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Zeitgeschichte

Ein charmanter

Schreibtischtäter





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Es hat etwas Beklemmendes. Da entpuppt sich Der Sessel, auf dem man jahrelang gemütlich seinen Feierabend verbrachte, als ein unheimliches Möbelstück, das Dokumente eines Nazis beherbergt – keine Science-Fiction, sondern ganz konkret. Tatsächlich stecken im Inneren des Sessels Papiere eines NS-Täters, die dort versteckt wurden und nun nach siebzig Jahren durch einen Polsterer, der dem Sessel ein neues Gesicht geben soll, wiederentdeckt werden. Warum sind die Papiere dort, und wer hat sie dort versteckt? Der Sessel wurde in der Nachkriegszeit gebraucht in einem Möbelladen in Prag erworben.

Der Historiker Daniel Lee hat versucht die Dokumente zu analysieren und sich auf die Suche begeben nach Robert Griesinger, dessen Name hier auftaucht, ein unbekannter Deutscher, der bisher im Rahmen der NS-Gräuel nicht auffällig wurde.

Daniel Lee begibt sich auf Spurensuche. Er findet die Töchter des Mannes, der 1945 in Prag zu Tode kam. Er identifiziert andere noch lebende Verwandte, reist sogar nach New Orleans, wo ein Teil der Familie Griesinger zu Zeiten der Sklaverei ein Unternehmen führte. Stück für Stück füllt sich das Puzzle, und wir lernen Robert Griesinger kennen:

Robert Griesinger, der charmante Nachbar von nebenan, der sich liebevoll um Frau und Kinder sorgte, ein tierlieber Hundefreund und ein Mann, dessen Unterschrift das Schicksal von hunderten, wenn nicht gar tausenden von Juden und Zwangsarbeitern in Stuttgart besiegelte.


"Sein Schreibtisch im 'Hotel Silber' stand ganz in der Nähe der Folterkammern, seine Mitgliedschaft in der SS war nicht harmlos, seine Methoden bei der Beschaffung von Zwangsarbeitern und seine Besuche in den Fabriken, in denen sie eingesetzt wurden, zeigen, dass er genau gewusst haben muss, was er tat, und man kann davon ausgehen, dass er auch von den Verbrechen der Wehrmacht gegen Juden und Kommunisten im Sommer 1941in der Ukraine eine ziemlich präzise Vorstellung hatte. Robert Giesinger wusste, was vor sich ging." (S. 290)


Es ist aufregend den Recherchen von Daniel Lee zu folgen und bedrückend, wie Robert Giesinger seine Zeit bei der SS mit dem damit verbundenen Familienleben organisierte, wie das „normale“ Leben eines Schreibtischtäters aussah.


"Mit diesem Buch soll gezeigt werden, dass es möglich ist, das Leben eines der gewöhnlichen NS-Täter nachzuzeichnen, von denen man bisher den Eindruck hatte, dass sie aus der Geschichte verschwunden sind. Einem solchen Mann wieder greifbare Gestalt zu geben, macht ihn zu einem Beispiel für Tausende von anonymen Tätern, deren Handlungen so viele Leben zerstört haben, deren Biografen aber nie ans Licht gebracht worden sind. Angesichts der Tatsache, dass es kaum noch jemanden gibt, der sich an sie erinnert, werden sie wohl auch nicht mehr geschrieben werden." (S. 289)


Übrigens ist es wohl keine Ausnahme, dass Möbelrestaurateure, insbesondere Polsterer, Dokumente finden. Doch „überleben“ die oft brisanten Schriftstücke nicht, landen stattdessen im Müll und geben ihre Informationen nicht mehr preis. Daniel Lee hat die Geschichte Robert Griesingers minutiös verfolgt und liefert so ein einzigartiges Zeitdokument, dass gleichzeitig spannend zu lesen ist.


Ellen Norten - 6. Juni 2021
ID 12957
dtv-Link zu Der Sessel von Daniel Lee


Post an Dr. Ellen Norten

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