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Buchkritik

Ende ohne Wende





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„Der Energieverbrauch wird weltweit weiter steigen. Schon heute lebt in China und Indien jeweils ein Sechstel der Weltbevölkerung. Trotzdem beträgt Indiens Energiebedarf nur ein Zwanzigstel der weltweiten Menge. Europa verbraucht fünfmal so viel. Dieses Ungleichgewicht wird sich allerdings mittelfristig relativieren. Dazu tragen das zu erwartende Wirtschaftswachstum Indiens, der zunehmend verbesserte Zugang zur Elektrizität für die Bevölkerung, der ansteigende Stromanteil am Energieverbrauch sowie die fortschreitende Urbanisierung bei.“ (Isa Ryspaeva und Jens zum Hingst in energie.wenden, S. 42)

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Strom und Heizung scheinen uns heute selbstverständlich. Doch der gewohnheitsmäßige Gebrauch täuscht darüber hinweg, dass unsere Ressourcen endlich sind. Um einen fatalen Klimawandel mit weiter steigenden Temperaturen, stärkeren Klimaschwankungen und mehr Extremwetterereignissen zu verhindern, ist eine globale Energiewende verbunden mit einem zukunftsfähigen Energiebewusstsein der Bürger nötig. Herausforderung der Energiewende ist es, mittels erneuerbarer Energien die Energieversorgung atomfrei und mit deutlich weniger Kohlendioxidemissionen zu gestalten. Die Potenziale von Wasserkraft, Sonnen-, Wind- und Bioenergie scheinen vorhanden und die Kosten für erneuerbare Energien und Speicher sinken weiter. Trotzdem gilt die Energiewende als ein komplexes und facettenreiches Jahrhundertprojekt.

Noch bis zum 19. August lädt das Deutsche Museum in München zur partizipativen Sonderausstellung energie.wenden ein, bei der grüne Ideen der ganzen Welt, Zukunftsvisionen und wissensvermittelnde Schauobjekte vorgestellt und die Besucher zu Rollenspielen angeleitet werden. Im Ausstellungskatalog energie.wenden – Chancen und Herausforderungen eines Jahrhundertprojekts, herausgegeben von Christina Newinger, Christina Geyer und Sarah Kellberg, beschäftigen sich Wissenschaftler nun in kurzen Essays mit der Energiegeschichte, Innovationen in der Energietechnik und Möglichkeiten im Bereich Energie:


Patrick Kupper verweist darauf, dass man sowohl im Englischen wie im Französischen nicht von einer Energiewende, sondern von einem Energieübergang (energy transition) spricht. Übergänge ereignen sich jedoch; Wenden werden bewusst angestrebt. Aufgrund dieses Bedeutungsunterschiedes spricht man nun auch im Englischen mittlerweile von der "German Energiewende", die Deutschlands Vorreiterrolle bei diesem Thema betont. In Deutschland deckten schon 2015 knapp ein Drittel des Stromverbrauchs die regenerativen Energien ab. Dabei bilden hier besonders Windenergieanlagen an Land (Onshore-Anlagen) sowie Solarenergie- und Biomasseanlagen die wichtigsten Säulen der Stromversorgung.

Markus Vogt, der sich in seinem Beitrag mit der ethischen Bewertung der Atomenergie beschäftigt, betont, dass Deutschland seine Vorreiterrolle für die Energiewende konsequenter und transparenter umsetzen sollte. Die Reaktorunfälle in Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) waren nukleare Katastrophen unvorhergesehenen Ausmaßes. Doch der Glaube an die Sicherheit der Atomenergie scheint keineswegs besonders erschüttert, da viele Industrienationen Atomenergie weiterhin mit Fortschrittssymbolik verknüpfen. Polen, die Ukraine, Frankreich, Großbritannien oder die Türkei setzen weiterhin auf Atomstrom. Polen begründet dies damit, dass es sich die Energiewende – anders als Deutschland – nicht leisten könne. Eine drastische Erhöhung der Versicherungssumme für Atomkraftwerke könnte vielleicht eine Revision der Energie- und Wirtschaftspolitik fördern.

Karen Pittel problematisiert, dass die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, Erdöl und Erdgas nicht nur Schadstoffe freisetzt, die Natur und Mensch belasten, sondern auch die verschiedenen Weltregionen sehr unterschiedlich treffen wird: „Ethisch besonders problematisch ist, dass gerade jene Regionen besonders stark betroffen sind, die wenig zum Klimawandel beigetragen und damit auch kaum vom vergangenen Energieverbrauch profitiert haben.“ (S. 26) Viele Länder versteuern den Verbrauch fossiler Energieträger allerdings bis heute nicht über Emissionssteuern, sondern verbilligen ihn durch Subventionierung, erklärt die Volkswirtin. Hier müsse etwa durch internationale Institutionen ein größerer strategischer Anreiz für Staaten geschaffen werden, sich am Klimaschutz zu beteiligen, überlegt Pittel. Zudem gehören der Verkauf von Erdöl für Nigeria, Saudi-Arabien oder Russland zu den wichtigsten staatlichen Einnahmequellen, betont die Professorin vom ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München.

Mit nachwachsenden Rohstoffen als Teil der globalen Energiewende beschäftigt sich Matthias Gaderer in seinem Essay. Er stellt fest, dass die Realisierung von Innovationen neben den technischen Aspekten immer an wirtschaftliche Rahmenbedingungen gebunden ist. Isa Ryspaeva und Jens von Hingst beschreiben, wie eine aus technischer Sicht längst mögliche Elektrifizierung aus Erneuerbaren die Energiewende voranbringen könnte. Eine Stromversorgung, die weitgehend auf erneuerbaren Energien beruht, ist in vielen Staaten wie beispielsweise Norwegen und Costa Rica bereits in hohem Maße realisiert, so die Autoren.



Beim Lesen der Beiträge wird deutlich, dass das Thema Energie uns alle betrifft und bewegen sollte. Allein in Deutschland sterben jährlich etwa 7.000 Menschen an verkehrsbedingter Luftverschmutzung; mindestens doppelt so viele wie durch Unfälle. Im Schwerpunkt Themenräume werden zehn Quellen der Energiegewinnung, Speicherung und Verteilung detailliert und verständlich vorgestellt. Neue Mobilitätskonzepte durch die Möglichkeiten im Web wie Carsharing oder Fahrradleihsysteme, mögliche Anreize für den Kauf von Elektrofahrzeugen oder eine energetische Gebäudedämmung sind weitere lesenswerte Schwerpunkte des informativen und anregungsreichen Fachbandes, der sein anspruchsvolles und komplexes Thema durch eine insgesamt recht ansprechende Gestaltung mit zahlreichen großformatige Farbfotos und Grafiken auflockert.


Ansgar Skoda - 13. Januar 2018
ID 10469
Link zum Verlag: https://www.oekom.de


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