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„Und er erblickte die rote Pyramide. Sie stand auf dem Roten Platz und nahm ihn zur Gänze ein. Die Pyramide vibrierte und verstrahlte ein rotes Rauschen. Wellenförmig ging es von ihm aus und überflutete alles ringsumher, wie ein Tsunami, bis hinter den Horizont, nach allen Himmelsrichtungen. Die Menschen versanken in ihm. Sie strampelten sich darin ab. Gehend, fahrend, stehend, sitzend, schlafend – Männer, Greise, Frauen, Kinder. Das rote Rauschen deckte sie alle zu.“ (Vladimir Sorokin, Die rote Pyramide, S. 25f.)

*

Die Farbe Rot hat in Russland eine besondere Bedeutung. Der zentrale Platz Moskaus, der direkt an den Kreml grenzt, heißt Roter Platz. Das Heer und die Luftstreitkräfte Sowjetrusslands nannten sich Rote Armee und hatten ein rotes Wappen und eine rote Fahne. Die Farbe Rot wird in Russland so oft auch mit der kommunistischen Ideologie assoziiert. Auch das Staatswappen von Russland liegt vor rotem Hintergrund. Es zeigt einen goldenen Doppeladler. An der Brust des Adlers befindet sich wiederum ein roter Schild mit einem Reiter, der einen Drachen mit einer Lanze tötet. In der russischen Staatsflagge schließlich mit den Trikolore in Weiß-Blau-Rot steht Rot für die Stärke und das Blut, das für das Vaterland vergossen wurde. Durch den Angriffskrieg auf die Ukraine hat sich Russland nun in der Tat mit viel Blut befleckt.

Einer der berühmtesten Schriftsteller Russlands sieht in seinem Erzählband Die rote Pyramide (2022) sprichwörtlich Rot. Vladimir Sorokin schreibt mit einer gewissen Dringlichkeit in starken Sprachbildern über Sündenstolz, Korruption, Brutalität und Gewaltbereitschaft in seiner Heimat. Sorokin gilt als einer der schärfsten Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der auch in Russland mehrfach preisgekrönte Schriftsteller und Dramatiker ist einer der wichtigsten Vertreter der russischen Postmoderne und des Moskauer Konzeptualismus. Er wurde in der Vergangenheit heftig von regierungsnahen Organisationen angegriffen, provozierte Kontroversen und wurde öffentlich diffamiert. Intellektuelle wie Sorokin sind in Russland heute sehr wichtig. So unterzeichnete der 66-Jährige vor kurzem einen Appell russischsprachiger Schriftsteller an alle russischen Menschen, innerhalb Russlands die Wahrheit über den Krieg gegen die Ukraine zu verbreiten.

Der studierte Ingenieur Sorokin lebt mit seiner Frau in der Nähe von Moskau, aber auch in Berlin. In aktuellen Artikeln deutschsprachiger Medien warnt er gerade davor, Putin für verrückt zu halten. Er betont, dass die Gefahr, die von Putin ausgeht, nicht zu unterschätzen ist. Der Gorki-Preisträger von 2010 behauptet aber trotzdem, Putins System werde zusammenbrechen. Der in Bykowo bei Moskau geborene Autor ist auch im deutschsprachigen Raum mit seinem Oeuvre populär. Mit Die rote Pyramide veröffentlichte der Kiepenheuer & Witsch Verlag jüngst neun von Andreas Tretner respektive Dorothea Trottenberg aus dem Russischen übersetze Erzählungen aus den Jahren 2002 bis 2018. Diese experimentellen, teils auch grotesken Kurzgeschichten drücken eine große Verzweiflung über die gesellschaftlich-politischen Verhältnisse in Russland aus.

Die Titelerzählung spielt mit dem Gefühl eines Protagonisten, fremdbestimmt zu werden und keine Entscheidungsmacht zu haben. In anderen Geschichten werden Lesende mit alltäglichen Zumutungen der harten Arbeit der Bevölkerung auf dem Land konfrontiert (Das schwarze Pferd mit dem weißen Auge). Sorokins Erzählungen stellen sich teils als Dialoge oder Monologe dar (Das Tuch). Die Sprache ist oft durchsetzt mit Kraftausdrücken, Wortwiederholungen oder poetischen Einschüben. Neben der oft bildhaften, bewusst auch syntaktisch falsch gesetzten Sprache, verblüfft teils auch die kontrollierte Typografie, etwa die Setzung der Dialoge und Ausrufe in Der Tag des Tschekisten. Einige Kurzgeschichten erscheinen recht voraussetzungsreich. So sollte man mit der russischen Geschichte und Kultur vertraut sein, um die verschiedenen Ebenen wirklich verstehen zu können. Lila Schwäne, die längste und komplexeste Erzählung des Bandes, arbeitet mit wechselnden Perspektiven und auch Textsorten (erst Lyrik, dann diffuser Dialog, schließlich Ausrufe).

In der unterhaltsamen Geschichte Der Fingernagel lädt eine Familie zwei befreundete Ehepaare und einige Verwandte zum Abendessen ein. Erst gibt sich die Hausherrin die Blöße und brüskiert eines der Ehepaare, dann kommt es im wahrsten Sinne des Wortes zu Mord und Totschlag. Schließlich verbaut sich auch das jüngste Mitglied der Abendgesellschaft endgültig seinen Weg.

Das Recht des Stärkeren scheint in Russland ausgemachte Sache. Bei Sorokin ist oft von „dem Patriarchen“ die Rede. Er unterdrückt die freie Meinungsäußerung, politische Widersacher, Frauen und Homosexelle. Er zettelt einen Krieg an, bereichert sich persönlich und baut sich mit diesen Einnahmen Paläste. Rechtliche Willkür, Korruption, Unmündigkeit und Mittel der Selbstbetäubung scheinen an der Tagesordnung. Oft verbindet sich bei Sorokin Gewalt mit Sexualität. In der letzten Erzählung des Bandes, Hiroshima, flüchten sich zwei junge Männer, der Tänzer Alex und der Webdesigner Nikola, in einen erotisch-schmerzvollen Rausch:


„Eng aneinandergeschmiegt fielen Sie aufs Bett und verflochten die Beine miteinander. Alex band Nikola den violetten Gürtel um den Hals, Nikola umwickelte Alex’ Hals mit dem schwarzen. Ihre geöffneten Lippen kamen aufeinander zu, ihre Zungen berührten sich. Sie begannen, einander zu würgen.“ (S. 186)


Doch die beiden koksenden Nackten sind bei weitem nicht die einzigen, die sich in Hiroshima in die Bewusstlosigkeit oder sogar den Tod würgen. Die rote Pyramide ist ein meist düsterer und einigermaßen verstörender Band, der viel Bitterkeit und Zorn über die aktuellen Verhältnisse in Russland preisgibt.


Ansgar Skoda - 4. Mai 2022
ID 13609
KiWi-Link zu Sorokins Roter Pyramide


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