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Kinder- und Jugendbuch

Der schöne

Schein





Bewertung:    



Imogen Collins ist Influencerin auf Instagram und beglückt über eine Million Follower. Mit Werbung für trendige Marken und für extrem teures Outfit kann sie sich einen glamourösen Lebensstil leisten. Doch Imogen ist vernünftig. Sie weiß, wie schnell der schöne Schein vorbei sein kann. So beginnt sie ein Studium der Psychologie, um kurz danach auf Empfehlung ihres Professors einen Job bei einer innovativen Werbeagentur anzutreten. Doch die Sache hat einen Haken. Mörður, ihr Professor, hat versucht sie zu vergewaltigen und will sie sich mit dieser Art von Beförderung aus dem Weg schaffen.

Von London aus reist Imogen in die Filiale nach Reykjavik. Dieser Ortswechsel verbindet sie mit der zweiten Protagonistin im Buch, mit Hannah. Die muss nach dem Tod ihrer Mutter zu ihrem Vater von England aus ebenfalls nach Island ziehen. Während Hannah Probleme mit ihrer neuen Familie hat, trifft Imogen hier unerwartet ihren Professor von der Universität wieder, mit dem sie dank angewandter Psychologie nun perfide Werbekampagnen entwickeln soll.

Doch dann wird Mörður (zu deutsch: Marder) ermordet. Imogen gerät unter Verdacht. Hannah, die ein Praktikum bei einer Tageszeitung absolviert, wittert eine Story, will Imogen, in der sie in gewisser Hinsicht eine Leidensgenossin sieht, aber auch helfen.

Die Krimihandlung beschränkt sich nun auf die Recherche, wer der Mörder sein könnte. Das ist durchaus spannend, da Mördur - wen wundert es - eine Reihe von Feinden hat. Die um Imogen gestrickte Handlung ist jedoch nur bedingt überzeugend. Sie ist an dem Kult um ihre Person wenig interessiert. Fast schon gleichgültig produziert sie ihre Selfies für Instagram. Doch warum ist sie Trendsetterin geworden, wenn ihr die Sache selbst hol erscheint? Soll hier ein didaktisches Ziel verfolgt werden, dass der schöne Schein der sozialen Medien eben für´s Leben doch nichts taugt?

*

Unter Jugendbüchern habe ich oft Literatur gefunden, die keineswegs nur für ein junges Publikum geeignet ist. Manchmal sind die Protagonisten selbst Jugendliche wie im vorliegenden Fall. Und wer mit einer jungen Protagonistin leben kann, dem wird auch ein Blick auf die heutige Jugendkultur mit ihren Zwängen und Möglichkeiten eröffnet. Trotzdem erscheint mir Imogen mit ihren neunzehn Jahren ein wenig zu abgeklärt und welterfahren, was sie als Charakter für mich unglaubwürdig macht.

Positiv bleibt anzumerken, und das ist vielleicht auch dem Jugendbuch geschuldet, dass sehr verantwortlich mit dem Thema sexuelle Gewalt umgegangen wird. Bei der sonst durchaus üblichen Inflation von Gewaltexzessen zeigt die Autorin, dass bereits eine einzige versuchte Vergewaltigung für das Opfer zum unüberwindlichen Trauma führt:


"Im Bruchteil einer Sekunde schlug Imogens Euphorie in blanke Panik um. Das konnte nicht wahr sein. Das durfte nicht wahr sein. Die Angst jagte durch sie hindurch wie ein Gift, das von ihrem Herzen in ihren Körper gepumpt wurde und ihre Adern versengte, verätzte, in Fetzen sprengte." (Sif Sigmarsdóttir, Das dunkle Flüstern der Schneeflocken, S. 97)


Als Resümee bleibt ein gut zu lesender Roman, der sich jedoch aus vielen thematischen Töpfen bedient und damit zumindest der Spannung des angekündigten Nordic-Noir Thriller nicht gerecht wird. Für Islandfans könnte das Buch jedoch zum Genuss werden, da die pointierten Beschreibungen der Landschaft und des speziellen Lichts der Insel von der einheimischen Autorin überzeugend dargestellt werden:


"Als Imogen in den hellen Nachmittag hinaustritt, scheint vor ihren Augen eine Atomexplosion aufzuflammen. Der Himmel über Island hat eine andere Farbe als über Großbritannien. Er hat etwas Raues, Drückendes an sich, sein Licht sticht einem in die Augen wie Messerspitzen und legt so einen Schleier über die Welt, eine Art Filter. Bei bewölktem Wetter ist er seltsam weiß, aller Farben beraubt, doch sobald es aufklärt, treten alle Farbtöne überdeutlich, scharf wie ein Schrei hervor und jedes Detail wirkt wie vergrößert. Man fühlt sich, als wäre man in ein stark bearbeitetes Instagram-Foto hineingeraten." (S. 186)


Ellen Norten - 19. Dezember 2020
ID 12660
Verlagslink zu Das dunkle Flüstern der Schneeflocken von Sif Sigmarsdóttir


Post an Dr. Ellen Norten

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