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„Die Musik begann. Aber es war gar keine Musik. Es war ein nebliges Chaos aus unvollständigen Harmonien, aus seltsam ungeformten Flächen. Ein Nichts. Eine Leinwand, auf der erst noch etwas entstehen musste. Als wartete die Welt noch darauf, erschaffen zu werden. Als würde man hier und jetzt noch einmal ganz von vorne beginnen. Am ersten Punkt der Schöpfung.“ (Oliver Buslau, Feuer im Elysium, S. 376)

*

So [s.o.] beschreibt der Musikwissenschaftler und Krimiautor Oliver Buslau die Neunte Sinfonie von Ludwig van Beethoven, als sie in Wien uraufgeführt wurde. In seinem Krimi Feuer im Elysium entführt er die Leserschaft in das historische Wien, in dem 1824 die Musikwelt gespalten ist. Rossinis Opern und die Walzer der Familie Strauß erfreuen sich großer Beliebtheit, doch Beethovens Musik ist anders, tiefschürfender, moderner. Da ist nicht mehr die gewohnte Ordnung drin, da ist nichts Gefälliges, keine Walzerseligkeit, sondern etwas Ursprüngliches, das aus der Tiefe von Beethovens Seele emporsteigt und Klang werden will. „Die Musik senkte sich als ganz eigene Kraft in die feinen Windungen der menschlichen Seele. Fern aller Sprache. Aber deutlicher als sie. Und daher mächtiger.“ (S. 322). Dabei ist Beethoven mittlerweile völlig ertaubt und kann seine Musik selbst nicht mehr hören. Buslau geht auch auf Beethovens Lebensgeschichte ein, z.B. dass er ein Befürworter Napoleons war und die Eroica für ihn schrieb, sich dann aber von ihm distanzierte. Er liebäugelte wohl auch mit revolutionärem Gedankengut, kam dann aber bei der Brüderlichkeit an, die in der Neunten besungen wird.

Der allmächtigen und strengen Zensur im Reich des Staatskanzlers Metternich ist Beethoven ein Dorn im Auge, denn er wird als revolutionär eingestuft. Aber die Sinfonie ist so neu, dass selbst gestandene Musiker bei den Proben immer wieder an ihre Grenzen stoßen, und weil es „nur“ Klänge sind, können die Zensoren keinen schriftlichen Beweis führen, dass es sich um etwas Umstürzlerisches und Gefährliches handelt. Darin vertont Beethoven auch noch einen Text von diesem grausigen Schiller, in dessen Dramen Räuber und Revolutionäre zu Helden werden und die natürlich verboten sind. Und weil einige von Schillers Zeilen in der Ode An die Freude abgemildert und gekürzt wurden, konnte nicht zensiert werden. Aus „Bettler werden Fürstenbrüder“ wurde „Alle Menschen werden Brüder“ und „Was der Mode Schwert geteilt“ zu „Was die Mode streng geteilt“. Beethovens Neunte wird also geprobt und steht kurz vor der Aufführung, was nur zu verhindern wäre, wenn ein Musikus ihren rebellischen Gehalt entschlüsseln und in Worte fassen könnte.

Buslau schildert authentisch die Atmosphäre in Wien zu jener Zeit und die Menschen, von denen etliche damals wirklich dort gelebt haben, wie viele der Adeligen, Musiker und Personen des öffentlichen Lebens, die dort genannt werden. Die Autoritäten echauffieren sich, weil ein Dichter wie Goethe in Thüringen Minister werden konnte, undenkbar in Wien. Da lässt man einen begnadeten, aber schwerkranken und verarmten Musiker wie Franz Schubert lieber im Elend leben. Wien ist ein Spitzelstaat geworden, wo jeder jeden überwacht, denunziert und wenn man nichts Konkretes hat, wird halt etwas erfunden. Die Gefängnisse und ein Hospital für Geisteskranke sind ein einziges Grauen und die Obrigkeit regiert mit eiserner Hand. So etwas wie die Französische Revolution will man hier nicht mehr erleben und die Feudalherren haben sich weitgehend ihre Macht zurückgeholt. In einer riesigen Behörde werden zahllose Dokumente und Karteikarten aufbewahrt und gesammelt, es wird alle Post überwacht, Verdächtiges kopiert, und die Auskünfte von einem Heer von Spitzeln zusammengefasst und ausgewertet. Vor diesem Hintergrund entwickelt Buslau die fiktiven Geschichten und erfundenen Charaktere zwei gegensätzlicher Figuren.

