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Erzählungen

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Erzählbände haben es mitunter schwer auf dem Buchmarkt, da sich Romane in der Regel größerer Beliebtheit erfreuen. Renommierte Literaturpreise, wie der deutsche Buchpreis des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, werden in der Sparte Belletristik traditionell auch nur an Romane vergeben. Junge Autoren werden regelrecht von ihren Verlagen davor gewarnt, Erzählbände zu veröffentlichen. Benedict Wells wagte es nun nach vier erfolgreichen Romanen. Er veröffentlichte mit Die Wahrheit über das Lügen (2018) zehn unterschiedlich lange Erzählungen aus den letzten zehn Jahren seines Lebens.

Dem 35jährigen deutsch-schweizerischen Schriftsteller sind fein beobachtete, eigenwillige und überraschende Geschichten gelungen. Die Wanderung, die erste und jüngste Erzählung des Bandes, schafft eine Spannung durch das subjektive Zeitempfinden des Protagonisten, das nur bedingt mit dem seiner Umwelt korreliert. Die in ihrer Geschwindigkeit etwas konstruiert erscheinende Geschichte handelt von verpassten Chancen eines Vaters. Auch Hunderttausend, die letzte Erzählung des Bandes, erzählt von einem enttäuschenden Vater-Sohn-Verhältnis. Diesmal ist es jedoch der Sohn, der zu erkennen lernt, dass sein Vater ihm nie die Nähe geben konnte, die er sich schon als Kind sehr gewünscht hat. Die mutige Konfrontation des Vaters in einer Extremsituation birgt dann mindestens eine kleine Überraschung. Die Kurzgeschichte Das Grundschulheim beschreibt eine aufgezwungene, sich jedoch rasant intensivierende Gemeinschaft zwischen Kindern in einem Jugendheim. Diese Gemeinschaft zerbricht überraschend ebenso plötzlich mit dem Austritt der Jugendlichen aus dem Heim, was der Erzählinstanz zu denken gibt. Auch Ping Pong handelt von zwei jungen Männern, die unvorbereitet gemeinsam in eine Zwangsgemeinschaft geraten. Sie lernen auf beengten Raum mit einer intensiven Nähe zueinander umzugehen, die sie auch nach der endgültigen Trennung noch lange verfolgt. Eindrücklich konfligieren hier oft der Wunsch nach Nähe und Gemeinschaft und der Freiheitsdrang der Figuren.

Wells dienten zwei Erzählungen aus Die Wahrheit über das Lügen als Vorarbeiten für seinen Roman Vom Ende der Einsamkeit (2016), der mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Von diesen beiden bleibt vor allem Die Nacht der Bücher in Erinnerung. Sie illustriert ein lebendiges Eigenleben alter Bücher in einer Bibliothek am Heiligabend. Vom Preis bibliophiler Hingabe erzählt auch eine der unterhaltsamsten und witzigsten Geschichten des Bandes. Die Muse schildert glückliche und schöpferisch-eingebungsvolle Tage einer in Armut und Einsamkeit lebenden Autorin namens Margo. Von einer Muse geküsst genießt Margo extensive Höhenflügen, gerät jedoch bald in einen schwerwiegenden Gewissenskonflikt. Die inspirierende Muse verrät Margo, dass sie verschwinden könnte, wenn die Autorin ihre Eingebungen verschriftlicht.

Die Titelgeschichte des Erzählbandes ist zugleich auch die mit Abstand längste. Das Franchise oder: Die Wahrheit über das Lügen erzählt die Entstehungsgeschichte zum Film-Franchise Star Wars unter völlig anderen Vorzeichen neu. Der US-amerikanische Produzent, Drehbuchautor und Regisseur George Lucas lehnte es nach zahlreichen Vorarbeiten und Interviews doch ab, einen Filmkritiker und Ghostwriter seine Biographie schreiben zu lassen. Finanziell am Ende bringt sich dieser Filmkritiker nun mit Gelegenheitsjobs durch. Als Pizzabote tritt er in den seltsamen Fahrstuhl eines Fabrikgebäudes und wird hier prompt in das Jahr 1973 katapultiert. Er versucht sich nun in dieser neuen Wirklichkeit zurechtzufinden. Bald erkennt er, dass er aus seinen Vorwissen entscheidende Vorteile ziehen kann. Spontan überlegt er, George Lucas die Idee zu Star Wars wegzuschnappen. Die Wahrheit über das Lügen wird rückblickend aus einer Interviewsituation heraus erzählt und wartet mit einigen pointierten Wendungen und zahlreichen bekannten Namen auf. Wells erzählerische Finesse wird unter anderem deutlich, wenn er tempo- und detailreich schildert, wie der Fahrstuhl anfährt und die Gravitation durchbricht, bis er in der Vergangenheit Halt macht:


„Doch bevor ich begriff, was geschah, ging plötzlich die Tür zu. Der Aufzug rumpelte und ruckelte, das Licht ging aus. Wieder Rumpeln. Ich rief ein paar Mal um Hilfe, erst wütend, dann doch ein wenig ängstlich. Nichts. Stille. Plötzlich gab es einen gewaltigen Ruck, danach presste es mich auf den Boden, als würde der Aufzug mit irrsinniger Geschwindigkeit durch die Decke schießen. Die Dunkelheit verschwamm zu gleißend hellem Licht, das wiederum in Finsternis überging. Ich kauerte am Boden und schloss die Augen. Ich glaube, so in etwa fühlt sich sterben an.“ (S. 131)


Ansgar Skoda - 28. März 2019
ID 11309
Verlags-Link zu Die Wahrheit über das Lügen von Benedict Wells


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