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Rassismuskritik

und ihr

blinder Fleck





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David Baddiels Twitter-Biografie besteht aus einem einzigen Wort: Jew. Dabei könnte sie weit mehr als nur eine Zeile umfassen. Der in New York City geborene Engländer lebt als Komiker, Autor und Moderator in Nordlondon. Er schreibt für Radio und Fernsehen, verfasst Romane und Kinderbücher. Er ist Genesis- und Bowie-Fan. Er bezeichnet sich selbst als „fundamentalistischen“ Atheisten. Und, was hierzulande wenig bekannt ist: Baddiel ist Co-Autor des weltbekannten Fußballsongs „Three Lions“ („It’s Coming Home …“).

Und doch verrät sein Twitter-Profil bereits viel über David Baddiel als Autor des Buchs Und die Juden?, das vergangenes Jahr im Hanser Verlag erschien. Der englische Untertitel bringt sein Thema gut auf den Punkt: How Identity Politics Failed One Particular Identity (zu Deutsch etwa: „Wie die Identitätspolitik eine bestimmte Identität im Stich lässt“). Genauer: Es geht darum, dass zwar regelmäßig Aufschreie der Empörung durch die Linke gehen, wenn marginalisierte und strukturell diskriminierte Personengruppen Gewalt und Hass erfahren. Doch wenn Juden:Jüdinnen betroffen sind, schweigen die selbsterklärten Antirassist:innen auffallend häufig.

Baddiel ist womöglich der erste, der diese ungemütliche Wahrheit so offen ausspricht, und er ist gewiss der erste, der ihr ein ganzes Buch widmet. Er schreibt unverblümt, bisweilen ein wenig provokant, doch indem er – wie Hemingway forderte – klar über das schreibt, was weh tut, macht er sich auch verletzlich. Damit kann sich der:die nichtjüdische:r Leser:in gut in ihn einfühlen, wenn er zum Beispiel über die von ihm postulierte Hierarchie der Rassismen schreibt, innerhalb derer die Diskriminierung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen schwerer wiege als die anderen. Juden:Jüdinnen würden in dieser Hierarchie weit unten rangieren. Antisemitismus in öffentlichem Leben, in den Medien und in der Kultur finde unter Linken oft gar keine Beachtung, so der Autor. Meist werde er totgeschwiegen oder schulterzuckend übergangen.

Beispiel: Als im Zuge der Black-Lives-Matter-Proteste Stimmen laut wurden, die die Darstellung Jesus‘ als weißer Europäer kritisierten, wurden Vorstöße gemacht, „Jesus als nichtweiß zu reklassifizieren“. Das findet Baddiel „gut und historisch korrekt“. Die jüdische Identität des nichtweißen Jesus fiel allerdings in den ganzen Debatten immer wieder unter den Tisch. Für den Autor eines von vielen Beispielen für #JewsDon’tCount.

Eine Erklärung für die ausbleibende Solidarität der progressiven Linken findet Baddiel in der Tatsache begründet, dass der Antisemitismus sich in einem Punkt von anderen Rassismen unterscheidet: Antisemit:innen schrieben Juden:Jüdinnen im Laufe der Geschichte sowohl einen hohen als auch einen niedrigen Status zu, und sie tun es nach wie vor. Baddiel nennt dieses Phänomen „Hoch-Niedrig-Dualität“ und meint damit das Phänomen, Juden:Jüdinnen als mächtige und einflussreiche Kapitalist:innen und/oder „Unterdrücker“ darzustellen und sie zugleich als minderwertige und schwache „Untermenschen“ abzuwerten. Für Baddiel ist und bleibt der Antisemitismus aber ein Rassismus, der wie alle anderen Rassismen benannt und bekämpft werden muss. Den von ihm Betroffenen wünscht er nicht mehr, aber auch nicht weniger als Empathie und Solidarität.

