Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 2

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Unsere neue Geschichte (Teil 29)

Vielfalt

statt

Einfalt!?





Bewertung:    



Die „Ursünde des Kapitalismus“ ist für Florian Hurtig die Vertreibung der Menschen aus ihren Allmenden, in denen sie gemeinschaftlich naturnahe und nachhaltige Land- bzw. Waldwirtschaft betrieben und sich noch als Teil der Natur begriffen, mit der sie ein komplexes und stabiles Lebensnetzwerk bildeten. Die frühe Menschheit um 11.000 v. Chr. lebte in paradiesischen Zuständen, denn sie hatte vielfältige und reichliche Nahrung, musste sich gemeinsam wohl nur zwei Stunden pro Tag um die tägliche Nahrungsversorgung kümmern und lebte friedlich und gesund. Skelette und Zahnfunde aus dem Nahen Osten z.B. weisen keine Spuren von Mangelernährung oder Gewalteinwirkung durch kriegerische Handlungen in diesen frühen Kulturen aus. Eine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit war ihnen im Rahmen dieses ganzheitlichen Systems daher fremd. Doch mit dem Bau von Tempeln und Städten änderte sich das zusehends, und das egalitäre wurde durch ein hierarchisches Struktursystem ersetzt, in dem das Leben des überwiegenden Teils der Bevölkerung von der Obrigkeit und deren ausführenden Bürokraten bestimmt wurde.

*

Hurtig ist Permakulturdesigner, auf baumbasierte Polykulturen spezialisiert, und schildert in Paradise Lost – Vom Ende der Vielfalt und dem Siegeszug der Monokultur die durchaus zentrale Rolle der Ernährung in der Menschheitsgeschichte und zwar konkret aus der Sichtweise des „Urkommunismus“. In der Uruk-Zeit um 3.500 v. Chr. entzog man den Bauern und Bäuerinnen ihre Selbstversorgungsgrundlage und versklavte sie: „Sie mussten die Köpfe und die Körper der Menschen durchdringen – aus Individuen Zahnräder der Arbeitsmaschinerie formen“ (S. 74), schreibt er. Zwei Drittel der Bevölkerung der mesopotamischen Stadt am Euphrat war versklavt, arbeitete vielfach auf Feldern, und auch die Schuldensklaverei wurde etabliert, weil viele Menschen die hohen Getreidepreise nicht mehr bezahlen konnten. Es wurde die Schrift erfunden, weil die Buchhalter mit ihren Berechnungen sonst nicht nachgekommen wären. In den Stadtstaaten war auch der Mauerbau üblich, nicht nur zum Schutz vor Eindringlingen, sondern auch um die Versklavten an der Flucht zu hindern. Um den Export von Nahrungsmitteln und anderen Gütern berechnen zu können, wurden die Maße für Gewicht, Fläche und Strecke vereinheitlicht. Auch spätere Stadtstaatsgründungen wurden durch den Entzug der Selbstbestimmung und der Enteignung der Bauernschaft möglich, die nun in einem fremdbestimmten und lebensfeindlichen System Zwangsarbeit leisten mussten, das auf dem Anbau von immer weniger Pflanzen, vor allem Getreide, beruhte.

Später, im imperialen Rom, konnte auch die Apennin-Halbinsel den Ressourcenbedarf nicht mehr decken, denn, wie in den Kulturen zuvor, waren die Böden durch monokulturellen Ackerbau degradiert und die Holzvorkommen dezimiert, ein Muster, das sich bis heute durch die ganze Geschichte zieht. Der Mangel in Rom führte zu Eroberungskriegen, aber auch im restlichen Europa und Mittelmeerraum war das Bild des Schwundes natürlicher Ressourcen das gleiche. Kriege wegen Holz, Getreide und Bodenschätzen gab es schon seit den ersten Stadtstaaten. Und Kriege können nur mit Soldaten geführt werden, die auch ernährt werden können, wobei das lager- und transportfähige Getreide sehr geeignet war und entscheidend sein konnte. Es wurden in immer größerem Ausmaß Monokulturen angebaut und die zunehmende Auslaugung und Erosion der Böden führte zu signifikanten Ernterückgängen. Die Steuerung des Getreidemarktes wurde essentiell für die Machthabenden, Hurtig bezeichnet den Getreidepreis als „Fieberkurve der Geschichte“ (S. 117).

