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Roman

Im Elfenbeinturm

und um den

Elfenbeinturm

herum





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Die Grenzen unserer Sprache sind keineswegs die Grenzen unserer Welt. Es wäre töricht, das zu behaupten Und doch besteht das Geschäft der Literatur darin, so zu tun, als träfe dies zu. Das zeigt sich exemplarisch im Werk von Feridun Zaimoglu. Wenige Autoren fabulieren so ungehemmt wie er. Sein poetischer Absolutismus scheint aus der Welt gefallen. Blind vertraut er dem Wort und seiner Wirkung. In seinem Roman Die Geschichte der Frau tritt die ganze Herrlichkeit dieser Poetik zu Tage. Aber auch eine gewisse Selbstherrlichkeit des Dichters ist zu erkennen.

Im Vorwort gibt sich Zaimoglu als kämpferischer Romantiker. Die Männer, so ist dort zu lesen, hätten ihre Ruhmestaten in der Geschichte stets auf Kosten der Frauen erdichtet. Nun aber sei die Zeit reif für einen neuen großen Gesang, der die Lügen der Männer tilge. Endlich komme die Frau zu Wort. Das ist groß gedacht, vielleicht zu groß. Und doch passt die Emphase zur Radikalität dieses Autors, der sich nicht zufrieden geben will mit Halbheiten. Für den nur das Ein-und-Alles zählt, weshalb ihm bisweilen die feinen Unterschiede abhanden kommen. Eines jedenfalls steht fest: Zwischentöne sind Feridun Zaimoglus Sache nicht.

Man könnte Die Geschichte der Frau als einen Episodenroman lesen, wobei hier nicht dieselbe Person in unterschiedlichen Kontexten auftaucht, sondern jeweils neue Protagonistinnen dem Dunkel der historischen oder mythologischen Vergessenheit entrissen werden. Das verbindende Motiv dieser Geschichten ist die Geburt der weiblichen Rebellion aus dem Geist der männlichen Demütigung. Zaimoglu berichtet von den kritischen Wendepunkten im Leben seiner Heldinnen, indem er den beschädigten Kern der jeweiligen Figur in schonungsloser Intensität offenlegt. Etwa, wenn die Geschichte von Zipporah erzählt wird, der schwarzhäutigen Ehefrau von Moses, die im Jahr 1490 v.Chr. in die Wirren eines verheerenden Krieges der Männer verwickelt wird. Eine alttestamentarisch anmutende Bilderflut sorgt für ein ekstatisches Narrativ, das die ganze Gebrechlichkeit ihrer Existenz spürbar macht. Dabei schreibt sich Zaimoglu gelegentlich in eine poetische Raserei hinein, als wollte seine Sprache nicht mehr von dieser Welt sein.

Im Fortgang der Lektüre begegnet man bekannten und unbekannten Frauengestalten: Antigone oder Judith, der Jüngerin Jesu, der Walküre Brunhild oder Prista Frühbottin, die 1540 in einen Hexenprozess verwickelt wurde. Wie ein Stimmenimitator verändert Zaimoglu mit jeder Episode die tonale Färbung seiner Prosa. So erzählt er von Lisette Bielstein, der revolutionären Fabrikantentochter im neunzehnten Jahrhundert, von der Trümmerfrau Hildrun, der Gastarbeiterin Leyla oder von Valerie Solanas, die 1986 als Feministin zur Waffe griff. In diesen Episoden erweist sich der Autor regelrecht als ein sprachlicher Hexer. Am Ende fällt der Wirbel seiner wutentbrannten Vokabeln zu Boden wie Ascheflocken nach der Feuersbrunst.

Und doch ist diese Erregungsprosa kein l'art pour l'art. Zaimoglu nimmt die pervertierte Wirklichkeit nicht nur als Ästhet in den Blick. Aus jedem Satz spricht die Hoffnung, die versehrte Welt zu heilen. Das Dilemma dieses Autors allerdings besteht darin, mit seiner perfekten Sprache über die Sprache hinaus zu streben. Die Welt jedoch passt nicht zu dieser Perfektion. Und so klafft eine Fuge zwischen Werk und Welt, die sich kaum schließen lässt. Solange der Dichter danach strebt, die gebrechliche Wirklichkeit in absolute Poesie zu verwandeln, mündet seine Literatur zwangsläufig in ein Paradoxon. Dennoch sollte man Zaimoglus literarischen Eifer nicht vorschnell verurteilen. Denn auch ein Roman, der sich über den Skandal der Diskriminierung erregt, darf, ästhetisch betrachtet, erbaulich sein.



Jo Balle - 1. März 2019
ID 11254
Link zum Roman Die Geschichte der Frau


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