Sebastian Reiser hat gerade seine Anstellung als Gutsverwalter in Niederösterreich verloren hat, nachdem sein Herr, der Edle von Sonnberg, und sein Vater, der Gutsverwalter Reiser, bei einem Unfall ums Leben kamen. Alle Versprechungen, dass der junge Reiser in die Fußstapfen seines Vaters treten kann und am Ende vielleicht sogar die Tochter des Edlen heiraten darf, sind von einem Tag auf den anderen zunichte gemacht. Reiser hat nur 30 Gulden in der Tasche, was in ihn Wien nur für kurze Zeit über Wasser hält. So nimmt er eine Tätigkeit als Konfident an, als Spitzel, denn er ist von seinem Edlen immer gefördert und gut behandelt worden und will zur Ordnung beitragen. Sein alter Geigenlehrer Piringer übt mit ihm auf der Bratsche die Neunte Sinfonie, weil es nicht genug Bratschisten gibt, die mit der neuen Art der Musik umgehen können. So wird Reiser Teil der Orchesters und soll es bespitzeln. Das steht in krassem Gegensatz zu dem Gefühl, das die Musik evoziert, die von einem Ende der Kämpfe und der Brüderlichkeit aller Menschen träumt und eine neue Zeit einläuten will. Geht es nach der utopischen Vision, dann wird sich die Welt nach der Premiere in eine neue und gerechte umformen. Zumindest arbeitet Buslau auf diesen Höhepunkt hin. Piringer warnt seinen Schüler Reiser vor der Spitzelei. Er soll die Musik nicht in Worte übersetzen: „Musik ist das Reich, in dem wir frei sind. Und in dem wir frei bleiben wollen.“ (S. 381) Reiser hat auch in der Tat nichts Negatives über Beethoven und sein Umfeld zu berichten. „Das war wohl der Schlüssel, den Beethoven entdeckt hatte. Musik konnte all die Pamphlete, all das Disputieren über eine Verfassung und all die Paragrafen, die sie enthalten sollte, das ganze taktierende Herumdrehen von Wörtern und Begriffen durch etwas Besseres ersetzen, etwas Reineres, Klareres als die Sprache.“ (S. 414)

Ganz anders sieht der Revolutionär Theodor Kreutz die Lage, er will die Welt von den Tyrannen befreien und setzt auf gewaltsamen Umsturz, denn freiwillig wird der Adel seine Privilegien und die Unterdrückung der Bevölkerung nicht aufgeben. Während Reiser mit zunehmendem Unbehagen der bestehenden Ordnung dienen will, um das Gut und die geliebte Frau zurückzugewinnen, sucht Kreutz nach gewaltbereiten Umstürzlern. Während Kreutz seiner radikalen Gesinnung treu bleibt, erkennt Reiser allmählich, dass er zum Spielball der Mächtigen geworden ist, die ihn absichtlich in Widersprüche verwickeln, um Druck auf ihn auszuüben. Reiser recherchiert trotzdem in eigener Sache weiter: Sein Vater war in seiner Jugend unwissend in einen Anschlag auf Beethoven verwickelt und es verhärten sich die Anzeichen, dass der Unfall des Edlen und seines Vaters ein Attentat war, und es mörderische Elemente gibt, die womöglich gar nicht aus der Reihe der Studentenschaft kommen. So ist er mitten drin, mehr oder weniger auf sich allein gestellt, und muss ein schier unlösbares Rätsel lösen.

* *

Am Ende wird die Neunte uraufgeführt und die Welt hat sich nicht geändert. Im Nachwort erinnert Buslau daran, dass diese Sinfonie nach dem Fall der Berliner Mauer gespielt wurde. Vielleicht war 1824 noch zu früh, 100 Jahre später 1924 befand sich Deutschland zwischen zwei Weltkriegen. Aber wer an Utopien glaubt: Vielleicht klappt es ja bis 2024. Wer weiß, ob wir dann schon zurückschauen und die Welt der Brüderlichkeit erschaffen haben. Der Text ist da, die Musik ist da, die Zeit ist reif. Und was sind schon zweihundert Jahre? Ein Wimpernschlag im Angesicht der Ewigkeit.


Helga Fitzner - 23. April 2020 (2)
ID 12181
Link zu Feuer im Elysium von Oliver Buslau


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