Durch die Ausbeutung der Menschen und Landschaft kam es immer wieder zu Bauernaufständen, sodass man expandierte und in die Kolonien auswich, was zur Entstehung des kapitalistischen Weltmarktes führte. Es ist unmöglich, Hurtigs detailreiche Ausführungen, die mit zahlreichen Quellen belegt sind, auch nur andeutungsweise im Rahmen einer Buchbesprechung wiederzugeben, sodass hier nur verkürzt einige Schlaglichter aufgeführt werden. Hurtig geht auf die großen Empiriker Francis Bacon und Thomas Hobbes ein, die im 16. und 17. Jahrhundert Staatstheorien verfassten. Sie deuteten z. B. die Hexenverfolgung als „Mittel der Aufstandsunterdrückung und der sozialen Kontrolle“ (S. 155), und alle natürlichen Heilmethoden und das Wissen dieser Kräuterkundigen sollte bewusst ausgelöscht werden. Die Vereinnahmung ging noch weiter: Der menschliche Körper sollte völlig unterworfen und der Mensch noch weiter entfremdet werden. Vorhersagbarkeit und Fernlenkung von einem Zentrum aus (S. 161) war das angestrebte Ziel. Ein Vertriebssystem mit diversen Zwischenhändlern wurde installiert, das dann auch eine entsprechende Überwachung nötig machte. Mit Getreidespekulationen wurden der Preis künstlich in die Höhe getrieben, der dadurch erschaffene Hunger, der sich nur auf die ärmeren Schichten auswirkte, als Disziplinierungsmaßnahme durchaus befürwortet.

Das spiegelte sich auch in den amerikanischen Kolonien wider. Nachdem die indigene Bevölkerung dezimiert war, reichte sie zur Feldarbeit nicht mehr aus. Es wurden Sklaven aus Afrika importiert. Die wurden völlig entwurzelt in ein fremdes Land deportiert, was aus Sicht des Kapitalismus idealtypisch war. Das Prinzip wirkte sich auf sämtliche Lebensbereiche aus. Selbst in den Schulen ging es nicht primär um Bildung, sondern um Entfremdung und Erlernung von Disziplin und Gehorsam. Das Gelehrte war ein Monowissen, das „zu mehr Arbeit, mehr Abhängigkeit und mehr Umweltverbrauch“ (S. 198) führte, während Reflexion und holistisches Denken zurückgedrängt wurden. Das kam der Industrialisierung sehr zu Gute, als Henry Ford und F. W. Taylor die industriellen Arbeitsprozesse noch weiter aufspalteten in kleinste Einheiten und Handgriffe, die oft im Sekundentakt zu vollbringen waren, wobei keine sozialen Kontakte unter den ArbeiterInnen mehr möglich waren. Die fatalen Auswirkungen für die Menschen und auf die Umwelt wurden dabei ignoriert.

