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Fantasy

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ein Buch





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Es ist allein schon ein haptisches Erlebnis, das kleine Buch erweist sich als auffallend schwer, vorsichtig ziehe ich es aus dem beidseitig offenem Schuber. Titel und Illustration verschwinden, stattdessen wird mein Blick auf edles Marmorpapier gelenkt. Das Buch knackt leise beim Öffnen, die glatten Blätter gleiten durch meine Finger. Der Leinenbuchrücken kitzelt meine Handinnenfläche. Ich bin gespannt, was will mir das Buch über Die Künste des Dr. Incubus erzählen? Sieben farbige Illustrationen [von Angelika Pillous] lassen mich erahnen, was auf mich zukommt.

Der junge Student Eduard Ruysbroek zieht ins Zentrum von Amsterdam. Im alten Guldenhaus ist nur die Dachetage vermietet. Von oben schaut der eben Angekommene auf die Straße und erblickt eine junge Frau, die seine Sinne betört. Auch sie schaut zu ihm herauf, und um beide ist es geschehen. So einfach kann Liebe sein, wären da nicht Konventionen und Geldsorgen. Die schöne Maid kommt aus bester Familie, ist die Tochter des Staatsrichters Ramin von Termoulen. Und der Student ist, wie es sich für einen guten Studenten gehört, mittellos. Doch er verfügt über eine Erfindung, die sich in Rum und Geld umsetzen lässt, leider fehlen ihm hierzu nur die letzten Berechnungen. Nun wird deutlich, warum das Buch dem utopisch-phantastischem Genre zuzurechnen ist. Dr. Incubus, der geheimnisvolle Nachbar, hilft ihm auf seltsame Weise zum Ziel.


"Auf dem Korridore legte er ihm in plötzlicher Aufwallung die Hand auf die Schulter und sagte:
'Was ihr in meiner Gesellschaft vielleicht auch noch erleben mögt, junger Freund, glaubt nie an Wunder. Die gibt es nämlich nicht! Alles Beherrschen der Dinge und Personen heißt Wissenschaft, alles Beherrschtwerden Dummheit und Aberglaube. Tretet ein!'
Er ließ seinem Gaste den Vortritt.
Eduard Ruysbroek klinkte die Tür auf und trat in das Studierzimmer des Dr. Incubus. Aber er prallte fast im selben Augenblicke trotz der eben erhaltenen Warnung zurück.
Dort am Schreibtisch - den Rücken ihm zugekehrt – saß er ja selbst, der Doktor Incubus.
Er überzeugte sich durch einen Blick, dass die selbe Person auch gleichzeitig hinter ihm im Türrahmen stand."
(S. 43)



Dieser Doppelgänger steht Dr. Incubus zu Diensten, und auch dem Studenten stellt der seltsame Doktor ein eigenes Ich zur Seite. Durch die Doppelgängerschaft entstehen dunkle Verwicklungen. Als das Ego des Studenten nachts ins Haus des Staatsrichters und seiner schönen Tochter Elfriede eindringt, um für eine obskure Zauberei diesem eine Locke seines Haares abzuschneiden, wird er gefasst und des Mordes angeklagt. Elfriede, die begehrte Maid, gerät zwischen Eduard Ruysbroek und sein zweites Ego. Wem gehört ihre Liebe, wie kann sie ihre doppelten Gefühle händeln?

Doch vielleicht birgt die Hinrichtung des Egos die Chance, die beiden Ichs des Studenten wieder zusammenzuführen. So könnte er - nun wirtschaftlich abgesichert und wissenschaftlich anerkannt - um die Hand der Geliebten freien.

Während der Handlungsverlauf relativ banal daherkommt, ist die Umsetzung der bizarren Zusammenhänge überzeugend, phantasiereich und unheimlich umgesetzt. Hier liegt die eigentliche Stärke des Romans.

*

Nachdem das Geheimnis um Dr. Incubus gelüftet ist, gilt es nunmehr mehr über den weitgehend unbekannten Autor zu erfahren. Der Herausgeber Lars Dangel hat es sich zur Passion gemacht, Schriftsteller der letzten beiden Jahrhunderte neu zu entdecken. Der Roman erschien 1924 nicht als Buch, sondern, wie damals durchaus üblich, als Fortsetzungsroman, konkret in Heft 1 bis 6 der Zeitschrift Die Buchgemeinde, herausgegeben von Charlotte W. Schmidt.

Hermann Dreßler wurde 1882 in Leipzig geboren und arbeitete als Lehrer. Ein Foto im Buch zeigt ihn 1903 im Kreis seiner Kollegen. Die Details um sein Leben, seine literarischen Veröffentlichungen und deren Zuordnung hat Dangel akribisch recherchiert und lässt das Buch damit weit über die Grenzen eines Romans hinauswachsen. "Die enthüllende Biografie" und der Aufsatz zu "möglichen Vorlagen des Romans" bieten umfangreiche Ergänzungen, insbesondere die Ereignisse um den Ersten Weltkrieg und ihre Einflüsse auf den Autor, sind lesenswert. Eine weitreichende Auswahlbiografie des umtriebigen Dreßler ergänzt das Buch.

Herausgeber und Illustrator wollen mit der Publikation kein Geld verdienen, sondern das Buch im Preis erschwinglich halten. Bei einer limitierten Auflage von 90 Exemplaren, nummeriert und handsigniert von Herausgeber und Grafikerin, dürfte das Buch jedoch bald zum begehrten Sammlerobjekt werden. Lesen kann eben doch viel mehr sein als die reine Übermittlung von Inhalten.


Ellen Norten - 20. Januar 2021
ID 12701
Weitere Infos unter https://phantastik-literatur.de


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