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Roman

Den Wasserfall

hinauf

schwimmen





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In einem Büchlein von gerade mal 200 Seiten schafft es der kanadische Journalist und Literat Éric Plamondon einen düsteren Krimi-Thriller zu erzählen und gleichzeitig in journalistischer Dichte und Kürze relativ tief in die reale Geschichte einzutauchen. Der Ausgangspunkt des mehrfach preisgekrönten Buches Taqawan ist ein historisches Ereignis vom 11. Juni 1981 im kanadischen Québec, als die Polizei in das Indianerreservat Restigouche einmarschierte und die Fischernetze der Ureinwohner vom Stamm der Mi’gmaq zerstörte. Es ist der 15. Geburtstag des fiktiven indigenen Mädchens Océane, deren Leben an diesem Tag eigentlich gefeiert werden sollte, denn sie hatte am Morgen ihre erste Regelblutung und ist damit zur Frau geworden. Doch als der Schulbus die Mi'gmaq-Kinder zum Reservat zurückfahren will, wird er an der Brücke angehalten, weil der Überfall auf die Indianer noch nicht beendet ist. Später findet der ehemalige Ranger Yves Leclerc Océane im Sumpf. Sie wurde von drei Männern vergewaltigt, und weil diese Polizisten waren, nehmen Leclerc und der Indianer William die Dinge in ihre eigene Hand. Denn vor den Angehörigen der First Nation haben die Weißen keine Achtung, und die Aussage eines Indianermädchens gegen drei Polizisten hätte keine Chance. Plamondon zeigt ungeschönt die brutale Gewalt - auf beiden Seiten.

Vor ungefähr 10.000 Jahren begann die Besiedelung der Ostküste Kanadas über die Beringstraße, erfahren wir. Heute kann man anhand von DNA-Analysen nachweisen, dass die frühen Hominiden aus Asien stammten. 1496 eroberten die Engländer das Gebiet und gewannen später den Krieg gegen die konkurrierenden Franzosen. Heute ist die Mehrheit in Quebec immer noch französischsprachig, innerhalb von Gesamtkanada sind die Franzosen aber in der Minderheit, und es klingt an, dass die französischstämmige Bevölkerung diese Schmach noch nicht verwunden hat und an den Indianern auslässt. Denn es stand 1981 eine Verfassungsreform an, die die Indianer als eigene Völker anerkennen wollte und die 1982 auch in Kraft trat, was die Quebecer Nationalisten aufbrachte. Die kolonialistische Sichtweise muss die Indianer als „Wilde“ einstufen, weil damit der vorangegangene Genozid an ihnen „gerechtfertigt“ wird. Die dreifache Vergewaltigung eines Indianermädchens ist demnach das, was sie verdient. Auf solchen menschenverachtenden Einstellungen der „Sicherheitskräfte“ geschehen insgesamt die Ausschreitungen gegen die Indianer: „Die Menschlichkeit verschwindet Stück für Stück. Im Eifer des Gefechts schaltet sich der Verstand aus. Befehle müssen, ohne nachzudenken, befolgt werden“ (S. 17), erklärt Plamondon einen Grund für das harte Vorgehen. Diese kolonialistische Überzeugung bringt Océane und Leclerc sowie die französische Lehrerin Caroline, die sich um das Mädchen kümmert, in Gefahr. Die Zusammenhänge sind komplex, denn durch den mehr oder weniger freiwilligen Beischlaf mit Indianerinnen kamen auch Kinder zur Welt: „In Québec haben wir alle Indianerblut. Entweder in den Adern oder an den Händen“ (S. 98) oder „Kolonialismus ist ein bisschen wie ein Lachs. Du kannst ihn im Meer aussetzen, aber er schwimmt immer dahin zurück, wo er hergekommen ist“ (S. 123), lauten dort lakonische Sprüche.

Die Gaspésie-Halbinsel ist wunderschön, und dort gibt es wunderbare Landschaften und Flüsse, durch die einmal im Jahr Unmengen von Lachsen stromaufwärts schwimmen, um in ihre Laichgründe zurückzukehren. Was die Lachse befähigt, selbst Wasserfälle hinauf zu schwimmen, ist bis heute nicht ganz geklärt. Ein Taqawan ist ein Lachs, der diese Reise das erste Mal antritt und dieses physikalische Wunder vollbringt. Ein Traum für Touristen, die dort zum Freizeitvergnügen mehr Lachse fischen dürfen als die Mi'gmaq. Die Indianer fangen nur so viel, wie sie um Überleben brauchen, und der Kampf um den Lachs war 1981 auch so verzweifelt, weil sie ohne die Fische vor allem die harten Winter nicht überstehen würden. Die Zerstörung ihrer Fischernetze war ein Anschlag auf ihr Leben. Insgesamt müssen die Ureinwohner die gleiche Unmöglichkeit begehen wie die Lachse und den Wasserfall stromaufwärts schwimmen, um zu ihrem Recht zu kommen. (Dass die First Nations bis heute keine Gleichbehandlung erfahren, sah man 2016 in Standing Rock in den USA).

Plamondon lässt die Leserschaft durch die Schaffung des fiktiven Anthropologen Pesant an dessen Geschichtsexkursen und Kenntnissen über die politischen Verhältnisse teilhaben. Die unterschiedlichen Interessen werden meist auf dem Rücken der First Nation ausgetragen, die keine Lobby haben. Der kanadische Premierminister Pierre Trudeau (1910-2000) stammte aus Quebec und versuchte die englischen und französischen Bevölkerungsschichten zu vereinen. Das klappte nicht so ganz bei den Menschen, denn einige Franzosen wollten die Unabhängigkeit, aber die „Kanadische Charta der Rechte und Freiheiten“ verankerte zumindest gesetzlich englisch und französisch als Amtssprachen sowie die Rechte von Minderheiten, darunter die der Ureinwohner.

Die Geschichte wird von 1981 an auch in die Gegenwart erzählt. Wir erfahren, was aus Océane wird, was sich hinter Taqawan noch verbirgt, und dass der mühselige und langwierige Rechtsweg vielleicht am Ende doch erfolgreicher als Gewalt sein mag. Die Weisheit zum Schluss ist die, dass „die Macht der einen auf der Resignation der anderen beruhte... Man (kann) mühelos einen Pfeil entzweibrechen... aber bei einem Bündel aus vielen Pfeilen ging das nicht mehr.“ (S. 195) Mit diesem Aufruf zum Zusammenhalt endet das Buch: „In einem wiederkehrenden Traum sagt William..., dass die Zeiten vorbei sind, in denen wir uns mit schlichtem Überleben begnügen konnten. Ab jetzt müssen wir anfangen zu leben.“ (S. 198)


Helga Fitzner - 27. Oktober 2020
ID 12560
Verlagslink zu Taqawan von Éric Plamondon


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