George Orwell, der Kultautor von 1984, hat schlüssig dargelegt, dass die langjährigen Stellungskriege des Ersten Weltkrieges ohne die gesicherte Ernährung durch die Erfindung der Konservendose gar nicht möglich gewesen wären. - Die Entwicklung von Kunstdünger im 19. Jahrhundert führte auch zur Möglichkeit, Kampfstoffe herzustellen, die im Ersten Weltkrieg auch eingesetzt wurden. Fritz Habers gelungene Ammoniaksynthese wurde nicht nur in der Landwirtschaft eingesetzt, sondern auch zur Herstellung von Sprengstoff (S. 253). Auf den Getreidefeldern herrschte Krieg gegen die Natur und auf den Schlachtfeldern gegen die Menschen. Auch in der 1922 gegründeten Sowjetunion wurde eine „Monokultivierung der Gesellschaft und Landschaft“ (S. 260) erzwungen. Insgesamt führten die Strategien vieler Staaten zur übermächtigen Kontrolle über die Nahrungsmittel, das Saatgut und das Land, die nur noch unter dem Aspekt wirtschaftlicher Effizienz gesehen wurden. Die Nationalsozialisten teilten gemäß ihrer Rassenideologie auch das Saatgut in „minderwertig“ und „rein“ ein, sodass 90 Prozent der Sorten, die vor 1933 kommerziell gehandelt wurden, verloren gingen, und den Bauern und Bäuerinnen zusätzlich Abhängigkeit einbrachte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte die „Grüne Revolution“ unter dem Deckmantel der fürsorglichen Bewahrung vor Hungersnot eine zusätzliche „Flurbereinigung“ auf den Weg, die den Absatz vorübergehend steigerte, aber die Landschaft zerstörte. Zusätzlich wurden künstliche Konsumbedürfnisse geschaffen, Marketing hatte Hochkonjunktur. Heute gilt die „Grüne Revolution“ nach ihren eigenen Maßstäben als gescheitert (S. 335). Und heute beschränkt sich unsere Ernährung auf 0,05 Prozent essbarer Pflanzen (S. 340). 95 Prozent davon erzeugen wir mit nur 30 Pflanzenarten (S. 340f). Von den Katastrophen, die hybrides Saatgut und die damit erschaffene Abhängigkeit von Herbiziden, Pestiziden und Fungiziden ganz zu schweigen. Hurtig schlägt vor, dass die WissenschaftlerInnen raus auf Feld gehen und sich in den Dienst von Bauern und Bäuerinnen stellen, damit diese mit wissenschaftlicher Unterstützung die Artenvielfalt wiederherstellen können, denn es sind Pflanzen, gesunde Böden und vor allem Bäume, die CO2 binden können. Es gibt viele Initiativen, die sich für eine Agrarwende und die Ernährungssouveränität einsetzen. Aber die Konzerne arbeiten gezielt an weiteren Ausbeutungsmöglichkeiten. Mit noch nie gekannter Datensammlung wird beim „Precision Farming“ (S. 368ff) gearbeitet. Mithilfe von Überwachungstechnik und Künstlicher Intelligenz kann jeder Quadratdezimeter Land berechnet und manipuliert werden.

Selbst die Konzerne haben mittlerweile die Bedeutung der Mikroben für das natürliche Wachstum entdeckt, doch wer glaubt, dass sie nun umschwenken, um die natürlichen Vorgänge zu unterstützen, irrt. Sie arbeiten tatsächlich an der Produktion von Mikroben, die aber gen-manipuliert sind und mit denen man durch Patentierung Handel treiben könnte. In einem Patentantrag zu gentechnischen Veränderungen von Gemüse äußerte um 2006 Monsanto (heute Bayer) schon: „Dazu kommt die geringe Erfolgsrate bei den gentechnischen Manipulationen, der Mangel an präziser Kontrolle über das Gen... und andere ungewollte Effekte.“ (S. 348) Gelernt hat man daraus nichts, das Beharren auf Genmanipulationen wird fortgeführt.

Kein Wunder, dass Hurtig abschließend von einer "Idiokratie", einer „Herrschaft der Dummen“ spricht. Während der Aufbau von Agro-Forst-Systemen und schneller Anbau von Polykulturen und Humusaufbau nötig sind, wird von den einschlägigen Konzernen und ihren UnterstützerInnen weiter die Realität geleugnet. Insgesamt ist Hurtig ein (er)kenntnisreicher (Land-)Wirtschafts-“Krimi“ aus der etwas einseitigen, aber kraftvollen Perspektive des „Urkommunismus“ gelungen, der die derzeitigen Mechanismen in einen historischen Kontext setzt und damit verständlich und bewusst macht. Letztendlich ist eine 180-Grad-Wende nötig, um vielleicht den Planeten retten und die Menschen wieder in jenen paradiesischen Zustand versetzen zu können, bevor sie aus ihren Allmenden vertrieben wurden.


Helga Fitzner - 9. September 2020
ID 12450
Verlagslink zu Paradise Lost


Post an Helga Fitzner

Buchkritiken

Unsere neue Geschichte



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!



Vielen Dank.



  Anzeige:




LITERATUR Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Rothschilds Kolumnen

AUTORENLESUNGEN

BUCHKRITIKEN

DEBATTEN

ETYMOLOGISCHES
von Professor Gutknecht

INTERVIEWS

KURZGESCHICHTEN-
WETTBEWERB
[Archiv]

LESEN IM URLAUB

PORTRÄTS
Autoren, Bibliotheken, Verlage

UNSERE NEUE GESCHICHTE


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal





Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2024 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)