Schaffen.

Stil- und Perspektivbrüche kündigen in Frankissstein sich ändernde Zeitebenen an. Der Großteil des Romans wird nämlich zugleich auch aus der Ich-Perspektive des Arztes Ry Shelley im Großbritannien über zweihundert Jahre später erzählt. Der Transgender-Mann Ry lernt den seltsamen, aber renommierten Arzt Victor Stein kennen. Ry verhilft Victor mit menschlichen Körperteilen zu Experimenten mit menschenähnlichen Robotern. Der Trans-Mann verliebt sich bald in den undurchsichtigen KI-Experten. Roboterforschung und KI-Ethik werden thematisiert. Der Zerbrechlichkeit des Körpers wird die Dauerhaftigkeit künstlicher Intelligenz gegenübergestellt: „Jetzt sehe ich nur noch die Zerbrechlichkeit der Körper, die Karawanen aus Knochen und Gewebe.“ (S. 295) „So ein sanftes Wesen aus Schaltkreisen, Silikon und Drähten wäre genau das Richtige für mich.“ (S. 360) Wiederholt eingebaute fiktive Begegnungen zwischen Mary Shelley und Frankenstein, der Titelfigur aus ihrem Werk, dienen wirkungsvoll als Parallelebene.

Ein ständiger Wechsel der Zeitebenen erschwert die Lesezugänglichkeit, schafft aber auch einen besonderen Reiz. Auch andere fiktiv eingeflochtene Unterhaltungen, etwa zwischen Mary Shelley und Lord Byrons Tochter, der bedeutenden Mathematikerin Ada Lovelace (1815-1852) werden eingebaut. Das bemerkenswerte Werk, das es immerhin 2019 auf die Longlist des britischen Booker Preises schaffte, lässt aber auch andere historische Persönlichkeiten, wie Edward Wakefield zu Wort kommen. Wakefield, ein britischer Reformer (1774-1854), besucht im Mittelteil des Romans Victor Frankenstein im Londoner Bethlehem Royal Hospital. Winterson schafft über die Bewusstseinsströme dieser neuen Figur treffende Bilder von menschenunwürdigen Bedingungen in der Einrichtung und vom Aufbäumen gegen die Vergänglichkeit allen Lebens:


„Es erstaunt mich nicht, dass wir so viel trinken, und die Armen am allermeisten, sofern sie es sich leisten können. Elende Verhältnisse mögen die Schuld daran tragen, die Last der Arbeit oder der Drang nach Macht. Doch unser Wesen zappelt in unserem Körper wie in einem Krug gefangenes Licht, und unsere Körper winden sich in dieser Welt wie ein Lasttier, das sich am Joch wund reibt, und die Welt selbst hängt allein in ihrer Schlinge, aufgeknüpft zwischen den gleichgültigen Sternen.“ (S. 212)


Ansgar Skoda - 8. März 2020
ID 12061
Verlags-Link zum Roman Frankissstein


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