Sich mit den aktuellen identitätspolitischen Diskursen ein wenig auszukennen ist von Vorteil für die Lektüre, aber kein Muss. Und die Juden? ist inhaltlich stringent und liest sich sehr flüssig, auch wenn man eine klare Aufteilung in Kapitel zunächst vermisst. Vor allem regt der Band dazu an, sich selbst weiter mit dem Thema zu beschäftigen und einiges nachzugoogeln: Etwa den sehenswerten Kurzfilm The Y-Word über Antisemitismus im Fußball, die Debatte um „Jewface“, oder auch die Frage, warum Jüdischsein in den USA mehr „mainstream“ ist als im Vereinigten Königreich. Oder, wie Baddiel in einer Fußnote anmerkt:


„Die Vorstellung, das Jüdische als Identität könnte auf die Weise cool sein, in der es die meisten anderen Identitäten sein können, erscheint hier [in Großbritannien] noch immer etwas absurd.“


Was in Baddiels Worten fast ein wenig nonchalant klingt, ist im Kern eine sehr bittere Realität. Schließlich kann die Wahrnehmung einer Minderheit in sozialen Medien, Film, Fernsehen und Sport mit darüber entscheiden, ob eine von Rassismus und Ausgrenzung betroffene Gruppe erstgenommen wird und Rückhalt bekommen – oder eben nicht.

Dies illustriert Baddiel mit einigen anschaulichen Beispielen aus den aktuellen Diskursen. Kulturelle Aneignung gilt bei vielen antirassistisch positionierten Linken als problematisch, es sei denn, es betrifft die jüdische Kultur. Das N-Wort und das P-Wort gelten – zum Glück, wie Baddiel betont – als hochproblematisch, das Y-Wort wird hingegen als Schmähwort toleriert. Und Juden:Jüdinnen bleiben die einzige Minderheit, bei der in Film und Fernsehen der Schauspieler nicht in Übereinstimmung mit dem realen Gegenstück besetzt werden muss – wie das bei anderen Ethnizitäten, bei Autist:innen, trans Personen usw. lautstark eingefordert wird.

Gleich zu Beginn seines ersten Sachbuchs räumt Baddiel übrigens mit dem gängigen Vorurteil auf, weiß gelesene, heterosexuelle cis Männer seien automatisch privilegiert. Denn diese können eben auch z.B. jüdisch und damit Anfeindungen ausgesetzt sein. Erstaunlich und sehr schade ist, dass Baddiel diese Idee nicht weiterdenkt. Er übersieht, dass es keine homogene Gruppe der Juden:Jüdinnen gibt, die neben den trans Menschen, den Schwarzen Menschen, den Menschen mit Behinderung usw. existiert. Baddiel denkt nicht intersektional und verliert damit die Vielschichtigkeit von Identitäten aus dem Blick. Selbst (jüdische) Frauen werden bei ihm oftmals nicht mitgedacht. Und Schwarze Juden:Jüdinnen erwähnt er gar nirgends in seinem schmalen Band. Ob er noch nie  von Lenny Kravitz gehört hat?

Lesen sollte man sein Buch trotzdem und unbedingt. Weil es brandaktuell und augenöffnend ist, ohne zu beschönigen. Weil sich progressive moderne Linke endlich der unbequemen Frage stellen müssen, warum sie sich on- und offline kaum je solidarisch mit Juden:Jüdinnen zeigen, anders als sie es bei nahezu sämtlichen anderen diskriminierten Personengruppen tun.

Menschen, die glauben, auf der „richtigen Seite der Geschichte“ zu stehen, auf ihr großes Problem mit dem Antisemitismus aufmerksam zu machen – dafür braucht es Mut und Sensibilität. Baddiel hat beides. Er kann Tacheles reden und gleichzeitig eigene Fehler und blinde Flecken eingestehen. Well done.


Jo Ojan - 11. August 2022
ID 13749
Hanser-Link zu David Baddiels Und die Juden?


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